„Das ist jetzt das Auto von meiner Mami!“ lachte Lukas und schob sich beinahe schützend vor seine Frau

Diese kalte Heuchelei fühlt sich schmerzhaft falsch an.
Geschichten

und sah Katharina direkt in die Augen. In ihr tauchten auf einmal all die Bilder auf, die sie in den letzten Wochen nicht losgeworden ist: die Schlüssel, die man ihr ins Gesicht geschleudert hatte; der gehässige Beitrag in den sozialen Netzwerken; Barbaras Lachen am Telefon, kalt und spöttisch.

„Ich bin bereit.“

Katharina nickte nur, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.

„Gut. Dann legen wir los. Ich formuliere heute noch die Anzeige wegen Betrugs. Morgen bringen wir sie gemeinsam zur Polizei.“

Als sie gegen Mittag die Kanzlei verlassen haben, hatte der Regen aufgehört. Zwischen den schweren Wolken kam eine blasse, kalte Oktobersonne hervor. Hannah ging neben ihrem Vater her und spürte, wie sich in ihr etwas verschob. Die Angst, die sie so lange festgehalten hatte, zog sich zurück. An ihre Stelle trat eine klare, fast eisige Entschlossenheit.

Am Abend saß Hannah daheim über den Unterlagen, als es erneut an der Tür läutete. Sie ging hin, schaute durch den Spion und erkannte Lukas’ verzerrtes Gesicht.

Sie sperrte auf.

Lukas stand im Türrahmen. Er sah zerzaust aus, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Sein Atem ging schwer, als wäre er die Stiegen hinaufgerannt.

„Du bist wirklich zu einer Anwältin gegangen?“, stieß er heraus, kaum dass die Tür offen war.

„Was geht dich das an?“

„Mich?“ Er machte einen Schritt nach vorn, doch Hannah wich nicht zurück. „Mich hat jemand angerufen und gesagt, du hast deine Kreditauskunft prüfen lassen! Begreifst du überhaupt, was du da anrichtest? Willst du meine Mutter ins Gefängnis bringen?“

„Ich will wissen, warum Kredite auf meinen Namen laufen, die ich nie aufgenommen habe. Und ich will, dass diejenigen, die das gemacht haben, sich vor dem Gesetz verantworten.“

Lukas erstarrte. Seine Lippen wurden schmal und blass.

„Du wirst gar nichts beweisen. Überhaupt nichts. Mama ist krank. Sie hat Blutdruck, ihr Herz macht Probleme. Wenn ihr etwas passiert, dann hast du das auf dem Gewissen. Verstehst du das? Hast du auch nur eine Sekunde daran gedacht, was ist, wenn sie ins Spital muss? Oder wenn es schlimmer kommt? Kannst du damit leben?“

„Deine Mutter ist für ihre Gesundheit selbst verantwortlich. Und für ihre Taten genauso. Du übrigens auch.“

Er sah sie an, als stünde plötzlich eine völlig fremde Frau vor ihm.

„Du bist anders geworden. Früher warst du nicht so.“

„Früher habe ich mich gefürchtet. Jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren.“

Lukas drehte sich wortlos um und ging zum Lift. Hannah machte die Tür zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

Am nächsten Morgen rief Katharina Punkt neun an.

„Hannah, die Anzeige ist fertig. Ich hole Sie in einer Stunde ab. Wir fahren gemeinsam zur Polizei.“

Hannah zog einen schlichten Rock und eine weiße Bluse an, band sich die Haare zu einem festen Knoten und verließ die Wohnung. Vor dem Haus wartete Katharina bereits bei ihrem Auto und telefonierte. Als sie Hannah sah, nickte sie ihr zu und beendete das Gespräch.

„Es gibt Neuigkeiten“, sagte sie. „Ich habe die Daten zu einem der Kredite angefordert. Zu dem über rund vierhundert Euro. Raten Sie, auf wessen Konto das Geld überwiesen worden ist.“

„Auf Barbaras?“

„Genau. Einen Tag nach Vertragsabschluss ist der Betrag auf ihrem Konto gelandet. Das ist ein sehr klares Indiz. Sie waren nicht einmal klug genug, ihre Spuren zu verwischen. Unser Fall steht also schon ziemlich fest. Fahren wir.“

Sie stiegen ein und verließen den Hof. In der Polizeiinspektion herrschte Gedränge, Stimmengewirr, Türen gingen auf und zu. Katharina bewegte sich, als wäre sie dort daheim. Zielstrebig ging sie zum zuständigen Zimmer, grüßte den Beamten am Schalter und legte die Mappe auf den Tisch.

„Anzeige wegen Betrugs, § 146 StGB. Sämtliche Unterlagen und Belege sind beigelegt.“

Der Beamte nahm die Anzeige entgegen, stempelte sie ab und gab Hannah eine Bestätigung mit Aktenzeichen. Sie hielt das Blatt in der Hand und las die Nummer. Von diesem Augenblick an war alles Wirklichkeit.

Kaum waren sie wieder draußen, läutete Hannahs Handy. Die Nummer war unterdrückt. Sie nahm ab.

Aus dem Lautsprecher kam Barbaras Stimme. Diesmal lachte sie nicht. Sie klang trocken, hart und boshaft, wie ein eisiger Windstoß.

„Also bist du wirklich zur Polizei gelaufen? Na gut. Das wirst du noch bereuen. Ich habe auch meine Leute. Du wirst schon noch sehen, was es heißt, sich mit mir anzulegen.“

Hannah sagte kein Wort. Sie beendete das Gespräch und steckte das Handy ruhig in ihre Handtasche.

Katharina sah sie fragend an.

„Meine Schwiegermutter. Sie droht mir.“

„Gewöhnen Sie sich daran. Das ist erst der Anfang. Sobald sie merken, dass Sie keine Angst mehr haben, werden die Drohungen lauter. Danach werden sie anfangen, Ihnen irgendwelche Vergleiche anzubieten. Und genau dann dürfen Sie nicht einknicken.“

Hannah nickte. Sie waren gerade auf dem Weg zurück in die Kanzlei, als ihr Handy wieder läutete. Diesmal war es ihre Mutter.

„Hannah, wo bist du?“, fragte Maria. Ihre Stimme zitterte.

„Bei der Anwältin. Was ist passiert?“

„Barbara ist gerade bei mir aufgetaucht. Sie persönlich. Sie sitzt unten auf der Bank vor dem Hauseingang und sagt, sie geht nicht weg, bis du die Anzeige zurückziehst. Außerdem behauptet sie, ihr Herz würde nicht mitmachen, und wenn sie stirbt, bist du schuld. Die Nachbarn stehen schon herum und schauen.“

Hannah umklammerte das Telefon so fest, dass ihre Finger weiß wurden.

„Mama, sperr die Tür zu und geh nicht hinaus. Ich komme sofort.“

Als Hannah und Katharina beim Haus ihrer Eltern ankamen, hatte sich vor dem Eingang bereits eine kleine Menschenmenge gebildet. Pensionistinnen von den Nachbarbänken, eine junge Mutter mit Kinderwagen, zwei Männer aus dem Nebenhaus – alle starrten zu jener Bank, auf der Barbara saß.

Sie hatte sich einen grauen Wollschal um den Hals gewickelt, trug dunkle Sonnenbrillen und hielt die linke Hand theatralisch an die Brust. Ihr Auftritt war auf Leiden angelegt, fast wie auf einer Bühne. Neben ihr stand eine offene Tasche, aus der eine Wasserflasche und eine Packung Tabletten ragten.

Hannah stieg aus. Barbara hob sofort den Kopf und begann so laut zu reden, dass wirklich jeder es hören musste.

„Da ist sie! Schaut sie euch an! Die eigene Schwiegertochter! Erst nimmt sie einer kranken alten Frau das Auto weg, jetzt zeigt sie mich auch noch bei der Polizei an. Einsperren will sie mich. Damit ich im Gefängnis sterbe. Und wofür? Nur weil ich zu Ärzten fahren musste.“

Ein Raunen ging durch die Leute. Hannah wollte etwas erwidern, doch Katharina berührte kurz ihren Ellbogen und trat selbst vor.

„Barbara“, sagte sie laut und deutlich. „Ich bin Hannahs Rechtsvertreterin. Was Sie hier gerade tun, erfüllt den Tatbestand der üblen Nachrede. § 111 StGB. Für die öffentliche Verbreitung unwahrer, ehrverletzender Behauptungen kann man sehr wohl zur Verantwortung gezogen werden. Wollen Sie das wirklich weiterführen?“

Barbara verschluckte sich beinahe und verstummte für einen Moment. Dann fing sie sich wieder.

„Kommen Sie mir nicht mit Ihren Paragrafen! Ich bin krank. Mein Herz. Gleich muss mich die Rettung holen. Und Sie, Hannah, werden dafür geradestehen. Und Sie auch, Frau Anwältin. Ich nehme alles auf.“

„Tun Sie das. Ich nehme Sie ebenfalls auf. Ihre Worte werden dem Akt beigelegt. Und Zeugen gibt es auch genug. Die Nachbarn haben sehr gut gehört, was Sie hier gerade behauptet haben.“

Barbara presste die Zähne zusammen und schwieg. Josef, der die ganze Zeit im Hauseingang gestanden hatte, kam nun zur Bank hinunter. Seine Stimme war laut, aber ruhig.

„Barbara, ich fordere Sie auf, das Grundstück zu verlassen. Meine Frau wohnt hier, meine Nachbarn wohnen hier, und Sie belästigen die Leute vor dem Eingang. Wenn Sie in fünf Minuten nicht weg sind, rufe ich die Polizei. Ich habe sämtliche Unterlagen: zum Auto und zu den Krediten, die Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn auf den Namen meiner Tochter abgeschlossen haben. Wenn Sie weitermachen wollen, bitte. Dann aber mit Handschellen.“

In der Menge kam Bewegung auf. Die Pensionistinnen wechselten Blicke. Einer der Männer aus dem Nebenhaus sagte laut:

„Moment, sie hat Kredite auf die Schwiegertochter laufen lassen? Na servas.“

„Ja“, bestätigte Katharina. „Drei Kredite. Alle ohne Hannahs Wissen abgeschlossen. Das Geld ist für Urlaub, Elektrogeräte und ein Notebook verwendet worden. Die Ermittlungen laufen bereits.“

Jetzt wurde anders getuschelt. Die junge Mutter mit dem Kinderwagen drehte um und ging. Eine der älteren Frauen zog die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

Barbara merkte, dass ihr Publikum ihr entglitt. Abrupt griff sie nach ihrer Tasche, stand auf und zischte zwischen den Zähnen:

„Gar nichts ist vorbei. Die Wahrheit ist auf meiner Seite. Ihr werdet schon noch merken, mit wem ihr euch angelegt habt.“

Dann marschierte sie schnellen Schrittes, fast laufend, aus dem Hof. Nach zehn Schritten nahm sie die Sonnenbrille ab.

Josef sah ihr nach und wandte sich dann seiner Tochter zu.

„Gut. Geht hinein. Deine Mutter ist völlig aufgelöst.“

Maria wartete im Vorzimmer. Ihr Gesicht war blass, ihre Hände zitterten.

„Ist sie weg?“

„Sie ist weg“, sagte Josef. „Und sie kommt so schnell nicht wieder. Wir haben alles aufgezeichnet.“

Er half seiner Frau, sich auf einen Sessel zu setzen, und brachte ihr Wasser. Katharina ging inzwischen in die Küche, klappte ihren Laptop auf und begann, eine Ergänzung zur Anzeige zu schreiben.

„Das kommt alles in den Akt“, erklärte sie. „Drohungen, üble Nachrede, Druckversuch. Gerichte reagieren auf so etwas nicht besonders gnädig. Und wenn Barbara später wieder von ihrem kranken Herzen erzählt, haben wir Bild- und Tonaufnahmen von ihrem heutigen Auftritt.“

Am folgenden Morgen rief Katharina schon früh an.

„Hannah, es gibt Neuigkeiten. Die Polizei hat ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs eingeleitet. Heute Mittag wird bei Barbara eine Hausdurchsuchung stattfinden.“

Hannah setzte sich auf die Bettkante. Ermittlungsverfahren. Das Wort klang wie ein Urteil. Aber nicht gegen sie – gegen die anderen.

„Und was ist mit Lukas?“

„Er wird ebenfalls einvernommen. In den Unterlagen scheint er als möglicher Mittäter auf. Wenn die Sachverständigen bestätigen, dass die Unterschriften gefälscht sind, müssen beide Verantwortung übernehmen.“

Hannah fuhr später in die Arbeit, konnte sich aber auf nichts konzentrieren. Um drei Uhr kam eine Nachricht von Katharina: „Hausdurchsuchung erledigt. Notebook, Dokumente und Bankkarten sichergestellt. Barbara wollte sich im Bad einsperren. Hat nichts genützt.“

Eine Stunde später rief Lukas an. Seine Stimme bebte und überschlug sich immer wieder.

„Hannah … bitte, Hannah … Was hast du getan? Sie waren bei uns. Mama wäre fast ins Spital gekommen. Ihr Blutdruck ist fast bei zweihundert. Sie liegt da und steht nicht mehr auf. Verstehst du nicht, dass du sie umbringst?“

„Ich habe keine Anzeige gegen ihren Blutdruck erstattet. Ich habe Betrug angezeigt. Das ist nicht dasselbe.“

„Was für Betrug denn! Wir haben halt ein bissl etwas genommen. Ja, wir haben es ausgegeben. Aber wir sind doch Familie! Wir hätten alles zurückgezahlt! Wirklich, wir wollten es zurückgeben. Wir sind nur nicht rechtzeitig dazugekommen.“

„Du hattest eineinhalb Jahre Zeit. Du hast nichts zurückgezahlt. Du hast dir ein Notebook gekauft und mir erzählt, das sei eine Prämie gewesen. Währenddessen habe ich beim Essen gespart und bin mit dem Bus gefahren. Erinnerst du dich daran? Hast du mich auch nur ein einziges Mal gefragt, ob ich genug Geld für die Fahrt habe?“

Am anderen Ende blieb es still.

„Ich habe das nicht gewusst“, sagte Lukas schließlich leise. „Ich dachte, du hast eh alles.“

„Ich hatte gar nichts, Lukas. Du hast es nur nicht gesehen.“

Er schwieg. Hannah hörte seinen Atem, schwer und abgehackt.

„Kannst du die Anzeige zurücknehmen? Bitte. Ich zahle alles zurück. Wir zahlen alles zurück. Nimm sie einfach zurück.“

„Nein. Ein Strafverfahren verschwindet nicht, nur weil ich es mir anders überlege. Selbst wenn ich wollte.“

„Dann weiß ich nicht, was jetzt passiert.“

Danach legte er auf.

Am selben Abend saß Hannah bei ihren Eltern. Josef hatte den Wasserkocher eingeschaltet und stand am Fenster.

Hedis Stube