„Felix wird’s schon überleben, der verbringt den Sommer halt im Häuschen am Land!“ sagte Lukas gereizt, während Anna schweigend das winzige Dinosaurier‑T-Shirt ihres Sohnes faltete

Diese Heimlichtuerei ist feig und zutiefst ungerecht.
Geschichten

Keine Spur von Erholung. Lukas braucht endlich einmal eine Auszeit. Er rackert sich in der Arbeit ab und bringt das Geld heim. Der braucht vernünftige Gesellschaft und nicht einen kleinen Buben, dem er den ganzen Tag am Strand nachrennen muss.

Anna liess den Blick von ihrer Schwiegermutter zu ihrem Mann wandern. Lukas stand da, die Schultern leicht eingezogen, aber mit dem sicheren Gefühl, dass hinter ihm eine ganze Festungsmauer stand.

— Und wann genau hattet ihr vor, mir das mitzuteilen?

Anna zog den Reissverschluss von Felix’ Rucksack zu.

— Morgen am Flughafen? Direkt vor dem Check-in-Schalter? Überraschung, Anna, wir fliegen ohne unseren Sohn, ruf schnell deine Mama an, sie soll sofort kommen und Felix abholen?

Lukas bekam rote Flecken im Gesicht. Er konnte es nicht ausstehen, wenn Anna so sprach: leise, ohne die Stimme zu heben, aber jedes Wort schlug ein wie ein Nagel im Boden.

— Was macht das jetzt für einen Unterschied, wann!

Er fuchtelte mit der Hand, als könnte er damit das Thema wegwischen.

— Wichtig ist, dass die Sache geklärt ist. Mama fährt mit uns. Aus. Ich bin der Mann im Haus, ich hab entschieden. Führ dich nicht auf wie im Kasperltheater.

— Tu ich eh nicht.

Anna schwang den Rucksack über die Schulter.

— Felix, zieh dich an!

Aus dem Kinderzimmer schoss ein siebenjähriger Bub heraus und schleifte ein nagelneues Spielzeugflugzeug hinter sich her.

— Mama, fahren wir schon los?

— Ja, mein Schatz. Zieh deine Turnschuhe an.

Maria schnalzte missbilligend mit der Zunge.

— Wohin zerrst du ihn denn jetzt noch, so spät am Abend? Der Flug geht morgen in der Früh. Lass das Kind schlafen.

— Wir fahren jetzt, — sagte Anna knapp.

Lukas blinzelte verwirrt. Von seiner eben noch so betonten männlichen Entschlossenheit war auf einmal kaum mehr etwas übrig.

— Anna, was hast du denn jetzt vor? Wohin willst du um die Zeit? Wozu?

— Zu meiner Mutter.

Ruhig zog Anna ihre Jacke über.

— Wenn Felix den Sommer ohnehin bei ihr am Land verbringen soll, bringe ich ihn gleich hin. Morgen fahre ich von Mama aus direkt zum Flughafen. Wir treffen uns beim Terminal.

Lukas atmete hörbar erleichtert aus. Offenbar hatte er mit einem riesigen Krach gerechnet, mit zerschlagenem Geschirr und Schreien über Scheidung. Stattdessen diese Ruhe. Seine Frau hatte ein bisschen gemurrt und sich gefügt. Wie immer.

— Na gut.

Er versuchte sogar, ein Lächeln zustande zu bringen.

— Siehst du, Mama? Ich hab doch gesagt, Anna ist eine gescheite Frau, sie versteht das schon. Also dann, Anna. Fahr vorsichtig. Morgen um acht bei den Check-in-Schaltern.

— Ganz bestimmt, — antwortete Anna und zog die Wohnungstür hinter sich zu.

Die riesige Abflughalle des Flughafens summte und dröhnte. Zwischen den Schaltern zog ein kühler Luftzug durch, Reisende schoben hektisch ihre Koffer vor sich her, überall piepsten Rollen über den glatten Boden. Lukas warf immer wieder nervöse Blicke auf die grosse elektronische Anzeigetafel.

Neben ihm stand Maria, die Hände auf den Griff ihrer neuen Reisetasche gestützt. Sie trug eine helle Leinenbluse und einen breitkrempigen Hut, der sie aussehen liess wie einen gewaltigen Steinpilz.

— Wo bleibt sie denn?

Lukas kontrollierte zum zehnten Mal sein Handy.

— Der Check-in hat schon begonnen. Wenn wir noch länger warten, stehen wir ewig in der Schlange.

— Ach, immer dasselbe mit ihr.

Hedis Stube