So eigenartig es auch klingen mochte: Das war leichter auszuhalten als drei Jahre voller Ungewissheit.
„Ich verstehe“, sagte sie ruhig. „Geh zu deiner Mutter, Lukas.“
„Was?“
„Ich meine es ernst. Geh. Deine Sachen holst du morgen, wenn du dich beruhigt hast. Die Schlüssel lege ich bei der Nachbarin ab.“
Lukas starrte sie an, als rechne er jeden Moment damit, dass sie lachen, zurückrudern oder behaupten würde, das sei alles nicht so gemeint gewesen. Aber Anna lachte nicht.
„Du hast keine Ahnung, was du da gerade machst“, sagte er leise.
„Doch“, antwortete sie. „Das weiß ich sehr genau.“
Draußen im Vorzimmer verkündete Barbara mit triumphierendem Unterton, sie habe es ja immer gewusst: Diese Frau habe weder Herz noch Verstand. Maximilian murmelte zustimmend irgendetwas dazu. Lukas blieb noch eine Minute stehen, als wolle er sich vergewissern, dass Anna nicht doch noch nachgeben würde. Dann griff er nach seiner Jacke und ging hinaus. Anna schloss hinter ihm die Tür. Das neue Schloss rastete mit einem klaren Klicken ein.
Sie ging in die Küche, setzte den Wasserkocher auf und setzte sich ans Fenster. Draußen war es inzwischen dunkel geworden.
Lukas holte seine Sachen zwei Tage später. Er kam in der Früh, als Anna bereits in der Arbeit war. Mitgenommen hat er Kleidung, seinen Laptop und ein paar Unterlagen. Die Schlüssel ließ er da – jene neuen, die Anna bei der Nachbarin für ihn hinterlegt hatte. Sie lagen auf dem Küchentisch, daneben ein Zettel. Darauf stand, er brauche Zeit, um über alles nachzudenken. Anna las die Zeilen, faltete das Blatt zusammen und legte es in eine Lade.
Zeit hatte sie ebenfalls. Und nachgedacht hatte sie längst – nicht hektisch, nicht weinend, sondern mit jener nüchternen Klarheit, die sich einstellt, wenn eine Entscheidung, die man viel zu lange vor sich hergeschoben hat, endlich getroffen ist.
Eine Woche später machte sie einen Termin bei einer Juristin aus. Nicht, weil sie es besonders eilig gehabt hätte, sondern weil sie wissen wollte, wie die Sache rechtlich tatsächlich aussah. Die Juristin war eine ältere Frau mit kerzengeradem Rücken und der Angewohnheit, kein Wort zu verschwenden. Anna schilderte ihr die Situation. Die Frau hörte aufmerksam zu, machte sich einige Notizen und fragte dann, ob es Unterlagen zur ursprünglichen Anzahlung und eine Übersicht über die bisherigen Kreditraten gebe.
Diese Unterlagen gab es. Anna hatte alles aufgehoben: Kontoauszüge, Zahlungsbestätigungen, den Kaufvertrag, Bankbestätigungen. Vier Jahre lang Buchhaltung in einer Baufirma zu machen, war also doch nicht umsonst gewesen.
Die Juristin ging die Papiere sorgfältig durch, hob schließlich den Blick und sagte:
„Ihre Ausgangslage ist gut.“
Danach nahm alles seinen vorgesehenen Lauf. Langsam, Schritt für Schritt: über das Gericht, über Gutachten, über die unvermeidlichen Versuche von Lukas, sich außergerichtlich zu einigen – allerdings selbstverständlich zu Bedingungen, die für ihn günstig gewesen wären. Anna erschien zu den Gesprächen, hörte zu und antwortete knapp. Einmal rief Barbara an und teilte ihr mit, Anna werde das alles noch bereuen, denn Karma sei eine furchtbare Sache. Anna erwiderte höflich, sie werde diese Ansicht zur Kenntnis nehmen, und verabschiedete sich.
Das Gericht befasste sich drei Monate mit der Angelegenheit. Anna legte ein vollständiges Konvolut an Nachweisen vor: den Kaufvertrag, Bestätigungen über die Herkunft ihrer persönlichen Ersparnisse und die gesamte Historie der Kreditrückzahlungen. Daraus ging deutlich hervor, dass der überwiegende Teil der Zahlungen von ihr geleistet worden war. Lukas versuchte zwar, die Aufteilung der Anteile anzufechten, doch sein Anwalt musste mit dem arbeiten, was vorhanden war – und vorhanden war nicht besonders viel.
Am Ende sprach das Gericht Anna zwei Drittel der Wohnung zu. Lukas erhielt eine finanzielle Abgeltung, die seinem tatsächlichen Beitrag entsprach. Barbara bekam gar nichts, weil sie nie irgendeinen Anspruch auf diese Wohnung gehabt hatte. Nur hatte sich früher niemand die Mühe gemacht, sie daran zu erinnern.
Anna erfuhr an einem ganz gewöhnlichen Arbeitstag in der Mittagspause von der Entscheidung. Sie las die Nachricht ihrer Juristin, sperrte das Handy wieder und aß ihren Suppenteller leer.
Einen Monat nachdem alles erledigt und eingetragen war, kaufte sie einen neuen Topf für den Fikus. Einen großen, keramischen, in warmem Terrakotta. Sie setzte die Pflanze um und stellte sie wieder an denselben Platz beim Fenster. In den ersten Tagen ließ der Fikus ein wenig die Blätter hängen – so ist das eben nach dem Umtopfen. Doch dann richtete er sich auf und begann, sich dem Licht entgegenzustrecken.
Anna stand in der Früh oft mit einem Kaffee in der Hand davor und betrachtete ihn. Und jedes Mal dachte sie, dass er wahrscheinlich schon längst mehr Platz gebraucht hatte.
Es hatte ihn nur niemand rechtzeitig umgetopft.
