Die eigene Wohnung war für Anna längst kein Ort mehr, an dem sie durchatmen konnte.
Der endgültige Knick kam an einem ganz gewöhnlichen Dienstag. Anna hatte in der Arbeit länger bleiben müssen und kam erst gegen acht Uhr am Abend heim. Kaum hatte sie die Tür aufgesperrt, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. In der Wohnung waren Barbara — und ein ihr völlig unbekannter Mann, vielleicht Mitte dreißig, mit einer Tasche neben sich. Er saß in der Küche und aß, als wäre er hier daheim.
„Das ist Felix, mein Neffe“, erklärte Barbara, ohne auch nur den Anschein von Verlegenheit zu zeigen. „Er hat im Moment keine Bleibe. Ich hab ihm erlaubt, ein paar Tage bei euch unterzukommen. Platz ist ja genug da.“
Anna blieb in der Küchentür stehen. Felix hob kurz den Kopf, nickte ihr zu und wandte sich gleich wieder seinem Teller zu.
„Barbara“, sagte Anna nach einer kurzen Pause, „das ist unsere Wohnung. Sie können hier nicht einfach jemanden einquartieren, ohne dass wir einverstanden sind.“
„Ach geh“, winkte die Schwiegermutter ab. „Es geht doch nur um ein paar Tage. Was ist denn schon dabei? Lukas hat sicher nichts dagegen.“
Wie sich später am Abend herausstellte, hatte Lukas tatsächlich nichts dagegen. Genauer gesagt: Er hatte vorher gar nichts davon gewusst. Aber nachdem er es erfahren hatte, fand er die ganze Sache vollkommen in Ordnung.
„Anna, bitte. Es sind doch nur ein paar Tage. Der Mensch steckt halt gerade in einer schwierigen Lage.“
„Lukas, wir waren nicht daheim. Deine Mutter hat einen fremden Mann in unsere Wohnung gelassen, ohne uns auch nur einmal anzurufen. Findest du das normal?“
„Felix ist kein Fremder. Er gehört zur Familie.“
„Für mich ist er fremd.“
Wie so oft führte auch dieses Gespräch nirgends hin. Felix blieb vier Tage. In dieser ganzen Zeit hatte Anna das Gefühl, in den eigenen vier Wänden nur geduldet zu sein, als wäre sie selbst zu Besuch.
Danach bat sie Barbara, die Schlüssel zurückzugeben. Ruhig, ohne Streit, ohne erhobene Stimme. Sie bat einfach darum.
Barbara lachte. Nicht unsicher, nicht betreten — sie lachte richtig, als hätte Anna etwas vollkommen Lächerliches gesagt.
„Das ist die Wohnung meines Sohnes“, erklärte die Schwiegermutter. „Und ich komme her, wann immer ich will. Die Schlüssel gebe ich nicht her.“
„Barbara, rechtlich gehört diese Wohnung uns beiden. Und ich bitte Sie darum, dass Sie…“
„Du bittest gar nichts“, fiel Barbara ihr ins Wort. In ihrer Stimme lag kein offener Zorn, nur diese felsenfeste Gewissheit eines Menschen, der Widerspruch gar nicht erst als Möglichkeit betrachtet. „Lukas, sag du es ihr.“
Lukas sagte es ihr. Dass seine Mutter recht habe. Dass es immer schon so gewesen sei. Dass Anna auf ganz normale Fürsorge viel zu empfindlich reagiere.
Nach diesem Gespräch hörte Anna auf, irgendetwas erklären zu wollen. Worte hatten hier offensichtlich keine Wirkung mehr.
Also wartete sie. Nicht aus Hilflosigkeit, sondern weil sie begann, nüchtern zu rechnen.
Der Moment kam an einem unspektakulären Donnerstag. Anna hatte sich einen freien Tag genommen; die Müdigkeit hatte sich angestaut, und sie wollte einfach nur einmal daheim sein, in Ruhe, ohne Stimmen, ohne Erwartungen. Gegen Mittag klickte das Schloss. Anna saß im Zimmer mit einem Häferl Kaffee und einem Buch. Erst hörte sie Schritte im Vorzimmer, dann das Geräusch einer Kastentür im Schlafzimmer.
Sie stand auf und ging hinüber.
Barbara stand vor dem offenen Kasten und hielt einen Mantel in den Händen. Einen neuen, dunkelblauen Mantel, den Anna erst zwei Wochen zuvor gekauft und insgesamt vielleicht dreimal getragen hatte. Die Schwiegermutter betrachtete ihn, als würde sie ihn bereits an sich selbst sehen: Sie drehte den Kleiderbügel ein wenig, strich mit dem Blick über den Kragen und prüfte den Stoff.
„Barbara“, sagte Anna von der Tür aus.
Die Schwiegermutter zuckte nicht einmal zusammen. Sie drehte sich ganz gelassen um.
„Ach, du bist daheim. Das hab ich nicht gewusst.“ Dann nickte sie in Richtung Mantel und fügte hinzu: „Es macht doch nichts, wenn ich den nehme, oder? Ich brauche gerade so einen, und du hast ja eh genug Sachen.“
„Greifen Sie meine Sachen nicht an.“
Anna sah sie noch ein paar Sekunden lang an. Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer.
Barbara fuhr etwa eine halbe Stunde später wieder weg. Der Mantel hing weiterhin im Kasten. Aber in Anna hatte sich an diesem Tag etwas endgültig geordnet — klar, scharf und ohne jede Möglichkeit, es noch einmal anders zu deuten.
