Im Vorzimmer hat es nach angebratenem Speck und ungewaschener Haut gerochen. Auf dem Fußabstreifer lagen verdreckte Damenstiefel, von deren Sohlen eine graue Lacke auf die Fliesen geronnen war. Aus der Küche kamen schmatzende Geräusche, dazu das dumpfe Brummen vom Fernseher.
Anna hat die Schuhe abgestreift und den Mantel ausgezogen. Nach der Schicht haben ihr die Beine wehgetan. Sie wollte nichts weiter als einen heißen Tee und ein bisserl Ruhe.
In der Küche saß Lena. Die Schwester ihres Mannes. In Annas Morgenmantel.
Lena aß Nudeln mit Faschiertem direkt aus der teuren Teflonpfanne. Mit einer Metallgabel. Das Kratzen auf der Beschichtung fuhr Anna wie ein Messer ins Ohr.
„Servus“, murmelte Lena mit vollem Mund.

Anna blieb in der Tür stehen. Auf dem Tisch stand der leere Topf, in dem am Vortag noch Borschtsch gewesen war. Daneben lag die aufgerissene Packung Schnittkäse. In der Abwasch stapelte sich fettiges Geschirr.
„Wo ist die Suppe?“, fragte Anna mit ganz ruhiger Stimme.
Lena hob nur die Schultern.
„Aufgegessen. Lukas war mittags da. Hat ihm geschmeckt.“
Anna sah zu dem Fünf-Liter-Topf hinüber.
„Fünf Liter? Innerhalb von einem Tag?“
„Na ja, ich hab auch was gegessen. Und Lukas hat sich noch eine Box für die Arbeit mitgenommen. Was ist denn dabei? Ist dir die Suppe für deinen eigenen Mann zu schade?“
Lena legte die Gabel weg. Am Boden der Pfanne zogen sich tiefe, helle Kratzer durch die Beschichtung. Das Ding hatte vierzig Euro gekostet.
In Anna ist in diesem Moment etwas zugefallen. Wie ein schweres, kaltes Schloss.
Sie ging zum Kühlschrank und riss die Tür auf. Drinnen war nichts. Keine Joghurts, kein Hühnerfilet, keine Wurst. Nur ein Glas billiger Senf stand noch da.
„Wo sind die Laibchen?“, fragte Anna.
„Die haben wir gestern schon fertig gegessen. Anna, was regst du dich so auf? Soll ich hungrig dasitzen, oder was?“
Anna holte aus ihrer Tasche die Kassazettel. Sie bewahrte sie immer auf.
„Heuer allein in diesem Monat hab ich für Lebensmittel vierhundertfünfzig Euro ausgegeben.“
Lena verdrehte die Augen.
„Na super, jetzt geht’s wieder los. Frau Buchhaltung persönlich.“
„Du wohnst seit acht Monaten hier. Acht Monate, Lena. Du hast nicht einmal einen Laib Brot gekauft.“
„Ich such ja Arbeit!“, fuhr die Schwägerin sie an.
„Du suchst auf Tinder einen Sponsor. Und frisst derweil auf meine Kosten.“
Anna nahm die leere Pfanne, stellte sie in die Abwasch und drehte eiskaltes Wasser auf.
„He! Ich war noch nicht fertig!“, empörte sich Lena.
„Dein Essen ist vorbei. Meines übrigens auch. Raus aus meiner Küche.“
Lena schnaubte. Sie zog Annas Morgenmantel aus, schleuderte ihn über einen Sessel und verschwand ins Wohnzimmer.
Anna begann nicht, das Geschirr abzuwaschen. Sie füllte sich ein Glas Wasser an und trank es in einem Zug aus. Dann nahm sie ihr Handy und schrieb ihrem Mann.
„Geh bitte in den Supermarkt. Daheim ist nichts mehr zu essen.“
Die Antwort kam keine Minute später.
„Ich bin erledigt. Bestell halt was. Du hast eh Geld.“
Anna verzog den Mund zu einem kurzen, bitteren Lächeln. Ja, Geld hatte sie. Nur war es ihres.
Am Abend knallte im Vorzimmer die Wohnungstür. Lukas war heimgekommen.
„Anna! Gibt’s was zum Abendessen?“
Sie saß mit dem Laptop auf dem Sofa.
„Es gibt nichts“, sagte sie.
Lukas kam ins Zimmer. Ohne die Schuhe auszuziehen.
„Was heißt, es gibt nichts? Gestern war der Kühlschrank noch voll.“
„Deine Schwester hat ihn leergefressen. Mit deiner tatkräftigen Unterstützung.“
Lukas atmete schwer aus und fuhr sich übers Gesicht, als müsste er unsichtbaren Staub wegwischen.
„Anna, bitte, fang nicht schon wieder damit an. Lena ist jung, die hat halt einen schnellen Stoffwechsel.“
„Sie hat vor allem eine schnelle Frechheit. Ich zahl dreihundertachtzig Euro Kreditrate für diese Wohnung. Das ist meine Wohnung.“
„Wir sind eine Familie!“, brüllte Lukas. „Ich zahl die Betriebskosten!“
„Die Betriebskosten sind sechzig Euro. Das Essen kostet vierhundertfünfzig. Deine Schwester hat mich in diesen acht Monaten dreitausendsechshundert Euro gekostet.“
„Bei dir geht’s immer nur ums Geld!“
Lukas drehte sich um und stapfte in die Küche. Kurz darauf schepperten dort Töpfe und Laden.
„Anna!“, rief er. „Da sind ja nicht einmal Eier da!“
„Ich weiß.“
Er kam zurück, wütend, mit roten Flecken im Gesicht.
„Gib mir zehn Euro. Ich hol uns einen Kebap.“
Anna sah ihn an. Genau. Lange. Als stünde ein Fremder vor ihr.
„Deine Karte steckt in deiner Hosentasche.“
„Ich hab den Autokredit gezahlt. Das weißt du doch. Bis zum Gehalt hab ich genau null.“
„Dann habt ihr heute eben einen Entlastungstag.“
Lukas schlug mit der Faust gegen den Türstock.
„Spinnst du? Meine Schwester sitzt hungrig da! Ich bin auch hungrig!“
