„Zehn Minuten zu Fuß. Das ist praktisch.“ sagte er, während Anna schweigend zusah, wie seine Mutter den Wohnungsschlüssel behielt

Ungerechte Nähe zermürbt ihre mühevolle, stolze Geduld.
Geschichten

Kein Gespräch würde daran noch etwas ändern. Lukas würde sich nicht ändern. Und Barbara würde von allein nicht aufhören.

Am nächsten Vormittag hat Anna beim Schlüsseldienst angerufen.

Der Monteur ist gegen Mittag gekommen. Er hat knapp vierzig Minuten gearbeitet, ruhig, sachlich, ohne unnötige Fragen. Als er wieder gegangen ist, waren in der Wohnungstür zwei neue Schlösser eingesetzt — solide, teure, keine provisorische Lösung. Anna hat die neuen Schlüssel in der Hand liegen lassen, einen Moment lang. Zwei Garnituren. Beide gehörten ihr. Dann hat sie sie in ihr Sackerl gesteckt.

Lukas ist an diesem Tag länger in der Arbeit geblieben. Barbara ist um halb sieben aufgetaucht; Anna hat sie durch den Spion gesehen. Sie war nicht allein. Neben ihr stand Maximilian, die Arme breit, das Gesicht wichtig, als wäre er als Verstärkung bestellt worden.

Dann kam das Geräusch eines Schlüssels, der ins Schloss geschoben wurde. Eine kurze Stille. Noch ein Versuch. Metall kratzte, aber nichts drehte sich. Danach Barbaras Stimme, zuerst unsicher, dann immer schärfer:

„Was soll denn das … Maximilian, schau dir das an. Der Schlüssel passt nicht.“

Anna stand im Vorzimmer, auf der anderen Seite der Tür, und rührte sich nicht.

„Anna!“ Barbara begann gegen die Tür zu klopfen, erst mit den Knöcheln, dann richtig laut. „Mach sofort auf! Was geht da vor?“

Anna öffnete.

Barbara stand vor ihr, rote Flecken auf den Wangen, den alten Schlüsselbund fest in der Faust eingekrallt.

„Du hast die Schlösser austauschen lassen?! Ohne ein Wort?! Sag einmal, wie kommst du überhaupt dazu?“

„Ich komm dazu“, sagte Anna.

Ganz schlicht. Ohne erhobene Stimme, ohne Spott, ohne Genugtuung. In diesen drei Worten lag keine Wut. Nur die ruhige Sicherheit eines Menschen, der eine Entscheidung getroffen hatte und nicht mehr zurückwich.

„Begreifst du eigentlich, was du da machst?“ Barbara machte einen Schritt nach vorn, doch Anna blieb stehen. „Das ist die Wohnung von meinem Sohn! Du hast überhaupt kein Recht dazu!“

„Es ist auch meine Wohnung. Und in meine Wohnung kommt ab jetzt niemand mehr hinein, wenn ich es nicht erlaubt habe.“

Hinter Barbara verschränkte Maximilian die Arme vor der Brust.

„Mach auf“, sagte er in einem Ton, als wäre die Sache damit erledigt. „Sonst ruf ich die Polizei.“

„Rufen Sie sie“, antwortete Anna. „Dann erklären Sie ihnen gleich, warum Sie mit Schlüsseln vor einer fremden Wohnung stehen, die Ihnen niemand gegeben hat.“

Das brachte Maximilian aus dem Tritt. Er sah kurz zu Barbara hinüber. Barbara fing dafür umso lauter wieder an. Laut genug, dass die Nachbarn im Stiegenhaus es hören mussten, und sie wusste das auch. Sie redete von Wegnehmen, von Ausgrenzen, davon, dass die Schwiegertochter die eigene Familie aus der Wohnung dränge. Und dass Lukas ja gar nicht wisse, was seine Frau da aufführe.

Lukas kam zwanzig Minuten später. Offenbar war er nach dem Anruf seiner Mutter sofort losgefahren. Sein Gesicht war gerötet, seine Jacke halb offen, und er blieb zuerst zwischen den beiden Frauen stehen, als hätte er gehofft, allein durch seine Anwesenheit werde alles wieder normal.

„Anna, was ist da los?“ Er schaute erst zu seiner Mutter, dann zu ihr. „Warum hast du die Schlösser wechseln lassen?“

„Weil ich keine andere Möglichkeit mehr gesehen hab, die Tür zu meinem Zuhause zuzumachen.“

„Sie ist völlig übergeschnappt!“, rief Barbara vom Gang her. „Lukas, sag ihr was! Sie soll die Schlüssel herausgeben!“

Lukas ging in die Wohnung hinein und blieb mitten im Vorzimmer stehen. Anna sah ihn an. Und wieder sah sie genau das, was sie seit drei Jahren gesehen hatte: einen Mann, der zwischen zwei Ufern hin und her lief und sich weigerte, eines davon wirklich zu wählen.

„Mama hat schon recht“, sagte er schließlich. In seiner Stimme lag etwas Schuldbewusstes, aber Anna konnte nicht mehr unterscheiden, wem gegenüber — ihr oder Barbara. „Du hättest wenigstens vorher mit mir reden müssen. Gib ihr die Schlüssel zurück, dann setzen wir uns zusammen und klären das in Ruhe.“

„Da gibt es nichts mehr zu klären, Lukas.“

„Anna.“

„Drei Jahre lang hab ich geredet. Drei Jahre lang hab ich erklärt, gebeten, ausgehalten. Geändert hat sich gar nichts.“

Lukas presste die Zähne aufeinander. Aus dem Gang redete Barbara weiter, doch Anna hörte ihr nicht mehr zu. Dieses Geräusch gehörte schon nicht mehr zu ihrem Leben.

„Dann stell ich dir jetzt eine Bedingung“, sagte Lukas, und seine Stimme wurde härter. „Entweder du gibst die Schlüssel zurück, oder … ich weiß nicht, was dann mit unserer Familie passiert. Verstehst du, was ich meine?“

Anna sah ihn lange und sehr aufmerksam an. Früher, irgendwann, hätte so ein Satz sie vielleicht zum Schweigen gebracht. Vielleicht hätte sie Angst bekommen, nachgegeben, sich entschuldigt, obwohl sie nichts falsch gemacht hatte. Jetzt aber sah sie nur noch einen Menschen vor sich, der ihr in diesem Moment endgültig zeigte, auf wessen Seite er stand. Und genau damit war für sie alles entschieden.

Hedis Stube