„Felix wird’s schon überleben, der verbringt den Sommer halt im Häuschen am Land!“ sagte Lukas gereizt, während Anna schweigend das winzige Dinosaurier‑T-Shirt ihres Sohnes faltete

Diese Heimlichtuerei ist feig und zutiefst ungerecht.
Geschichten

herumtrödelt.

Maria rückte sich den breiten Hut zurecht und schnaubte leise.

— Ich hab’s dir ja gleich gesagt, Lukas: Wir hätten ohne sie fahren sollen. Man hätte ihr den Urlaub einfach aufs nächste Jahr verschoben. Wir drei hätten uns eine feine Zeit gemacht, und meine Gelenke hätten endlich einmal ordentlich Wärme abbekommen.

— Mama, bitte, hör auf.

Lukas verzog das Gesicht.

— Es war ohnehin schwer genug, das alles zu organisieren.

Genau in diesem Augenblick tauchte in der Menschenmenge eine vertraute Jacke auf. Anna kam mit festen, ruhigen Schritten auf sie zu. Neben ihr trippelte Felix, etwas unbeholfen und ganz ernst, und zog einen kleinen Kinderkoffer hinter sich her, der wie ein Pinguin aussah.

Lukas erstarrte. Das Lächeln, das er eben noch aufgesetzt hatte, blieb ihm wie festgeklebt im Gesicht hängen.

— Anna? Was macht er denn hier?

Anna blieb einen Meter vor ihrem Mann stehen. Weder wirkte sie wütend noch verletzt.

— Was wohl? Er fliegt mit ans Meer.

Lukas warf einen hektischen Blick zur Schlange beim Schalter zweiundvierzig. Einige Leute hatten bereits aufgehört, miteinander zu reden, und lauschten nun auffällig unauffällig.

— Anna, bist du jetzt völlig narrisch geworden?

Er trat näher an sie heran und senkte die Stimme zu einem scharfen Zischen.

— Wir haben das doch gestern alles besprochen! Für ihn gibt es kein Ticket! Ich hab dir erklärt, dass wir Mama dazugenommen haben! So lassen die uns nicht einsteigen!

Maria baute sich vor ihrer Schwiegertochter auf, als wollte sie sie allein mit ihrem Schatten niederdrücken.

— Anna, jetzt reicht es aber wirklich. Was soll das Theater? Du schleppst den Buben zum Flughafen, nur damit er gleich wieder umdrehen muss? Gib Lukas die Reisepässe und schick den Kleinen mit dem Taxi heim!

Felix drückte sich erschrocken an Annas Bein.

— Ich fahr nirgends allein mit dem Taxi hin.

Anna umschloss seine Hand fester.

— Entschuldigen Sie, könnten Sie bitte kurz schauen?

Lukas hielt es nicht mehr aus. Er stürmte zum Check-in-Schalter und rempelte dabei einen Mann mit Rucksack zur Seite.

— Prüfen Sie bitte unsere Buchung! Lukas, Anna und Maria!

Die Mitarbeiterin mit dem Halstuch in den Farben der Fluglinie tippte unbeeindruckt auf ihrer Tastatur.

— Ja, ich sehe die Buchung. Drei Reisende. Die Reisepässe bitte.

Lukas drehte sich triumphierend zu seiner Frau um.

— Hast du’s gehört? Drei Passagiere! Anna, mach dich nicht lächerlich. Gib endlich die Unterlagen her, wir halten hier alle auf.

— Du hast recht, Lukas.

Anna zog ihren Reisepass aus der Jackentasche.

— Drei Passagiere.

Dann machte sie einen kleinen Schritt zurück.

— Nur fliege ich nicht mit euch.

Lukas blieb mit ausgestreckter Hand wie angewurzelt stehen.

— Wie meinst du das, du fliegst nicht mit?

— Genau so, wie ich es sage.

Anna öffnete ihren Rucksack und holte zwei ausgedruckte Reisebestätigungen hervor.

— Ein Glück, dass ich vor drei Wochen in deinen Laptop geschaut habe. Während du deine Überraschungen geplant hast, habe ich nämlich auch etwas vorbereitet. Ich habe von unserem gemeinsamen Sparkonto exakt meine Hälfte abgehoben. Dazu noch mein Urlaubsgeld. Für zwei Personen hat es wunderbar gereicht.

Sie hob die Blätter leicht an.

— Felix und ich fliegen in ein anderes Ferienresort. Von Terminal drei. Unser Flug geht in zwei Stunden.

Maria stand plötzlich ganz reglos da, als hätte ihr jemand mit einem einzigen Satz den Boden unter den Füßen weggezogen.

Hedis Stube