„Ist dir die Suppe für deinen eigenen Mann zu schade?“ spöttisch gefragt, während Anna wie von einem schweren, kalten Schloss getroffen stumm vor dem leeren Kühlschrank stand

Schamlos, respektlos, herzlos — zutiefst verletzend.
Geschichten

„Du Dreckstück“, zischte Lukas zwischen den Zähnen hervor.

Anna drehte sich langsam zu ihrem Mann um.

„Morgen seid ihr weg. Ihr beide.“

Die Worte fielen in die Küche, schwer und endgültig, als hätte jemand Steine auf den Boden geworfen.

Lukas hielt mitten in der Bewegung inne. Das Würstel in der Pfanne brutzelte weiter, doch er rührte es nicht mehr an.

„Wohin denn?“

„Zu deiner Mutter. In irgendeine Pension. Mir wurscht. Hauptsache, nicht mehr hier.“

„Ich bin hier gemeldet!“, brüllte er.

„Du bist hier nur vorübergehend gemeldet“, erwiderte Anna kalt. „Ich habe heute beim Meldeamt den Antrag gestellt, diese Meldung aufheben zu lassen. Begründung: Ende der ehelichen Lebensgemeinschaft. Und morgen reiche ich die Scheidung ein.“

Lena ließ die trockenen Nudeln fallen. Kleine Brösel sprangen über die Tischplatte.

„Wie bitte, Scheidung? Und was ist mit mir?“

Anna lachte kurz auf. Nicht, weil es lustig gewesen wäre. Sondern weil sie kaum fassen konnte, wie viel Dreistigkeit in einem einzigen Satz stecken konnte.

„Dich habe ich nicht adoptiert. Also pack dein Zeug und geh.“

„Wir gehen nirgendwohin!“ Lukas schleuderte die Grillzange auf den Tisch. „Das ist auch mein Zuhause! Ich hab hier renoviert!“

„Du hast im Vorzimmer die Tapeten neu geklebt. Wenn du magst, reiß sie runter und nimm sie mit.“

Damit wandte sie sich ab und ging ins Schlafzimmer.

Donnerstagabend.

Anna kam früher von der Arbeit heim als sonst. Schon beim Aufsperren merkte sie, dass in der Wohnung eine ungewohnte Stille lag.

Sie trat ins Wohnzimmer.

Am Boden standen zwei Reisetaschen. Daneben lagen drei schwarze Müllsäcke, prall gefüllt.

Lena saß auf dem Sofa. Sie hatte ihre Daunenjacke an, die Haube tief in die Stirn gezogen, das Gesicht verheult.

Lukas stand am Balkon und rauchte.

Anna machte das Licht an.

„Na schau. Ihr habt es tatsächlich geschafft, fertig zu werden, bevor ich da bin.“

Lukas kam vom Balkon herein und blies den Rauch absichtlich mitten ins Zimmer.

„Wir verschwinden. Aber du gibst uns das Geld zurück. Für Betriebskosten. Und für die Renovierung.“

„Selbstverständlich.“ Anna nickte beinahe freundlich. „Ich überweise es dir sofort, sobald du mir deinen Anteil an den Kreditraten der letzten drei Ehejahre überwiesen hast. Das wären ungefähr fünfzehntausend Euro. Wollen wir gleich nachrechnen?“

Lukas presste die Zähne so fest aufeinander, dass seine Kiefermuskeln zuckten.

„Erstick an deiner Wohnung, du Miststück.“

Er riss eine der Taschen hoch. Lena stand ebenfalls auf und griff nach ihrem Rucksack.

Anna ging zur Wohnzimmertür und stellte sich quer in den Durchgang.

Ihr Blick glitt über Lena. Über die nagelneue Daunenjacke. Über die Stiefel aus echtem Leder. Über die große Markentasche, die sie wie selbstverständlich über der Schulter trug.

Dann blieb Annas Blick am Ärmel der Jacke hängen.

„Zieh die Jacke aus.“

Lena erstarrte.

„Was?“

„Du hast mich gehört. Jacke aus. Und den Rucksack machst du auch auf.“

Lukas ließ die Tasche wieder zu Boden krachen.

„Bist du jetzt komplett wahnsinnig? Draußen hat es minus zwei Grad!“

Anna sah ihn nicht einmal an. Sie schaute nur Lena an.

„Diese Jacke ist im September gekauft worden. Von meiner Prämie. Als Geschenk, damit du ordentlich ausschauen kannst, wenn du Arbeit suchst. Arbeit hast du keine gefunden. Also ist das Geschenk hinfällig.“

„Anna, bitte!“ Lena presste sich gegen die Wand. „Ich erfriere da draußen! Ich hab keine andere Wintersache. Mama hat beim Umzug alles weggeworfen!“

„Das ist nicht mein Problem. Ausziehen.“

Lena sah zu ihrem Bruder hinüber. In ihren Augen stand die stumme Bitte, er möge endlich etwas sagen, sich vor sie stellen, sie schützen.

Doch Lukas schwieg. Er starrte nur auf den Boden.

„Lukas, sag doch was!“, schluchzte Lena.

Anna machte einen Schritt auf sie zu.

„Entweder die Jacke bleibt hier, oder ich rufe jetzt die Polizei und melde einen Diebstahl. Du hast meine Creme um siebzig Euro mitgehen lassen. Die Rechnungen habe ich. Dann fahren wir gemeinsam zur Inspektion und klären dort, ob Barbara sich damit wirklich die Hände eingeschmiert hat oder nicht.“

Lena begann zu zittern. Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie mit fahrigen Fingern den Reißverschluss öffnete.

Die Daunenjacke rutschte von ihren Schultern und fiel auf den Boden. Darunter trug sie nur einen dünnen Pullover.

Anna schob die Jacke mit dem Fuß zur Seite, Richtung Sofa.

„Und jetzt ist dort die Tür.“

Sie gingen hinaus ins Vorzimmer. Lukas schleppte die Müllsäcke und Taschen. Lena lief in ihrem dünnen Pullover hinterher, die Arme fest um den eigenen Körper geschlungen.

Anna blieb in der Wohnungstür stehen und sah zu, wie sie vor dem Lift warteten.

Die Lifttüren öffneten sich. Lukas stieg als Erster ein. Lena drehte sich noch einmal um. Ihre Lippen bebten.

„Du bist ein Monster“, presste sie hervor.

Anna sagte kein Wort. Sie drückte nur auf den Knopf, der die Wohnungstür ins Schloss fallen ließ. Der schwere Riegel schnappte hörbar ein.

Dann ging sie zurück in die Küche.

In der Wohnung herrschte eine vollkommene, klingende Ruhe.

Kein Geruch nach fremdem Schweiß mehr. Kein Gestank von angebratenen Zwiebeln. Keine fremden Stimmen, kein Rascheln, kein Anspruch, der sich in jede Ecke gedrängt hatte.

Anna griff in ihre Tasche, holte den kleinen Schlüssel heraus und öffnete das Vorhängeschloss am großen weißen Kühlschrank.

Innen war alles sauber.

Sie lächelte.

Hedis Stube