Daran gab es nichts mehr zu rütteln. Kein Gespräch, keine Erklärung und kein neuer Versuch würde noch irgendetwas richten. Lukas würde sich nicht ändern. Und Barbara würde von sich aus nicht aufhören.
Am nächsten Vormittag hat Anna beim Schlüsseldienst angerufen.
Der Monteur ist gegen Mittag gekommen. Knapp vierzig Minuten hat er gearbeitet, dann ist er wieder gegangen. In der Wohnungstür saßen nun zwei neue Schlösser — stabile, teure, solche, bei denen man nicht das Gefühl hatte, sie würden beim ersten kräftigen Ruck nachgeben. Anna hat die neuen Schlüssel einen Moment lang in der Hand gewogen. Zwei Garnituren. Beide gehörten ihr. Dann steckte sie sie in ihre Handtasche.
Lukas ist an diesem Tag länger in der Arbeit geblieben. Barbara kam um halb sieben. Anna hat sie durch den Türspion gesehen. Ihre Schwiegermutter war nicht allein: Neben ihr stand Felix, mit verschränktem Gesichtsausdruck, als wäre er eigens als Verstärkung angerückt.
Dann kam das Geräusch eines Schlüssels, der ins Schloss geschoben wurde. Eine kurze Stille. Noch ein Versuch. Danach Barbaras Stimme — zuerst irritiert, dann immer schriller:
„Was ist denn das … Felix, schau dir das an. Der Schlüssel passt nicht.“
Anna stand im Vorzimmer auf der anderen Seite der Tür und rührte sich nicht.
„Anna!“ Barbara begann gegen die Tür zu hämmern. „Mach sofort auf! Was soll das heißen?“
Anna öffnete.
Barbara stand vor ihr, rote Flecken auf den Wangen, die alten Schlüssel fest in der Faust.
„Du hast die Schlösser austauschen lassen?! Ohne ein Wort zu sagen?! Sag einmal, wie kommst du überhaupt dazu?“
„Ich komme dazu“, sagte Anna.
Mehr nicht. Ganz ruhig, ohne Schärfe. In diesen drei Worten lag weder Wut noch Triumph. Nur die nüchterne Sicherheit eines Menschen, der eine Grenze gezogen hatte und nicht mehr bereit war, dahinter zurückzuweichen.
„Weißt du überhaupt, was du da machst?“ Barbara machte einen Schritt nach vorn, aber Anna blieb stehen. „Das ist die Wohnung meines Sohnes! Du hast überhaupt kein Recht dazu!“
„Es ist auch meine Wohnung. Und in meine Wohnung kommt ab jetzt niemand mehr ohne meine Erlaubnis.“
Felix hinter Barbara verschränkte die Arme vor der Brust.
„Mach auf“, sagte er in einem Ton, als wäre damit alles erledigt. „Sonst rufe ich die Polizei.“
„Rufen Sie ruhig an“, antwortete Anna. „Dann erklären Sie ihnen bitte gleich, warum Sie mit Schlüsseln in eine fremde Wohnung wollen, die Ihnen niemand gegeben hat.“
Das brachte Felix zum Schweigen. Er sah kurz zu Barbara hinüber. Sie aber holte sofort wieder Luft und begann noch lauter zu reden — so laut, dass es bestimmt bis zu den Nachbarn im Stiegenhaus drang. Es ging um eine angebliche Besetzung der Wohnung, darum, dass die Schwiegertochter die Familie hinausdränge, und darum, dass Lukas ja nicht einmal wisse, was seine Frau hier aufführe.
Lukas kam zwanzig Minuten später. Offenbar war er nach dem Anruf seiner Mutter sofort losgefahren; sein Gesicht war gerötet, der Atem noch unruhig.
„Anna, was ist da los?“ Er schaute erst seine Mutter an, dann seine Frau. „Warum hast du die Schlösser wechseln lassen?“
„Weil ich keine andere Möglichkeit mehr hatte, die Tür zu meinem Zuhause zu schließen.“
„Sie ist völlig durchgedreht!“, warf Barbara ein. „Lukas, sag ihr was! Sie soll die Schlüssel wieder hergeben!“
Lukas ging in die Wohnung und blieb mitten im Vorzimmer stehen. Anna sah ihn an — und erkannte genau dasselbe, was sie seit drei Jahren gesehen hatte: einen Mann, der zwischen zwei Ufern hin und hertrieb und sich weigerte, eines davon wirklich zu wählen.
„Mama hat recht“, sagte er schließlich. In seiner Stimme lag beinahe etwas Schuldbewusstes, nur wusste Anna nicht mehr, wem gegenüber — seiner Mutter oder ihr. „Du hättest wenigstens vorher etwas sagen müssen. Gib die Schlüssel zurück, dann reden wir in Ruhe darüber.“
„Darüber gibt es nichts mehr zu reden, Lukas.“
„Anna.“
„Drei Jahre lang habe ich geredet. Drei Jahre lang habe ich erklärt, gebeten, ausgehalten. Geändert hat sich nichts.“
Lukas presste die Zähne zusammen. Aus dem Gang drang Barbaras Stimme weiter herein, aber Anna hörte ihr nicht mehr zu.
„Dann stelle ich dir jetzt eine Bedingung“, sagte Lukas, und sein Ton wurde härter. „Entweder du gibst die Schlüssel zurück, oder … ich weiß nicht, wie es mit unserer Familie weitergehen soll. Verstehst du, was ich meine?“
Anna betrachtete ihn aufmerksam. Früher, irgendwann ganz am Anfang, hätte so ein Satz sie wahrscheinlich zum Einlenken gebracht. Jetzt aber sah sie nur einen Menschen vor sich, der ihr soeben endgültig gezeigt hatte, auf wessen Seite er stand. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hat sie innerlich nicht mehr gezögert.
