Maria öffnete den Mund einen Spalt, brachte aber zunächst keinen Ton heraus. Der ganze kämpferische Schwung, mit dem sie eben noch dagestanden war, war in einem Augenblick verpufft.
— Du… du hast Geld vom gemeinsamen Konto abgehoben?
— Meinen Anteil, Maria. Meinen eigenen. Ehrlich verdienten.
Anna sah ihre Schwiegermutter so kalt an, dass diese unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich.
— Und was ist mit uns?
Lukas bekam rote Flecken im Gesicht. Hastig machte er einen Satz auf seine Frau zu und wollte ihr die Ausdrucke aus der Hand reißen, doch Anna schob sie seelenruhig zurück in ihren Rucksack.
— Ihr fliegt genau so, wie ihr es geplant habt.
Ihre Stimme blieb vollkommen ruhig, fast sachlich.
— Das Zimmer ist ausgezeichnet. Für zwei Personen. Das Meer ist warm, die Gelenke können sich erholen, Lokum gibt es sicher auch genug. Niemand rennt euch zwischen den Füßen herum, niemand muss eine Kappe aufsetzen, niemand stört. Ein perfekter Urlaub für einen erwachsenen Mann und seine Mama.
— Anna, du kommst sofort zurück!
Lukas’ Stimme überschlug sich. Die Leute in der Warteschlange drehten sich nun ganz unverhohlen nach ihnen um.
— Wir haben eine Reise für drei gebucht! Für dich ist bezahlt!
— Dann hol dir das Geld über den Veranstalter zurück. Oder ihr genießt zu zweit ein Doppelzimmer. Ganz luxuriös.
Anna wandte sich zu ihrem Sohn.
— Komm, Felix. Wir müssen noch durch die Kontrolle.
— He!
Lukas fuhr zu seiner Mutter herum. Sein Gesicht war vor Zorn völlig verzogen.
— Du hast mir meine Frau verdorben, Mama!
Er warf beide Hände in die Luft.
— Ich hab doch gesagt, dass sie einen Aufstand machen wird! Ich hab gesagt, wir hätten das nicht heimlich ändern dürfen! Das war deine Idee!
Maria richtete sich empört auf.
— Ach, jetzt bin ich schuld?
Sie stach mit dem Finger in Richtung ihres Sohnes.
— Du hast doch selbst gesagt, sie merkt es bis zum Abflug nicht! Du hast gesagt, wir stellen sie einfach vor vollendete Tatsachen, dann kann sie nirgends mehr hin! Ein Waschlappen bist du, Lukas, kein Mann! Deine Frau tanzt dir auf der Nase herum!
Anna blieb nicht stehen, um sich noch anzuhören, welcher von beiden diesen großartigen Plan tatsächlich ausgeheckt hatte. Sie drehte sich einfach um und ging.
Hinter ihr hallten noch eine Weile die gedämpften Schreie ihrer Schwiegermutter und Lukas’ hastige Rechtfertigungen durch die Abflughalle. Bei der Check-in-Theke stritten die beiden weiter, ohne sich um das missmutige Raunen der übrigen Reisenden zu kümmern.
Zwei Wochen später lag Anna auf einer einfachen Kunststoffliege und sah Felix dabei zu, wie er aus feuchtem Sand eine riesige Burg baute.
Das Meer rauschte leise über die kleinen Steine am Ufer. Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont entgegen und färbte das Wasser rosa.
Auf dem Tischchen neben ihr vibrierte kurz das Handy. Wieder eine Nachricht von Lukas. Die fünfte an diesem Tag.
„Anna, wir sind gelandet. Lass uns reden. Mutter hat mir den ganzen Urlaub verdorben. Komm heim, dann besprechen wir, wie es weitergeht.“
Anna wischte die Mitteilung weg, ohne den Chat überhaupt zu öffnen.
Sie nahm das kühle Glas Saft, schloss für einen Moment die Augen und atmete tief die salzige Luft ein. Die Sandburg wurde großartig.
Und zu besprechen gab es für sie rein gar nichts.
