— Felix wird’s schon überleben, der verbringt den Sommer halt im Häuschen am Land!
Gereizt stopfte Lukas seine Badehose in die Reisetasche und riss mit einem kräftigen Ruck am Zipp. Der blieb in der Rundung hängen. Lukas fluchte leise, zog noch einmal daran, sodass beinahe der kleine Anhänger abgerissen wäre, und warf seiner Frau einen schnellen Blick zu.
Anna legte schweigend die T-Shirts des Kindes zusammen.
— Anna, warum sagst du denn nichts?
Lukas richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften.

— Ich erklär’s dir doch eh ganz klar. Mama hat Probleme mit den Gelenken. Der Arzt hat gemeint, Meeresluft wäre wichtig für sie. Die Reise ist sündteuer, zu viert hätten wir uns das nie leisten können. Ich hab mich ohnehin schon verschuldet.
— Ich hab dich verstanden, Lukas.
Anna strich sorgfältig eine Falte aus dem winzigen T-Shirt mit dem Dinosaurier.
— Verstanden hat sie’s.
Unruhig stapfte er durchs Zimmer, stolperte über ein liegen gelassenes Spielzeugauto von Felix und kickte es mit dem Fuß zur Seite.
— Immer schaust du so drein, als hätt ich sonst was verbrochen! Seit zwei Jahren verspreche ich meiner Mutter, dass sie ans Meer kommt. Sie hat uns großgezogen, hat sie vielleicht kein Recht auf ein bissl Erholung? Und der Kleine ist erst sieben. An diesen Urlaub erinnert der sich später nicht einmal. Die andere Oma passt im Sommerhaus auf ihn auf. Frische Luft, Beeren, Garten. Was braucht er denn mehr?
Erst jetzt hob Anna den Blick zu ihrem Mann.
Vor drei Wochen hatte sie zufällig am Familien-Laptop das Mailprogramm geöffnet. Lukas war in der Früh in die Arbeit gehetzt und hatte vergessen, sich aus seinem Konto auszuloggen. Ganz oben stand eine Nachricht des Reiseveranstalters: „Änderung des Reiseteilnehmers in der Buchung bestätigt.“
Anna hatte damals keine Szene gemacht. Sie hatte nur die angehängte Rechnung geöffnet. Dort war schwarz auf weiß eine beträchtliche Nachzahlung vermerkt gewesen — bezahlt aus ihrem gemeinsamen Polster, das eigentlich für die Renovierung des Vorzimmers gedacht gewesen war. Eine Nachzahlung dafür, den eigenen Sohn aus der Buchung zu streichen und Maria einzutragen.
Anna hatte den Tab geschlossen. Dann hatte sie sich Kaffee gemacht, sich auf den Hocker beim Fenster gesetzt und lange zugesehen, wie unten im Hof der Hausmeister die abgefallenen Blätter zusammenkehrte. Danach hatte sie ihre Gehaltskarte aus der Geldbörse genommen.
— Lukas, wir hatten eine Abmachung.
Ihre Stimme blieb ruhig, ohne Zittern, ohne Lautwerden.
— Ein ganzes Jahr haben wir auf diesen Urlaub gespart. Felix hat die Tage gezählt. Im Kindergarten hat er allen erzählt, dass er mit einem großen Flugzeug ans Meer fliegt.
— Na und? Dann muss er eben damit fertigwerden!
Aus dem Vorzimmer glitt Maria mit würdevoller Miene herein. In ihrer bunten Baumwolljacke, mit grellem Lippenstift und einem schweren Ring am Zeigefinger wirkte sie kein bisschen krank. Eher so, als wäre sie bereit, in die Schlacht zu ziehen.
— Lukas hat vollkommen recht.
Die Schwiegermutter presste die Lippen zusammen, in genau diesem belehrenden Ton, den Anna nur zu gut kannte.
— Ach, Anna, mach doch kein Drama daraus. Kinder in dem Alter sind am Urlaub nur lästig. Einmal wollen sie die Kappe nicht tragen, dann haben sie Durst, dann muss man sie aufs Klo führen.
