Doch in ihr ist ein bitterer Nachgeschmack geblieben. Lukas hatte den Kampf eröffnet. Und allem Anschein nach hatte er nicht vor, damit so bald wieder aufzuhören.
Noch eine Woche ist vergangen. Am Freitagabend hat ihre jüngere Schwester Lena angerufen. Kaum hatte Hannah abgehoben, ist Lena schon mit vor Empörung bebender Stimme herausgeplatzt:
„Hast du gesehen, was die da in den sozialen Netzwerken veröffentlichen?“
Hannah hat sofort ihr Handy genommen und Barbaras Profil geöffnet. Dort war ein neuer Beitrag zu sehen: ein Foto, auf dem Barbara mit leidender Miene auf einer Bank vor dem Hauseingang gesessen ist, die Schultern eingefallen, das Gesicht so gestellt, als wäre ihr gerade das größte Unrecht der Welt widerfahren. Darunter stand: „So schaut mein Leben jetzt aus. Die eigene Schwiegertochter hat mich auf die Straße gesetzt. Das Auto hat sie mir weggenommen, die Schlüssel hat sie mir ins Gesicht geschleudert. Dabei hab ich sie geliebt wie mein eigenes Kind. Tu den Leuten nichts Gutes, dann bekommst du auch nichts Böses zurück.“
Unter dem Beitrag hatten sich bereits an die dreißig Kommentare angesammelt. Frauen, die Hannah nicht kannte, schrieben Dinge wie: „Halte durch, liebe Barbara“, „Der liebe Gott sieht alles“, „Was für ein niederträchtiges Weib, diese Schwiegertochter, verzeih mir Gott“.
Hannah ist schwarz vor Augen geworden. Sie hat das Handy zugemacht und mit dem Display nach unten auf den Tisch gelegt.
Eine Stunde später hat Lukas angerufen.
„Servus“, sagte er und schwieg dann.
Hannah sagte ebenfalls kein Wort.
„Ich wollte reden“, brachte er schließlich heraus. „Nicht am Telefon. Treffen wir uns irgendwo. Auf neutralem Boden.“
„Wozu?“
„Na, du siehst doch selber, was los ist. Meine Mutter ist krank. Du hast sie vor der ganzen Stadt bloßgestellt. Sie kommt nicht mehr aus dem Bett. Die Ärzte sagen, sie hat einen nervlichen Zusammenbruch. Sie bereitet schon eine Klage gegen dich und deinen Vater vor. Sie behauptet, du hättest sie angegriffen und ihr die Schlüssel ins Gesicht geworfen.“
Hannah spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.
„Lukas, du warst dabei. Sie hat die Schlüssel nach mir geworfen. Ich hab sie nicht einmal als Erste aufgehoben. Dein Vater ist direkt daneben gestanden.“
„Ist doch völlig wurscht, wer zuerst geworfen hat!“, brüllte Lukas plötzlich ins Telefon. „Begreifst du überhaupt, was du angerichtet hast? Du hast dich gegen die Familie gestellt! Gegen meine Mutter! Und sie ist eine kranke Frau! Hast du dich ein einziges Mal gefragt, wie es mit ihrem Blutdruck ausschaut? Behandelst du sie überhaupt wie einen Menschen?“
Hannah schloss die Augen und zählte langsam bis fünf.
„Als du gegangen bist, hast du gesagt, es wird eine Scheidung geben. Ich bin einverstanden. Dann lassen wir uns scheiden.“
Am anderen Ende der Leitung trat Stille ein. Hannah hörte nur Lukas’ hektischen Atem. Es klang, als würde er in einem Zimmer auf und ab gehen.
„Also Scheidung?“, fragte er dann deutlich leiser.
„Ja.“
„Gut. Dann pass auf. Du hast es so gewollt. Mach dich bereit. Mir steht einiges zu. Die Wohnung ist zwar gemietet, aber wir haben die Miete gemeinsam gezahlt. Ich habe Belege. Und das Auto überlasse ich dir auch nicht einfach so. Geschenk hin oder her, das wird das Gericht klären. Und dann wären da noch die Kredite. Vor zwei Jahren haben wir einen Konsumkredit aufgenommen. Den hab übrigens ich bedient.“
Hannah runzelte die Stirn.
„Der Kredit ist längst abbezahlt. Die letzte Rate hab ich selbst überwiesen.“
„Davon weiß ich nichts. Die Unterlagen werden zeigen, was Sache ist. Bereite dich vor, Hannah. Du wolltest Krieg, jetzt bekommst du ihn.“
Er legte auf.
Hannah blieb noch einige Minuten reglos sitzen. Dann wählte sie die Nummer ihres Vaters. Josef hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen, und sagte am Ende nur einen einzigen Satz:
„Morgen in der Früh gehen wir zu einer Anwältin. Ich hab schon eine gute gefunden.“
In dieser Nacht hat Hannah kaum geschlafen. Sie hat sich von einer Seite auf die andere gewälzt, immer wieder Lukas’ Worte im Kopf gehört, jedes Detail, jede Betonung. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr: Er und seine Mutter bereiteten irgendeine Falle vor.
Die Antwort kam zwei Tage später. Während der Arbeit läutete ihr Diensttelefon. Eine unbekannte Nummer erschien am Display. Als sie abhob, meldete sich eine raue Männerstimme:
„Frau Hannah? Hier spricht der Forderungsdienst. Bei Ihnen besteht ein Zahlungsverzug zum Kreditvertrag Nummer 324/15. Die offene Summe beträgt 1.120 Euro, zuzüglich Verzugszinsen. Wann gedenken Sie, den Betrag auszugleichen?“
Hannah ließ sich langsam auf den Sessel sinken.
„Was für ein Kredit? Ich habe keinen Kredit aufgenommen.“
„Der Vertrag läuft auf Ihren Namen. Ihre Ausweisdaten sind hinterlegt. Abschlussdatum: April des Vorjahres. Seit drei Monaten ist keine Zahlung eingelangt. Wir sind gezwungen, ein Einbringungsverfahren einzuleiten.“
In der Leitung raschelte es. Dann hörte Hannah im Hintergrund eine Frauenstimme sagen: „Sag ihr, dass die Wohnung gepfändet wird.“ Gleich darauf folgte ein kurzes Kichern. Dieses Lachen hätte Hannah unter tausend Stimmen erkannt.
Es war Barbara.
Dann brach die Verbindung ab, und es blieben nur die kurzen Signaltöne. Hannah saß noch lange mit dem Hörer in der Hand da. Dieses triumphierende Lachen hallte ihr in den Ohren nach.
Sie rief ihren Vater an. Josef war eine Stunde später bei ihr, ging ohne Umwege in die Küche und legte sein altes Handy auf den Tisch.
„Erzähl mir alles der Reihe nach. Wort für Wort.“
Hannah schilderte das Gespräch. Als sie zu der Stelle kam, an der im Hintergrund Barbara gelacht hatte, presste Josef die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Wangenknochen weiß hervortraten.
„Das heißt, sie haben auf deinen Namen einen Kredit aufgenommen. Ohne dass du etwas davon gewusst hast. Und jetzt wollen sie Geld von dir.“
„Papa, ich habe keinen einzigen Kredit aufgenommen. Ich schwöre es dir.“
„Ich weiß, dass du das nicht getan hast. Darum gehen wir morgen gleich in der Früh zu Katharina. Sie ist Rechtsanwältin.“
Er zog aus der Innentasche seiner Jacke eine Visitenkarte und legte sie vor Hannah auf den Tisch. Auf dem weißen Kärtchen stand in schwarzen Buchstaben: „Katharina. Familienrecht. Zivilrechtliche Streitigkeiten.“
„Du warst schon bei ihr?“
„Ja. Vor zwei Tagen. Als mir klar geworden ist, dass Lukas nicht einfach aufhören wird. Sie hat gesagt, du sollst alle Unterlagen zusammensuchen, die du daheim hast. Ausweis, Heiratsurkunde, Schenkungsvertrag fürs Auto, Kontoauszüge. Alles, was irgendwie wichtig sein könnte.“
Hannah nickte. Danach saßen sie zu zweit in der Küche, tranken Tee und schwiegen. Draußen wurde der Regen stärker und schlug in dichten Fäden gegen die Fensterscheibe.
Am nächsten Morgen fuhren Hannah und Josef zu Katharinas Kanzlei. Das Büro befand sich im zweiten Stock eines alten Ziegelhauses. Im Gang roch es nach Papier, Kaffee und ein wenig nach nassen Mänteln. Die Anwältin erwartete sie bereits an der Tür: eine große Frau um die vierzig, in einem schlichten grauen Kostüm, mit kurzem Haarschnitt und einem scharfen, aufmerksamen Blick, dem kaum etwas zu entgehen schien.
„Kommen Sie herein, nehmen Sie Platz. Josef hat mir die Lage grob geschildert. Das Auto wurde zurückgeholt. Ihr Mann ist ausgezogen. Ihre Schwiegermutter verbreitet in den sozialen Netzwerken Anschuldigungen. Und jetzt ist auch noch ein Kredit aufgetaucht, den Sie, Hannah, angeblich aufgenommen haben sollen. Wir gehen das Schritt für Schritt durch. Wann genau hat dieser sogenannte Forderungsdienst angerufen?“
Hannah erzählte den Anruf ausführlich nach. Katharina machte sich Notizen in einem Block und hob nur gelegentlich den Blick.
„Ist die Telefonnummer gespeichert?“
Hannah öffnete die Anrufliste und diktierte die Zahlen. Katharina tippte die Nummer in ihr Telefon und drückte auf Anrufen. Nach mehreren Freizeichen meldete sich eine Männerstimme.
„Ja?“
„Katharina hier, Rechtsanwältin von Hannah. Mit wem spreche ich bitte?“
In der Leitung raschelte es. Als der Mann wieder sprach, klang er längst nicht mehr so sicher.
„Und worum geht es eigentlich?“
„Um den Kreditvertrag Nummer 324/15. Nennen Sie mir bitte den vollständigen Namen Ihrer Organisation, die Firmenanschrift und die Registrierungs- beziehungsweise Bewilligungsdaten für Ihre Inkassotätigkeit.“
Eine Pause entstand. Dann murmelte der Mann etwas Unverständliches und legte auf.
Katharina legte ihr Telefon ruhig auf den Schreibtisch und sah Hannah an.
„Das waren keine echten Inkassoleute. Das war eine vorgeschobene Person. Sehr wahrscheinlich ein Bekannter Ihrer Schwiegermutter, der gebeten wurde, Sie einzuschüchtern und unter Druck zu setzen. Ein seriöses Inkassobüro muss sich ordentlich ausweisen, das Unternehmen nennen und Sie über die Gesprächsdokumentation informieren.“
Hannah atmete erleichtert aus. Doch Katharina hob warnend einen Finger.
„Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es keinen Kredit gibt. Lukas und Barbara könnten über eine Kopie Ihres Ausweises tatsächlich ein Darlehen oder einen Mikrokredit in Ihrem Namen abgeschlossen haben. Solche Fälle kommen leider immer wieder vor. Wir prüfen das jetzt.“
Katharina zog die Tastatur zu sich heran und begann zu tippen. Nach einigen Minuten drehte sie den Bildschirm zu Hannah.
„Mit Ihrer schriftlichen Zustimmung habe ich Ihre Bonitätsauskunft abgefragt. Schauen Sie bitte her. Es gibt tatsächlich Zahlungsrückstände. Und nicht nur einen.“
Hannah starrte auf die Zahlen und hatte plötzlich das Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.
Auf dem Bildschirm standen drei Einträge. Der erste war ein Konsumkredit über 1.120 Euro, abgeschlossen im April des Vorjahres. Der zweite war ein Mikrodarlehen über 400 Euro, aufgenommen im Juli. Der dritte war eine Kreditkarte mit einem Rahmen von 500 Euro, aktiviert im September.
„Ich habe nichts davon aufgenommen“, sagte Hannah, kaum hörbar.
Josef beugte sich nach vorne und fixierte den Bildschirm.
„War das alles Lukas?“
„Wir sollten mit Schlussfolgerungen vorsichtig sein“, sagte Katharina und hob die Hand. „Zuerst stellen wir die Fakten fest. Aber den Daten nach wurden alle drei Verträge abgeschlossen, als Sie bereits verheiratet waren. Und den Beträgen nach zu urteilen, ist das Geld nicht in gemeinsame Haushaltsausgaben geflossen, sondern für andere Dinge verwendet worden. Hannah, ist Ihnen im letzten Jahr aufgefallen, dass Lukas oder seine Mutter größere Anschaffungen gemacht haben?“
Hannah dachte nach. Plötzlich war es, als würde ein Schalter in ihrem Kopf umgelegt.
„Im April sind er und seine Mutter nach Kärnten an den Wörthersee gefahren. Sie haben gesagt, Barbara hätte das aus ihrer Pension zusammengespart. Im Juli hat Lukas sich einen neuen Laptop gekauft und behauptet, das sei eine Prämie aus der Arbeit gewesen. Und im September hatte Barbara auf einmal eine neue Waschmaschine. Sie hat sich sogar vor den Nachbarinnen damit gerühmt.“
Katharina schrieb jedes Wort auf und lehnte sich danach in ihrem Sessel zurück.
„Da haben wir ein mögliches Motiv. Das Geld ist für Urlaub, Elektronik und Haushaltsgeräte verwendet worden. Die Verpflichtungen aber wurden Ihnen umgehängt. Sagen Sie, Hannah: Wo war Ihr Ausweis im April des Vorjahres? Wissen Sie das noch?“
Hannah schloss die Augen und erinnerte sich. Damals hatte Lukas sie um ihren Ausweis gebeten. Er sagte, er brauche eine Kopie für irgendwelche Unterlagen in der Arbeit. Sie hatte nicht weiter nachgefragt und ihm das Dokument gegeben.
„Er war bei Lukas. Er hat gemeint, seine Firma verlange für die Versicherung eine Kopie des Ausweises der Ehefrau.“
Katharina nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
„Ein klassisches Vorgehen. Höchstwahrscheinlich wurden Ihre Unterschriften gefälscht. Das lässt sich durch ein graphologisches Gutachten feststellen. Wenn sich das bestätigt, fallen Lukas’ und Barbaras Handlungen unter Betrug nach § 146 Strafgesetzbuch.“
Für einen Moment war es vollkommen still im Raum. Josef war der Erste, der die Stille durchbrach.
„Was braucht es, damit wir das in Gang setzen?“
„Eine Anzeige bei der Polizei. Außerdem eine Klage auf Feststellung, dass diese Kreditverträge unwirksam sind. Parallel dazu werden wir Schadenersatz, Ersatz Ihrer Kosten und eine Entschädigung für die erlittene Belastung geltend machen. Aber vorher muss ich Sie etwas fragen, Hannah: Sind Sie bereit, das bis zum Ende durchzuziehen? Denn sobald Lukas und Barbara von der Anzeige erfahren, gibt es kein Zurück mehr. Dann werden sie sich verteidigen. Und sehr wahrscheinlich werden sie noch härter zuschlagen.“
Hannah hob den Blick.
