– Überweis meiner Mutter heute noch 6.000 €. Ohne Diskussion, Anna. Du bist schließlich meine Frau und nicht irgendeine Fremde.
Lukas stand mitten in der Küche, das Hemd frisch gebügelt, und hielt das Handy in der Hand, als hätte er die Auseinandersetzung längst gewonnen. Auf dem Display leuchtete Marias Nachricht: „Sohn, schieb es nicht hinaus. Mir ist das vor den Leuten unangenehm.“
Anna stellte ihr Häferl langsam auf den Tisch.
– Vor welchen Leuten?
– Vor ganz normalen Leuten, – fuhr ihr Mann sie an. – Mama hat schon mit den Handwerkern geredet. Ihre alte Gemeindebauwohnung fällt ihr bald auseinander, und du sitzt auf deinen Ersparnissen wie auf einem Schatzkisterl.

– Das ist das Geld von meinem Vater.
– Und? Was soll daran anders sein? – Lukas zog spöttisch den Mundwinkel hoch. – Wir sind eine Familie. Also haben wir auch gemeinsame Sorgen. Oder bist du nur dann eine gute Ehefrau, wenn es nichts kostet?
Anna schaute ihn an. Sie war zweiundvierzig, Lukas vierundvierzig. Elf Jahre waren sie verheiratet. In dieser Zeit hatte sie gelernt, jede Schattierung seiner Unzufriedenheit zu erkennen: wann er wirklich zornig war, wann er nur die Worte seiner Mutter nachsprach und wann er sie einfach so lange drängen wollte, bis sie nachgab.
Jetzt sprach nicht nur er.
Hinter seiner Schulter stand Maria. Klein, gepflegt, mit silbergrau gelegtem Haar und diesem ewigen Blick auf die Schwiegertochter, als wäre Anna eine Angestellte, die man aus reiner Gnade duldete.
– Annalein, – zog Maria gedehnt, – warum stellst du dich denn so an? Ich verlange ja kein Vermögen. Nur 6.000 €. Der Lukas gibt es dir später eh zurück.
– Wann?
– Wenn er kann.
– Und schreiben Sie mir einen Schuldschein?
Lukas riss den Kopf herum.
– Meinst du das jetzt ernst?
– Sehr ernst.
– Meine Mutter soll dir einen Schuldschein ausstellen? Die Mutter deines eigenen Mannes?
Maria stieß leise einen Seufzer aus und legte sich die Hand an die Brust. Nicht vor Schmerz. Nicht aus Schwäche. Einfach wirkungsvoll. Sie hatte es immer verstanden, Anna so aussehen zu lassen, als wäre sie die Schuldige.
– Lukas, lass nur, – sagte sie. – Ich hab ja gewusst, dass es so kommt. Fremdes Blut bleibt fremdes Blut.
Anna antwortete nicht. Sie nahm ihr Handy, öffnete die Bank-App und sah auf ihre Rücklagen. Die 6.000 € lagen auf einem eigenen Konto. Kurz vor seinem Tod hatte ihr Vater knapp gesagt: „Wirf nicht alles in den gemeinsamen Topf. Behalt dir etwas, worauf du dich stützen kannst.“ Damals war sie beleidigt gewesen. Jetzt begriff sie, dass er Menschen einfach gut durchschaut hatte.
– Ich überweise es, – sagte sie.
Lukas entspannte sich sofort.
– Na also. Geht doch, wenn du dich normal aufführst.
– Ich geh nur kurz ins Zimmer. Ich muss das Limit bestätigen.
– Aber mach schnell. Mama geht eine Minute zur Nachbarin hinunter, dann fahren wir gemeinsam zu ihr.
Maria presste die Lippen zusammen.
– Barbara wartet unten beim Hauseingang. Ich hab ihr versprochen, ihr die Schlüssel für die Abstellkammer zu geben.
Anna ging in den Vorraum. Die Zimmertür stand einen Spalt offen. Sie setzte sich auf die Bettkante, doch sie überwies nichts. Ihre Finger blieben über dem Bildschirm stehen. In der Küche schenkte Lukas seiner Mutter leise Tee ein. Dann fiel die Wohnungstür ins Schloss.
Die Schwiegermutter war hinausgegangen.
Anna wollte die App gerade schließen, als durch das gekippte Fenster Marias Stimme hereindrang. Die Küchenfenster gingen zum Innenhof hinaus, und die Bank beim Eingang stand genau darunter.
– Na? – fragte die Nachbarin. – Gibt sie es her?
– Wo soll sie denn hin? – Maria lachte leise. – Lukas wird sie schon weichklopfen. Sie ist ja so nachgiebig. Läuft ständig mit schlechtem Gewissen herum.
– Und wenn sie es zurückverlangt?
– Soll sie nur. Sie überweist es selber, ohne Vertrag. Danach sag ich: Es war ein Geschenk. Hilfe für eine alte Frau. Von Schulden kann keine Rede sein.
Anna saß wie erstarrt.
– Und die Renovierung, stimmt die überhaupt? – fragte Barbara.
– Welche Renovierung? – Maria kicherte gedämpft. – Ich hab Sophie das Geld für die erste Anzahlung versprochen. Das Mädel will heiraten, sie braucht es nötiger. Und die da soll froh sein, dass Lukas überhaupt noch mit ihr lebt. Keine Kinder, keine besondere Schönheit, mittelmäßiges Gehalt. Eine Mitesserin mit Stolz.
– Weiß Lukas davon?
– Lukas weiß das Wichtigste: Seine Mutter rät ihm nichts Schlechtes. Ich hab ihm gesagt, Anna gehört endlich an ihren Platz gestellt. Gibt sie das Geld her, bleibt sie folgsam. Gibt sie es nicht her, dann ist sie keine Familie.
Die Worte fielen ganz ruhig. Sie schlugen nicht zu, sie brannten nicht. Sie zogen Anna nur den alten Schleier von den Augen.
Anna schloss die Bank-App. Dann öffnete sie die Notizen und schrieb eine einzige Zeile: „6.000 € nicht überweisen.“
In der Küche ging Lukas bereits unruhig auf und ab. Seine teure Uhr blitzte neben seinem Gesicht auf. Immer, wenn er wie der Herr im Haus wirken wollte, fuchtelte er mit der Hand.
– Was ist jetzt? – rief er.
Anna kam zurück.
– Es gibt keine Überweisung.
Er begriff es nicht sofort.
– Was heißt, es gibt keine?
– Das heißt, dass ich deiner Mutter kein Geld überweise.
– Fängst du schon wieder damit an?
– Nein. Ich habe gerade damit aufgehört.
Lukas machte einen Schritt auf sie zu.
– Anna, spiel dich nicht auf. Mama wartet.
– Ich habe ihr Gespräch mit Barbara gehört.
Für einen Augenblick schien die Küche enger zu werden. Lukas blinzelte. Dann verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
