Eine Stunde später ist Lena aufgetaucht, gähnend, sich ausgiebig streckend, in kurzen Seidenshorts und einem Top. Ganz automatisch steuerte sie auf die Kaffeemaschine zu, doch die stand blitzsauber und leer da.
„Oje, ist der Kaffee aus?“, warf sie in den Raum, offensichtlich in der Erwartung, Anna werde sofort aufspringen und dieses „Problem“ für sie beheben.
Anna, die gerade ihre eigene Tasse ausgespült hat, drehte nicht einmal den Kopf.
„Keine Ahnung. Meinen hab ich schon getrunken“, sagte sie in einem Ton, als hätte sie auf der Straße eine fremde Person angesprochen.
Lena erstarrte kurz, schnaubte dann verächtlich und knallte demonstrativ die Tür vom Eiskasten zu. Sie nahm sich ein Joghurt heraus, löffelte es im Stehen direkt aus dem Becher und ließ danach alles auf der Arbeitsplatte stehen, samt Löffel. Das war der erste Schuss in diesem stillen Krieg. Anna nahm ihn nicht einmal zur Kenntnis. Sie wusch ihr eigenes Geschirr ab, wischte die Abwasch trocken und ging dann in ihr Zimmer, um sich für die Arbeit fertigzumachen. Der Joghurtbecher blieb stehen — klebrig, klein und unübersehbar, wie ein Denkmal fremder Rücksichtslosigkeit.
So vergingen die nächsten Tage. Die Wohnung verwandelte sich in ein Gebiet mit unsichtbaren, aber deutlich spürbaren Grenzen. Anna kochte das Abendessen nur für zwei. Sie kaufte Lebensmittel nur für zwei Personen ein. In die Waschmaschine kamen ausschließlich ihre Sachen und die von Lukas. Der immer höher werdende Wäscheberg von Lena im Schmutzwäschekorb ließ sie völlig kalt. Das Wohnzimmer putzte sie gründlich, sparte aber auffällig genau jene Sofaecke aus, in der Lena ihre Häferl und Schokoladepapierln liegen ließ. Das Badezimmer wurde zum eigentlichen Schlachtfeld. Anna polierte Spiegel und Waschbecken, bis alles glänzte, doch die Tuben, offenen Verschlüsse und Haare, die Lena hinterließ, ignorierte sie vollständig.
Als Lena begriff, dass ihre passive Aggression ins Leere lief, wechselte sie zur offenen Provokation. Sie telefonierte lautstark und erzählte ihren Freundinnen, dass „gewisse Leute“ vor Eifersucht und innerer Leere offenbar den Verstand verlieren würden. Sie brachte lärmende Bekannte mit nach Hause, ausgerechnet dann, wenn Anna und Lukas da waren, und füllte die ruhige Wohnung mit fremdem Gelächter, Parfumgeruch und aufdringlicher Unruhe. Schmutziges Geschirr stellte sie nicht mehr in die Abwasch, sondern direkt auf den Tisch — bevorzugt neben Annas Platz.
Lukas geriet immer stärker zwischen die Fronten. Er wollte vermitteln, doch seine Versuche waren kraftlos und unbeholfen.
„Anna, könntest du vielleicht ein bissl mehr Suppe machen? Mir ist das ihr gegenüber irgendwie unangenehm …“, begann er am dritten Tag mit einschmeichelnder Stimme.
„Wenn es dir unangenehm ist, dann koch du. Die Töpfe stehen dort, wo sie immer stehen“, antwortete seine Frau kühl, ohne den Blick von ihrem Buch zu heben.
Als er es bei seiner Schwester versuchte, kippte das Gespräch sofort in Erpressung.
„Lukas, ich seh doch, wie sie mich anschaut! Sie hasst mich! Ich bin ihr nur im Weg! Wenn du das auch so siehst, pack ich sofort meine Sachen und fahr zum Bahnhof!“
Und er gab nach. Heimlich begann er, hinter Lena herzuräumen und ihr Geschirr abzuwaschen, sobald Anna es nicht sah. Er bestellte Pizza für alle, nur um diese peinlichen Abendessen zu zweit zu vermeiden. Mit dummen Witzen und Geschichten aus der Arbeit versuchte er, die Stille zu stopfen. Doch von seiner Frau kam ihm eine eisige Wand entgegen, von seiner Schwester ein freches, verächtliches Halbgrinsen. Gelöst hat er damit gar nichts. Er verschob nur das Unvermeidliche und machte die Luft in der Wohnung mit jedem Tag giftiger und schwerer zu ertragen. Der Countdown, den Anna gestartet hatte, tickte weiter — und wurde von Tag zu Tag lauter.
Am sechsten Tag, einem Samstagabend, unternahm Lukas seinen letzten verzweifelten Versuch. Er kam mit zwei schweren Einkaufssackerln aus einem teuren Supermarkt heim. Darin lagen marmorierte Steaks, Spargel, eine Flasche Wein — all das, was er früher für ihre vertrauten, besonderen Abende gekauft hatte. Das war seine weiße Fahne, ein unbeholfenes Friedensangebot. Im Wohnzimmer fand er beide Frauen vor: Anna hatte sich hinter ihrem Buch verschanzt, während Lena ihre Nägel lackierte und der beißende Geruch des Nagellacks den ganzen Raum erfüllte.
„Also“, sagte Lukas betont heiter und hob die Sackerln ein Stück an, „ich hab mir für heute etwas überlegt.“
