„Ich verwöhn uns heut ein bissl“, verkündete er mit einer Fröhlichkeit, die viel zu laut und viel zu angestrengt klang, während er die Einkäufe auf dem Küchentisch ausbreitete. „Machen wir uns einen schönen Familienabend. Wir setzen uns zusammen, essen ordentlich, reden in Ruhe.“
Anna hob schweigend den Blick über den Rand ihres Buches. Sie hatte sofort begriffen, worum es ging. Das war kein Versuch, sich ehrlich zu versöhnen. Das war die Vorbereitung auf eine Verhandlung, bei der sie auf der Anklagebank sitzen sollte, zuvor aber noch mit gutem Essen milde gestimmt werden sollte. Lena hingegen ist regelrecht aufgeblüht. Für sie war das keine Mahlzeit, sondern eine Bühne.
„Ach, Lukas, du bist wirklich ein Goldstück!“, trällerte sie und warf Anna einen kurzen, triumphierenden Blick zu. „Wie lang ist es her, dass wir so gemütlich beisammengesessen sind!“
Das Abendessen zog sich in einer gedrückten Stille dahin. Lukas rannte zwischen Küche und Tisch hin und her, schenkte Wein nach, schnitt das Fleisch auf und versuchte, mit kleinen Scherzen Stimmung zu machen. Doch seine Witze fielen ins Leere und zerschellten an den verschlossenen Gesichtern der beiden Frauen. Schließlich hielt er die Spannung nicht mehr aus, räusperte sich und setzte an.
„Mädels, warum tun wir uns das eigentlich an? Wir sind doch eine Familie. Irgendwie müssen wir uns doch einigen können. Anna, Lena … finden wir halt einen Kompromiss.“
Lena legte sofort ihre Gabel ab, als hätte sie nur auf dieses Stichwort gewartet. Ihr Gesicht nahm einen leidenden, beinahe tragischen Ausdruck an. Das war ihr Auftritt.
„Ich versteh überhaupt nicht, worüber man da noch reden soll, Lukas! Ich hab dir von Anfang an gesagt, dass ich ihr im Weg bin. Ich bin ihr ein Dorn im Auge! Sie will dich ganz für sich allein haben, sonst niemanden neben sich dulden. Ich bin deine leibliche Schwester, und sie … sie will mich einfach hinauswerfen!“
Sie sprach laut, pathetisch, ganz auf ihren einzigen Zuschauer ausgerichtet: ihren Bruder. Anna sah nicht einmal zu ihr hinüber. Langsam tupfte sie sich mit der Serviette die Lippen ab, dann wandte sie den Kopf zu ihrem Mann. Ihre Stimme war leise, aber in der totenstillen Küche wirkte sie lauter als jedes Geschrei.
„Lukas, mit ihr werde ich nichts ausverhandeln. Dieses Gespräch betrifft dich und mich. Du hast mich gebeten, Geduld zu haben und ihr Zeit zu geben. Ein halbes Jahr ist vergangen. In diesen sechs Monaten ist sie bei vier Bewerbungsgesprächen gewesen, zu zweien davon ist sie zu spät gekommen. Sie hat kein einziges Mal außerhalb ihres Zimmers sauber gemacht. Sie hat nicht einmal eine Semmel oder Brot für daheim mitgebracht. Im letzten Monat sind von deiner Kreditkarte, die du ihr für ‚kleine Ausgaben‘ gegeben hast, rund 150 Euro für Taxis und Lokale weggegangen. Vom kaputten Föhn und vom Badteppich, den sie mit Parfum und Kosmetik ruiniert hat, rede ich gar nicht erst. Das sind Fakten. Alles andere ist Gerede.“
Jeder ihrer Sätze war wie ein Nagel, den sie ruhig und gleichmäßig in den Sarg von Lukas’ zerbrechlicher Hoffnung auf Versöhnung schlug. Sie klagte nicht an, sie schimpfte nicht, sie wurde nicht verletzend. Sie zählte nur auf. Und gerade diese kühle, unanfechtbare Sachlichkeit machte Lukas mehr Angst als jeder hysterische Ausbruch. Er schaute zu seiner Schwester: Ihr Gesicht war vor gekränkter Empörung verzogen. Dann sah er zu seiner Frau: Annas Miene blieb ruhig, glatt, undurchdringlich. Er saß in der Falle.
Und er entschied sich. So, wie schwache Menschen sich entscheiden, wenn sie immer den bequemeren Weg suchen. Es war leichter, Lenas Manipulation nachzugeben, als der Wahrheit ins Gesicht zu schauen.
„Warum bist du denn so … so hart?“, brachte er schließlich hervor, vorwurfsvoll und kleinlaut zugleich. „Hättest du nicht ein bissl menschlicher mit ihr umgehen können? Ihr helfen, sie verstehen? Du siehst doch, wie schwer sie es hat. Warum kannst du kein Stück nachgeben? Du hast unser Zuhause in ein Schlachtfeld verwandelt!“
Das war genau der Satz, den Anna noch gebraucht hatte. Er hatte seine Schwester nicht nur verteidigt. Er gab ihr die Schuld. In diesem Augenblick begriff Anna, dass diese eine Woche völlig umsonst gewesen war. Die Entscheidung war längst gefallen, nur nicht von ihr.
Der Sonntagmorgen kam mit einer trügerischen Ruhe. Es war der siebte Tag, der letzte. Lena, überzeugt von ihrem vollständigen und endgültigen Sieg, plantschte auffallend lang im Bad herum und erschien danach summend in der Küche, irgendeinen Clubrhythmus vor sich hin murmelnd. Sie benahm sich wie jemand, der die Herrschaft im Haus nun endlich offiziell übernommen hatte. Lukas saß am Tisch.
