„Zehn Minuten zu Fuß. Das ist praktisch.“ sagte er, während Anna schweigend zusah, wie seine Mutter den Wohnungsschlüssel behielt

Ungerechte Nähe zermürbt ihre mühevolle, stolze Geduld.
Geschichten

Anna hat diese Wohnung beinahe aus eigener Kraft gekauft. Nicht, dass sie damals absichtlich jede Summe gegeneinander aufgerechnet hätte – es hat sich einfach so ergeben. Lukas hatte gerade erst die Stelle gewechselt, sein Gehalt war bescheiden, und der größte Teil der Anzahlung ist daher auf ihr hängen geblieben. Aus ihren Ersparnissen hat Anna 7.300 € beigesteuert – Geld, das sie vier Jahre lang zur Seite gelegt hatte, während sie als leitende Buchhalterin in einer Baufirma gearbeitet hat. Lukas legte 800 € dazu. Den Wohnkredit haben sie zwar gemeinsam aufgenommen, doch die monatlichen Raten von 210 € hat in Wahrheit fast immer sie gestemmt, weil ihr Einkommen verlässlich war, während es bei ihrem Mann Monate gab, in denen das Geld kaum für Lebensmittel gereicht hat. Im Grundbuch standen sie beide, aber tief in sich drinnen wusste Anna immer: Diese Wohnung gehört eigentlich ihr. Nicht aus Geiz. Sondern weil es schlicht der Wahrheit entsprach.

Barbara ist unmittelbar nach der Hochzeit in ihr Leben getreten. Genauer gesagt: Verschwunden war sie auch davor nie gewesen, nur hatte sich ihre ständige Anwesenheit früher ausschließlich auf Lukas bezogen. Nun betraf sie plötzlich auch Anna. Den Schlüssel zur Wohnung hatte die Schwiegermutter von Anfang an. Lukas hatte ihn ihr sogar noch vor dem Einzug gegeben – „für den Notfall“, wie er sagte. Man könne ja nie wissen. Vielleicht platzt ein Rohr, während sie beide in der Arbeit sind.

„Mama wohnt doch gleich in der Nähe“, meinte er damals. „Zehn Minuten zu Fuß. Das ist praktisch.“

Anna hat damals nichts darauf erwidert. Überhaupt hat sie in der ersten Zeit sehr viel geschwiegen. Sie beobachtete, gewöhnte sich ein, versuchte, keine Streitigkeiten heraufzubeschwören, wo vielleicht gar keine waren. Vielleicht, dachte sie, ist Barbara einfach so: unruhig, überfürsorglich, unfähig, ihren Sohn wirklich loszulassen. So etwas gibt es. Also beschloss Anna, Geduld zu haben.

Barbara kam zu den unterschiedlichsten Zeiten. Manchmal stand sie um halb acht in der Früh in der Wohnung, wenn Anna noch nicht einmal im Bad gewesen war. Manchmal tauchte sie mitten am Tag auf, während Anna von daheim arbeitete. Und manchmal kam sie gegen Abend – ohne Anruf, ohne Vorwarnung. Nur das Schloss klickte, und gleich darauf hallte ihre Stimme durch den Vorraum:

„Ich bin’s nur, erschreckt euch nicht.“

Anna erschrak jedes einzelne Mal.

Barbara kam niemals einfach nur vorbei, um ein bisschen zu sitzen, Tee zu trinken oder zu plaudern. Jeder ihrer Besuche hatte den Charakter einer Kontrolle. Systematisch ging sie durch die Wohnung, öffnete die Kästen in der Küche, schaute in den Kühlschrank, rückte Töpfe so zurecht, wie es ihrer Meinung nach richtig war. Einmal warf sie ein halbes Kilo Buchweizen weg, weil sie entschieden hatte, das Getreide sei alt. Anna hatte es drei Tage zuvor gekauft. Ein anderes Mal räumte sie sämtliche Handtücher aus dem Bad in einen anderen Kasten, nur weil sie fand, dort gehörten sie besser hin.

Nach jedem dieser Besuche rief Barbara bei Lukas an. Anna hörte diese Gespräche nie vollständig mit, aber sie wusste, worum es gegangen war, sobald ihr Mann später heimkam und sie seinen Gesichtsausdruck sah.

„Mama sagt, du hast den Herd nach dem Kochen nicht abgewischt.“

„Mama sagt, im Bad liegen schon wieder Sachen herum.“

„Mama sagt, du kannst den Platz in der Wohnung überhaupt nicht ordentlich organisieren.“

Anna sah ihn dann an und fragte sich: Hört er sich eigentlich selbst zu? Begreift er, was er da gerade sagt?

„Lukas“, sagte sie eines Tages ruhig, „ich möchte nicht, dass deine Mutter ohne Anruf hereinkommt. Es ist unangenehm. Es passt mir nicht. Ich will mich in meinem eigenen Zuhause sicher fühlen.“

Lukas seufzte in einem Ton, als müsste er einem Kind etwas völlig Selbstverständliches erklären.

„Anna, das ist doch meine Mama. Sie meint es nicht böse. Sie will nur helfen. Halt es noch ein bisserl aus, sie wird sich schon beruhigen.“

Aber Barbara beruhigte sich nicht.

Ein Jahr verging, dann ein zweites. Die Besuche wurden nicht seltener. Die Bemerkungen hörten nicht auf. Anna lernte, nach außen hin gelassen zu bleiben – nicht zurückzufauchen, nicht lauter zu werden –, doch innerlich verschob sich langsam etwas. Jeden Morgen, sobald sie die Augen öffnete, hielt sie für einen kurzen Moment den Atem an und dachte: Kommt sie heute oder bleibt sie weg? Und jedes Mal, wenn Anna nach der Arbeit heimkam, war da bereits diese angespannte Erwartung.

Hedis Stube