„Entweder zieht meine Ex-Frau mit den Kindern bei uns ein, oder du bist hier weg. Such es dir aus!“ sagte Lukas mitten in der Küche, ohne die geringste Scham, während sein Mitbewohner vorsichtig das Häferl auf den Tisch stellte

Diese rücksichtlose Einmischung ist schlicht unerhört.
Geschichten

Zum Schluss habe ich auch noch den Kühlschrank ausgeräumt und alles entsorgt, was an seine kulinarischen Experimente erinnert hat. Übrig geblieben sind nur meine Lieblingskäse, frische Kräuter und die Himbeermarmelade meiner Großmutter.

Jede einzelne Bewegung hat sich angefühlt wie ein Stück Freiheit. Als würde ich mir mich selbst, Schicht für Schicht, wieder zurückholen.

Zwei Tage später ist er wieder aufgetaucht. Er hat geklopft. Kein Anruf, keine Nachricht davor – er ist einfach vor der Tür gestanden, mit einem Sackerl in der Hand und gesenktem Blick.

„Ich hab mir gedacht … vielleicht könnten wir das irgendwie regeln. Vorübergehend würde ich bei einem Freund unterkommen, aber …“

„Lukas“, habe ich ihn unterbrochen, „du bist ein erwachsener Mann. Such dir eine Lösung, für die du mich nicht brauchst. Alles Gute.“

Dann habe ich die Tür zugemacht. Zum ersten Mal seit langer Zeit mit einem leichten Herzen.

4. Kapitel: Neubeginn

Ohne Lukas ist mein Leben auf einmal erstaunlich weit geworden. Nicht, weil die Wohnung größer gewesen wäre – sondern weil in mir wieder Platz entstanden ist.

Ich habe begonnen, mir zurückzuholen, was ich verloren hatte. Ich habe mich wieder mit Freundinnen getroffen, bin abends laufen gegangen und habe mich in einem Tanzstudio angemeldet – etwas, wovon ich schon lange geträumt hatte, wofür aber angeblich nie Zeit gewesen ist.

Lena hat in diesen Tagen besonders laut geschnurrt. Und ich habe wieder öfter gelacht. Manchmal bin ich in der Früh aufgewacht und habe gedacht: Ich könnte noch immer in diesem Schatten leben, wenn ich mich vor dem Alleinsein gefürchtet hätte.

Doch das Alleinsein hat sich als Trugbild erwiesen. Ich war mit mir selbst zusammen – und das war genug.

5. Kapitel: Mit anderen Augen

Nach einem Monat hat mir ein Mann aus dem Tanzstudio geschrieben. Felix. Groß, ruhig, zurückhaltend, mit einem warmen Lächeln. Er hat mich zu einer Ausstellung eingeladen. Wir haben über Bücher gesprochen, über Reisen, über Wein und darüber, wie es ist, ein Leben zu führen, bei dem man sich nicht ständig verbiegt.

Er hat nichts beschleunigt. Er hat sich nicht aufgedrängt. Er war einfach da.

Ich habe keine Luftschlösser gebaut. Ich habe nur den Augenblick genossen. Bewusst. Gelassen.

Und als er eines Abends gesagt hat: „An dir ist etwas Besonderes. Als hättest du keine Angst davor, du selbst zu sein“, habe ich gelächelt.

Denn genau davor hatte ich wirklich keine Angst mehr.

6. Kapitel: Wo Zuhause beginnt

Noch ein paar Wochen sind vergangen. Ich bin am Fenster gestanden, ein Häferl Tee in den Händen, und habe zugeschaut, wie der Wind die Blätter vor sich hergetrieben hat. Im Zimmer hat es nach Vanille und Wärme gerochen.

Mein Leben hat wieder mir gehört.

Manchmal hat die Vergangenheit trotzdem noch angeklopft: unerwartete Nachrichten von Lukas, Erinnerungen, diese Fragen nach dem „Was wäre gewesen, wenn …“. Aber ich habe gelernt, nicht zu antworten, nichts wieder aufzuwühlen und nicht an mir zu zweifeln.

Ein Zuhause besteht nicht aus Wänden.

Es ist ein Zustand im Inneren. Und wenn man sich selbst achtet, lässt man niemanden mehr hinein, der diese Achtung nicht mitbringt.

Episode: Eine einfache Entscheidung

Einmal hat er zu mir gesagt: „Entscheide dich.“

Ich habe mich entschieden.

Und am Ende hat sich herausgestellt, dass ich mit dieser Entscheidung die beste Wahl meines Lebens getroffen habe – ich habe mich für mich selbst entschieden.

7. Kapitel: Ein Brief vom Ex

Nach einem Monat Schweigen ist an einem Sonntag – Punkt neun Uhr in der Früh – ein Brief gekommen. Ein echter. Auf Papier, mit Briefmarke und seiner Handschrift auf dem Kuvert.

Lange habe ich ihn in der Hand gehalten und überlegt, ob ich ihn überhaupt aufmachen soll. Mein Selbsterhaltungstrieb hat geschrien: Wirf ihn weg. Doch die Neugier und diese Stelle in mir, die noch nicht ganz verheilt war, haben etwas anderes verlangt: Lies ihn.

Drinnen waren zwei Blätter. Der Text war schlicht und knapp:

„Servus.

Ich weiß nicht genau, warum ich schreibe. Wahrscheinlich, weil mein Gewissen schwerer auf mir liegt, als ich erwartet habe.

Ich erinnere mich daran, wie du mit einem Buch auf dem Sofa gesessen bist, wie deine Katze geschnurrt hat und wie in der Früh der Duft von Kaffee durchs Zimmer gezogen ist. Damals habe ich all das für selbstverständlich gehalten. Ich habe geglaubt, es würde immer so bleiben.“

Hedis Stube