„Zehn Minuten zu Fuß. Das ist praktisch.“ sagte er, während Anna schweigend zusah, wie seine Mutter den Wohnungsschlüssel behielt

Ungerechte Nähe zermürbt ihre mühevolle, stolze Geduld.
Geschichten

Schon im Stiegenhaus wurde ihr Schritt langsamer, sobald sie vor der Wohnungstür stand: War drinnen noch alles so, wie sie es in der Früh zurückgelassen hatte – oder war wieder jemand da gewesen?

Die eigene Wohnung war kein Ort mehr, an dem sie wirklich durchatmen konnte.

Der eigentliche Bruch ist an einem ganz gewöhnlichen Dienstag passiert. Anna ist in der Arbeit länger aufgehalten worden und erst gegen acht Uhr am Abend heimgekommen. In der Küche fand sie Barbara – und neben ihr einen fremden Mann, ungefähr fünfunddreißig, mit einer Tasche bei sich. Er saß am Tisch und aß, als wäre er hier daheim.

„Das ist Maximilian, mein Neffe“, erklärte Barbara völlig ungerührt. „Er hat im Moment nirgends eine Bleibe. Ich hab ihm gesagt, er kann ein paar Tage bei euch unterkommen. Platz ist ja genug.“

Anna blieb in der Küchentür stehen. Maximilian hob kurz den Kopf, nickte ihr zu und wandte sich dann wieder seinem Teller zu.

„Barbara“, sagte Anna nach einem Moment, bemüht, ruhig zu bleiben, „das ist unsere Wohnung. Sie können hier nicht einfach jemanden einquartieren, ohne uns vorher zu fragen.“

„Ach geh“, winkte die Schwiegermutter ab. „Es sind doch nur ein paar Tage. Was soll denn dabei sein? Lukas hat sicher nichts dagegen.“

Wie sich später am Abend herausstellte, hatte Lukas tatsächlich nichts dagegen. Genauer gesagt: Er hatte vorher gar nichts davon gewusst. Aber nachdem er es erfahren hatte, fand er die Sache vollkommen in Ordnung.

„Anna, es geht doch nur um ein paar Tage. Der Mann steckt halt gerade in einer schwierigen Lage.“

„Lukas, wir waren nicht einmal daheim. Deine Mutter hat einen fremden Menschen in unsere Wohnung gelassen, ohne uns auch nur anzurufen. Findest du das normal?“

„Maximilian ist kein Fremder. Er gehört zur Familie.“

„Für mich ist er ein Fremder.“

Wie so oft verlief das Gespräch im Sand. Maximilian blieb vier Tage. Während dieser ganzen Zeit hatte Anna das Gefühl, in den eigenen vier Wänden nur geduldet zu sein, als wäre sie selbst bloß zu Besuch.

Danach bat sie Barbara, die Schlüssel zurückzugeben. Ohne Streit, ohne erhobene Stimme. Sie sagte es schlicht und sachlich.

Barbara lachte. Nicht verlegen, nicht unsicher – sie lachte richtig, als hätte Anna etwas vollkommen Absurdes gesagt.

„Das ist die Wohnung meines Sohnes“, erklärte sie. „Und ich werde hierherkommen, wann immer ich will. Die Schlüssel gebe ich nicht her.“

„Barbara, rechtlich gehört diese Wohnung uns beiden. Und ich bitte Sie darum …“

„Du bittest hier um gar nichts“, fiel Barbara ihr ins Wort. In ihrer Stimme lag nicht einmal Zorn, nur diese feste Überzeugung eines Menschen, der Widerspruch gar nicht erst als Möglichkeit in Betracht zog. „Lukas, sag du es ihr.“

Lukas sagte es. Dass seine Mutter recht habe. Dass es bei ihnen immer schon so gewesen sei. Dass Anna viel zu empfindlich auf ganz normale Fürsorge reagiere.

Nach diesem Gespräch hörte Anna auf, irgendetwas erklären zu wollen. Worte, das war nun offensichtlich, kamen hier nicht mehr an.

Sie begann zu warten. Nicht, weil sie schwach gewesen wäre, sondern weil sie abwog.

Die Entscheidung fiel an einem unscheinbaren Donnerstag. Anna hatte sich einen freien Tag genommen; die Müdigkeit der letzten Wochen hatte sich aufgestaut, und sie wollte einfach nur einmal daheim sein, in Ruhe, ohne Stimmen, ohne Rechtfertigungen. Gegen Mittag klickte das Schloss. Anna saß im Zimmer mit einem Häferl Kaffee und einem Buch. Dann hörte sie Schritte im Vorzimmer, kurz darauf das Geräusch eines Kastens, der im Schlafzimmer geöffnet wurde.

Anna stand auf und ging hinüber.

Barbara stand vor dem offenen Kasten und hielt einen Mantel in den Händen. Einen neuen, dunkelblauen Mantel, den Anna erst vor zwei Wochen gekauft und gerade dreimal getragen hatte. Die Schwiegermutter betrachtete ihn, als würde sie ihn in Gedanken bereits anprobieren: Sie drehte den Kleiderbügel, musterte den Kragen, strich über den Stoff.

„Barbara“, sagte Anna von der Tür aus.

Die Schwiegermutter zuckte nicht einmal zusammen. Sie drehte sich ganz gelassen um.

„Ach, du bist daheim. Das hab ich nicht gewusst.“ Dann nickte sie zum Mantel hin. „Ist es ein Problem, wenn ich den nehme? Ich brauch grad so einen, und du hast ja ohnehin genug Sachen.“

„Greifen Sie meine Sachen nicht an.“

Anna sah sie noch ein paar Sekunden lang an. Dann wandte sie sich um und verließ das Zimmer.

Barbara fuhr eine halbe Stunde später weg. Der Mantel hing wieder im Kasten. Doch in Anna hatte sich an diesem Tag endgültig etwas zurechtgerückt – klar, ruhig und nicht mehr rückgängig zu machen.

Hedis Stube