„Du bist schließlich meine Frau und nicht irgendeine Fremde“, forderte Lukas in der Küche, das Handy mit Marias Nachricht in der Hand, während Anna kühl einen Schuldschein verlangte

Diese Forderung ist zynisch und zutiefst respektlos.
Geschichten

– Und was willst du da gehört haben? Alte Frauen reden halt viel, wenn der Tag lang ist.

– Dass es keine Sanierung geben wird. Dass das Geld an Sophie weitergereicht werden soll. Dass niemand vorhat, mir irgendetwas schriftlich zu bestätigen. Und dass ich hier nur eine bin, die sich eingenistet hat.

– Das hat sie vielleicht im Affekt gesagt.

– Für Affekt hat sie erstaunlich ruhig geklungen.

Lukas schleuderte sein Handy auf den Tisch.

– Aha. So ist das also? Wegen ein paar dahingesagter Sätze lässt du meine Mutter hängen?

– Nicht wegen Sätzen. Wegen der Wahrheit.

– Du bist wirklich verwöhnt geworden, Anna. Lebst in meiner Familie, trägst meinen Namen, und wegen 6.000 € stellst du dich an, wenn es um die Mutter deines Mannes geht.

– Um deine Mutter. Nicht um meine.

Er lachte scharf auf, ohne jede Wärme.

– Endlich. Da ist sie ja, die echte Anna.

In diesem Moment ging die Wohnungstür auf. Maria trat herein, mit einem Gesicht, als hätte sie schon vor dem ersten Wort gespürt, dass etwas aus dem Ruder gelaufen war.

– Lukas?

– Sie überweist nicht.

Maria nahm langsam ihr Kopftuch ab.

– Warum nicht?

– Weil ich Ihr Gespräch vor dem Hauseingang mitgehört habe.

Maria sah Anna an. Nicht erschrocken. Eher verärgert.

– Lauschen gehört sich nicht.

– Lügen auch nicht.

– Na schau, wie grundsatztreu wir plötzlich sind. Elf Jahre lang neben meinem Sohn leben, das war aber recht angenehm, oder? Er hat dich doch die ganze Zeit mitgeschleppt.

Anna warf Lukas einen kurzen Blick zu.

– Lukas, zeig deiner Mutter die Zahlungen der letzten acht Monate. Betriebskosten, Einkäufe, die Raten für dein Auto, ihre Medikamente, wenn sie wieder darum gebeten hat.

– Fang jetzt nicht mit deiner Buchhaltung an.

– Doch. Genau damit fang ich an. Weil „mitgeschleppt“ ein ziemlich großes Wort ist.

Maria stellte ihre Tasche auf einen Sessel.

– Eine Frau hat ihrem Mann beizustehen.

– Und ein Mann hat gemeinsam mit seiner Mutter zu betrügen?

Lukas schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

– Schluss jetzt! Du überweist das Geld, und dann ist dieses Thema erledigt.

– Nein.

– Dann pack deine Sachen.

Maria hob ein wenig das Kinn. Sie wartete auf das Gewohnte: Anna würde den Blick senken, anfangen, sich zu erklären, ihn bitten, sich nicht so aufzuregen. So war es früher gewesen. Nach Streitereien. Nach Demütigungen bei Familienessen. Nach all den Sätzen über „weibliche Klugheit“, worunter Maria immer nur Schweigen verstanden hatte.

Doch Anna ging ins Zimmer.

Lukas folgte ihr.

– Wo willst du hin?

– Meine Sachen holen.

Er blieb im Türrahmen stehen.

– Heißt das, du gehst?

– Du hast es selbst vorgeschlagen.

– Ich hab das gesagt, damit du zur Vernunft kommst!

– Hat nicht funktioniert.

Anna holte vom oberen Ablagefach den grauen Koffer herunter. Alt war er, mit einem abgewetzten Griff. Sie hatte ihn einmal um 9 € gekauft, vor ihrer ersten Dienstreise. Lukas hatte sich seit damals immer darüber lustig gemacht.

– Mit dem alten Glumpert willst du fahren? – fragte er. – Passt ja irgendwie.

– Der Koffer ist praktisch. Er nimmt nichts Unnötiges mit.

Sie legte ihre Unterlagen hinein, ein paar Kleider, den Laptop, das kleine Etui mit der Uhr ihres Vaters und eine Mappe mit Zahlungsbelegen. Keine blaue. Eine schlichte aus Karton, mit einem Gummiband darum.

Lukas stand daneben und sah zu.

– Am Abend bist du wieder da.

– Nein.

– Morgen dann.

– Nein.

– Anna, wer braucht dich denn schon mit deinen Prinzipien?

Sie zog den Reißverschluss zu.

– Ich mich.

Maria stand im Vorzimmer und musterte sie von oben herab, obwohl sie kleiner war.

– Jetzt hältst du dich also für gescheit? Na gut. Aber komm mir später nicht angekrochen. Lukas ist weich, ich nicht. Ich lass dich sicher nicht wieder herein.

– Das wird nicht nötig sein.

– Ach, so weit sind wir schon.

– Genau so weit.

Anna verließ die Wohnung, ohne die Tür zuzuknallen. Im Stiegenhaus roch es nach Farbe und altem Staub. Beim Lift zog sie ihr Handy heraus und rief Claudia an, eine Freundin aus der Zeit, als sie noch im Atelier gearbeitet hatte.

– Claudia, ist dein Zimmer noch frei?

– Ja. Was ist passiert?

– Erzähl ich dir später. Kann ich für ein paar Wochen zu dir?

– Komm einfach.

– Ich zahl dir was.

– Komm zuerst einmal her.

Vierzig Minuten später saß Anna in Claudias Küche. Claudia stellte ihr heißen Tee hin und schob ihr wortlos einen Teller mit Käse zu. Keine Fragen. Kein Mitleid. Das war besser als jeder Trost.

– 6.000 €? – fragte Claudia nach, als Anna alles erzählt hatte.

– Ja.

– Und du warst wirklich schon dabei, es zu überweisen?

– Die App war schon offen.

Claudia schaute sie lange an.

– Dein Vater hat dich von drüben noch an der Hand festgehalten.

Anna zog den Ring vom Finger und legte ihn neben die Tasse.

– Nein. Ich hab mich selbst festgehalten.

Am nächsten Tag kam die erste Nachricht von Lukas: „Stell dich nicht so an. Komm zurück.“

Eine Stunde später die zweite: „Mama geht es wegen dir schlecht.“

Gegen Abend folgte die dritte: „Du hast unsere Familie wegen Geld zerstört.“

Anna antwortete auf keine davon. Sie fuhr in die Arbeit, erledigte die dringenden Aufträge und ging nach dem Mittag in die Bank. Dort legte sie die 6.000 € auf ein Konto mit Sperre für Sofortverfügungen und kappte den Zugang zu dem gemeinsamen Sparkonto, auf das sie früher gedankenlos ihr Gehalt überwiesen hatte.

Danach setzte sie sich in ein kleines Kaffeehaus ans Fenster und schlug die Mappe mit den Belegen auf.

Das Bild, das sich daraus ergab, war schlicht. Und unangenehm.

Lukas hatte sich in den vergangenen Monaten fast völlig aus den Ausgaben herausgehalten. Sein Gehalt war in Teilen an seine Mutter gegangen. Bei den Lebensmitteln begann die Liste.

Hedis Stube