Sie bestellte Forellenfilets, Rib-Eye-Steaks, Bauern-Topfen, edlen Käse und frisches Obst. Insgesamt kam sie auf ungefähr hundertfünfzig Euro.
Alles, was geliefert wurde, schlichtete Anna sorgfältig in den neuen kleinen Kühlschrank, der nun in ihrem Schlafzimmer stand und ausschließlich ihr gehörte.
Der große Kühlschrank in der Küche blieb leer zurück, ausgesteckt und mit dem Vorhängeschloss verriegelt.
Anna duschte in Ruhe, trug sich eine Gesichtsmaske auf und kochte sich danach Kaffee.
Mit einem Häferl in der Hand setzte sie sich an den Küchentisch.
Und wartete.
Als Erste kam Lena heim.
In der einen Hand hielt sie ein Sackerl Chips, in der anderen eine billige Energydrink-Dose.
„Pfuh, ist das kalt“, sagte sie gleich bei der Tür, warf ihre Jacke achtlos auf den Hocker und schlurfte in die Küche.
Anna trank schweigend ihren Kaffee.
Lena ging direkt zum Kühlschrank, griff nach dem Griff und zog daran. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter.
Sie riss noch einmal kräftiger an. Das Schloss schlug hart gegen das Metall.
Lena starrte auf die Stahlhalterungen.
„Was soll das sein?“
„Ein Schloss“, antwortete Anna ruhig.
„Wozu?“
„Damit du nicht mehr alles wegfrisst.“
Lena wurde kreidebleich.
„Bist du komplett hinüber? Mach sofort auf. Ich will Ketchup zu den Chips.“
„Da drin ist kein Ketchup. Da drin ist überhaupt nichts. Der Kühlschrank ist abgedreht. Mein Essen ist in meinem Zimmer. Und mein Zimmer ist versperrt.“
Lena ballte die Hände zu Fäusten.
„Das wird Lukas gar nicht gefallen!“
„Dann kann Lukas im Bad eine Runde heulen.“
Lena riss ihr Handy hervor und tippte mit zitternden Fingern die Nummer ihres Bruders ein.
„Lukas! Diese Irre hat ein Scheunenschloss auf den Kühlschrank montiert!“, kreischte sie ins Telefon. „Ja! Direkt mit Schrauben festgemacht!“
Anna trank ihren Kaffee aus, spülte das Häferl ab, ging in ihr Schlafzimmer und sperrte zweimal zu.
Eine Stunde später stürmte Lukas herein.
Anna hörte, wie die Wohnungstür gegen die Wand krachte. Dann seine schweren Schritte am Gang. Dann sein Gebrüll aus der Küche.
Kurz darauf donnerte es gegen ihre Schlafzimmertür.
„Anna! Mach sofort auf!“
Anna legte ihr Buch zur Seite, drehte den Schlüssel um und öffnete.
Lukas stand vor ihr, das Gesicht rot vor Zorn.
„Was führst du da auf? Warum hast du den Kühlschrank ruiniert?“
„Ich hab ihn nur auf den neuesten Stand gebracht.“
„Nimm dieses Schloss runter! Ich hab Hunger! Wir haben den ganzen Tag in der Garage herumgewerkt!“
Anna lehnte sich an den Türstock.
„Das Schloss bleibt. Ab heute trennen wir die Ausgaben. Ich zahle den Kredit für die Wohnung. Du zahlst für deine Schwester und für eure Mägen.“
„Ich bin dein Mann! Du bist verpflichtet, mir Abendessen zu machen!“
„Wo genau steht das?“
„Am Standesamt!“
Anna lachte kurz auf, ohne jede Wärme.
„Am Standesamt bekommt man eine Urkunde. Keine Adoptionsbestätigung für einen ausgewachsenen Trottel samt Schwester.“
Lukas machte einen Schritt nach vorne und wollte sie zur Seite schieben, um ins Zimmer zu kommen.
„Lass mich rein! Da drinnen hast du Essen! Ich riech’s!“
Anna stieß ihn mit beiden Händen gegen die Brust. Fest genug, dass er rückwärts in den Gang taumelte.
„Wenn du mich oder meine Tür noch einmal anrührst, rufe ich die Polizei. Dann sage ich, dass du versucht hast, mich anzugreifen.“
„Du bluffst.“
„Probier’s aus.“
Sie machte die Tür vor seiner Nase zu und sperrte wieder ab.
Draußen hörte sie Geschrei, Flüche und Schläge gegen die Wand. Lukas telefonierte mit seiner Mutter. Barbara riet ihm offenbar, die Tür aufzubrechen.
Doch dazu fehlte ihm der Mut. Er trat noch einmal wütend gegen die Wand und verzog sich in die Küche. Wenig später fiel die Wohnungstür ins Schloss. Lukas war in den Supermarkt gegangen.
Der Montag verging. Dann kam der Dienstag.
Die neuen Regeln griffen unerbittlich. Anna kochte für sich im Schlafzimmer im Multikocher oder bestellte fertiges Essen. Schmutziges Geschirr wusch sie sofort ab und räumte es wieder zu sich.
In der Küche machte sich Ödnis breit.
Lena und Lukas kauften ein Packerl Tiefkühl-Teigtaschen und billige Würstel. Nur hatten sie nichts, worin sie sie zubereiten konnten. Anna hatte sämtliche Töpfe in ihr Zimmer gebracht.
Am Mittwochabend ging Anna in die Küche, um sich Wasser zu holen.
Lukas stand beim Herd und briet Würstel auf Lenas Glätteisen für die Haare. Der Gestank war widerlich.
„Das Gerät wird kaputt“, bemerkte Anna.
Lukas schoss ihr einen hasserfüllten Blick zu. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.
„Deinetwegen! Du hast uns so weit gebracht!“
Lena saß am Tisch und knabberte trockene Instantnudeln aus der Packung.
„Anna, bitte“, jammerte sie. „Lass mich wenigstens den Wasserkocher anstecken. Ich will heißen Tee.“
„Der Wasserkocher gehört mir. Ich hab ihn um sechzig Euro gekauft. Wasser kann man auch mit einem Tauchsieder im Häferl heiß machen. Falls ihr einen habt.“
