„Ist dir die Suppe für deinen eigenen Mann zu schade?“ spöttisch gefragt, während Anna wie von einem schweren, kalten Schloss getroffen stumm vor dem leeren Kühlschrank stand

Schamlos, respektlos, herzlos — zutiefst verletzend.
Geschichten

„Bin ich deine Frau oder was?“

„Ich bin dein Sponsor, Lukas. Und diese Aktion grenzenloser Großzügigkeit ist ab sofort vorbei.“

Er stieß eine derbe Beschimpfung aus, riss die Wohnungstür auf und knallte sie so heftig hinter sich zu, dass im Vorzimmer der Spiegel vibrierte. Eine Stunde später tauchte er wieder auf, mit zwei Kebaps und einer Dose Cola. Lena lief ihm freudig entgegen, kaum dass er den Schlüssel umgedreht hatte.

Anna boten sie nichts an.

Es war ihr wurscht.

Am nächsten Tag war Samstag. In der Früh schob sich ein fremder Schlüssel ins Schloss.

Die Tür ging mit einem leisen Quietschen auf. Anna lag noch im Bett, aber sie war sofort hellwach. Draußen im Vorzimmer hörte sie Schritte. Schwer, schlurfend, selbstsicher.

Barbara. Ihre Schwiegermutter.

„Lukas! Lenalein! Ich hab Palatschinken mitgebracht!“, dröhnte es durch die Wohnung.

Anna streifte sich den Morgenmantel über und trat aus dem Schlafzimmer.

Barbara stand bereits im Vorzimmer, als gehöre ihr die Wohnung. Umständlich zog sie ihre Stiefel aus, in der Hand eine Plastikdose.

„Na schau, Anna schläft noch immer? Es ist schon elf.“

„Es ist mein freier Tag.“

Barbara verzog den Mund.

„Eine Ehefrau hat ihrem Mann ein Frühstück zu machen und nicht bis Mittag im Bett zu kugeln. Wo ist denn mein Bub?“

Aus dem Wohnzimmer kam Lena, zerknittert, mit zerzausten Haaren.

„Mama, sie hat uns gestern absichtlich hungern lassen. Wegen einer Suppe hat sie einen kompletten Aufstand gemacht.“

Barbara schnappte empört nach Luft und starrte Anna an.

„Sag einmal, bist du jetzt völlig übergeschnappt? Ein Kind ohne Essen sitzen lassen?“

„Dieses Kind ist vierundzwanzig“, sagte Anna ruhig. „Und dieses Kind frisst wie ein Bauarbeiter nach einer Doppelschicht.“

„Wie redest du eigentlich!“, fauchte Barbara und machte einen Schritt auf sie zu.

Anna wich keinen Zentimeter zurück.

„Den Schlüssel bitte auf den Tisch.“

Barbara erstarrte.

„Was?“

„Meinen Wohnungsschlüssel. Legen Sie ihn auf die Kommode.“

Die Schwiegermutter warf ihrer Tochter einen Blick zu.

„Ich leg gar nichts hin. Das ist die Wohnung von meinem Sohn.“

„Die Wohnung habe ich vor der Ehe gekauft. Mit meinem Geld. Ihr Sohn ist hier nur gemeldet, weil ich es erlaubt habe. Der Schlüssel kommt jetzt auf den Tisch.“

Barbara schleuderte den Schlüsselbund auf die Holzplatte. Das Klirren schnitt durchs Vorzimmer.

„Herrgott noch einmal, nicht einmal ein Stück Brot gönnt sie der Familie! Armer Lukas. Hat sich ausgerechnet so eine geizige Kröte angelacht.“

Dann stapfte sie in die Küche. Lena huschte hinter ihr her. Anna blieb stehen und hörte ihr wütendes Getuschel, das absichtlich laut genug war, damit sie jedes zweite Wort verstand.

Nach ungefähr einer Stunde war Barbara wieder verschwunden.

Anna ging ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen. Auf dem Regal standen ihre Tiegel und Fläschchen. Einer fehlte. Die Nachtcreme für siebzig Euro war weg.

Sie trat in den Gang.

„Lena. Wo ist meine Creme?“

Lena hob nicht einmal den Blick vom Handy.

„Keine Ahnung. Mama hat irgendwas genommen, weil ihre Hände so trocken waren.“

„Ihre Hände? Mit meiner Anti-Aging-Creme mit Retinol?“

„Mein Gott, ist doch egal. Was jammerst du wegen so einem Tiegel? Kaufst halt einen neuen. Du verdienst ja eh genug.“

Anna antwortete nicht. Sie ging zurück ins Schlafzimmer, zog sich an und nahm ihre Handtasche.

Sie musste in den Baumarkt.

Zu Fuß waren es vielleicht fünfzehn Minuten. Das Wetter war grauslich. Ein scharfer Novemberwind kroch unter ihre Jacke, und der Himmel hing grau und niedrig über den Häusern. Anna ging rasch, ohne links oder rechts zu schauen.

Im Baumarkt nahm sie einen Einkaufswagen und steuerte direkt zur Abteilung mit Beschlägen und Befestigungsmaterial.

Sie suchte zwei massive Stahlplatten mit Ösen aus, dazu Metallschrauben, einen starken Zweikomponentenkleber und ein Schloss.

Das Schloss lag schwer in ihrer Hand. Ein Vorhängeschloss mit Zahlencode, dickem Bügel und massivem Gehäuse. Ohne Flex würde das niemand aufbekommen.

Danach fuhr sie noch zu einem Elektromarkt. Dort kaufte sie einen kleinen Kühlschrank, kaum größer als ein Nachtkasterl, und zahlte für eine Expresszustellung.

Gegen drei Uhr nachmittags war Anna wieder daheim.

Die Wohnung war leer. Lena war offenbar unterwegs. Lukas hockte, wie so oft, mit seinen Freunden in der Garage.

Anna machte sich an die Arbeit.

Aus dem Kasten holte sie ihren Akkuschrauber. Ihren eigenen. Dann hielt sie die Stahlbeschläge an die Türen des großen weißen Bosch-Kühlschranks in der Küche und markierte die Stellen.

Die Schrauben in das Kühlschrankgehäuse zu treiben war mühsam. Das Metall gab nicht freiwillig nach, der Akkuschrauber kreischte, und ihr Handgelenk begann zu schmerzen. Aber die Wut in ihr war stärker als jede Erschöpfung.

Eine halbe Stunde später prangten an der Kühlschranktür zwei kräftige Ösen. Anna schob den Bügel des Vorhängeschlosses hindurch, drückte ihn zu und hörte das satte Klicken. Dann rüttelte sie daran.

Bombenfest.

Anschließend räumte sie sämtlichen Reis, die Nudeln, die Konserven und alle Vorräte aus den Küchenkästen in ihr Schlafzimmer. In ihre Schlafzimmertür baute sie ein schlichtes Einsteckschloss mit Schlüssel ein. Das ging wesentlich leichter.

Um fünf brachten die Lieferanten den kleinen Kühlschrank. Anna stellte ihn neben ihr Bett und steckte ihn an.

Danach gab sie bei einem teuren Supermarkt eine Lieferung auf.

Hedis Stube