„Da geht’s nur um Kleinigkeiten“ sagte Lukas verharmlosend und schob die Mappe über die Tischplatte zu mir

Diese arrogante Gleichgültigkeit fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

„Was soll daran schon so wichtig sein, Kindchen?“

„Sehr wichtig sogar. Ein Anwalt formuliert, was rechtlich zulässig ist. Aber so etwas wie ‚verzichtet auf berufliche Chancen‘ ist keine juristische Notwendigkeit. Das bedeutet, dass ich schon im Vorhinein meine Laufbahn aufgebe und später nicht einmal erwähnen darf, dass ich überhaupt eine gehabt habe. So einen Satz schreibt kein Anwalt von sich aus hinein. Den fügt jemand nachträglich dazu.“

Ihr Lächeln ist verschwunden.

„Worauf willst du hinaus?“

„Auf gar nichts. Ich lese nur. Laut. So, wie Sie es wollten. Ganz ehrlich.“

Lukas hat zuerst mich angeschaut, dann seine Mutter. Zum ersten Mal an diesem Abend hat er gewirkt, als würde er den Vertrag tatsächlich lesen — den Vertrag, den er selbst mitgebracht hatte.

„Punkt acht“, habe ich weitergemacht und die Mappe zu ihm hinübergedreht. „Da. Lies das. Bitte selbst.“

Er hat das Papier genommen, sich darübergebeugt. Seine Lippen haben sich lautlos bewegt.

In Punkt acht stand, dass die Ehefrau, falls die Ehe auf ihren Wunsch hin aufgelöst wird, die gemeinsame Wohnung binnen eines Monats zu verlassen hat — ohne Anspruch auf Ersatz für Geld, das sie in Renovierung oder Einrichtung gesteckt hat. Renovierung und Einrichtung, wohlgemerkt, waren für unsere neue Wohnung geplant. Für jene Wohnung, die wir gemeinsam kaufen wollten, mit Kredit, und für die ich meinen Anteil an der Anzahlung bereits zurückgelegt hatte. Von genau diesem Gehalt, das hier bis zum letzten Beistrich zerlegt wurde.

„Das ist doch nicht so…“ Lukas hat aufgesehen. „Das ist sicher nur eine Vorlage, da ist halt etwas übrig geblieben von…“

„Von was, Lukas? Von der letzten Braut?“

Stille. Maria ist vom Sofa aufgestanden.

„So“, hat sie gesagt. „Jetzt reicht’s mit der Hysterie. Das ist ein ganz normaler Vertrag, anständige Leute machen das so. Du bauschst da aus dem Nichts ein Drama auf. Lukas, sag ihr das.“

Lukas hat nichts gesagt.

Er ist dagesessen, hat auf Seite acht gestarrt und geschwiegen. Und dieses Schweigen war schlimmer als der ganze Vertrag. Den Vertrag hatte wenigstens irgendein fremder Anwalt geschrieben. Geschwiegen hat er. Der Mann, der in drei Wochen neben mir stehen und „Ja, ich will“ sagen sollte. Er hätte jetzt sagen können: „Mama, stopp, das geht zu weit, das nehmen wir raus.“ Ein einziger Satz. Er hat ihn nicht gesagt.

Er hat sich entschieden, keinen Streit anzufangen. Nicht mit seiner Mutter. Mit mir war es offenbar ungefährlicher.

Ich habe die Mappe zugeschlagen und den blauen Kugelschreiber in die Tischmitte geschoben. Zu ihm.

„Ich unterschreibe das nicht“, habe ich gesagt.

„Anna, lass uns morgen noch einmal drüber reden, mit klarem Kopf“, hat Lukas hastig eingeworfen. „Du bist müde, ich versteh das ja…“

„Ich bin nicht müde. Ich bin fertig mit Lesen.“

„Und was willst du da bitte gelesen haben?“, hat Maria sich eingemischt. „Ganz gewöhnliche Unterlagen. Du hast nur nach einem Grund gesucht, dich aufzuregen. Wenn du nicht heiraten willst, dann sag es einfach, aber führ hier kein Theater auf.“

„Ich will“, habe ich gesagt. Und war selbst überrascht, dass es sich plötzlich wie Vergangenheit angefühlt hat. „Ich wollte. Bis Seite sechs.“

Ich bin aufgestanden und habe meine Jacke von der Sessellehne genommen. Im Vorzimmer war es finster, ich habe den Lichtschalter nicht gleich gefunden. Hinter mir hat Lukas irgendetwas davon geredet, man müsse „eine Nacht darüber schlafen“, seine Mutter habe „das nicht so gemeint“, wir seien doch „erwachsene Menschen“.

Erwachsene Menschen. Ein erwachsener Mann bringt seiner Verlobten ein Papier, in dem sie im Voraus zur stummen Dienstbotin gemacht wird, und ist so überzeugt davon, dass sie es ohnehin nicht zu Ende liest, dass er es selbst nicht einmal getan hat.

An der Tür habe ich mich noch einmal umgedreht.

„Lukas. Hast du wirklich geglaubt, ich lese das nicht?“

Er ist ins Stocken geraten.

„Ich hab gedacht, du… na ja… du bist bei solchen Sachen normalerweise…“

„Gleichgültig. Sprich es ruhig aus.“

Er hat es nicht ausgesprochen. Aus dem Zimmer hat Maria gerufen, ich würde das noch bereuen, Männer wie ihren Lukas müsse man erst einmal finden, und in meinem Alter dürfe man nicht mehr wählerisch sein.

Hedis Stube