„Da geht’s nur um Kleinigkeiten“ sagte Lukas verharmlosend und schob die Mappe über die Tischplatte zu mir

Diese arrogante Gleichgültigkeit fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

Mein Alter: einunddreißig. Ich habe die Tür hinter mir zugemacht und unten auf der Stiege gemerkt, dass ich zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder richtig Luft bekomme.

Am nächsten Tag habe ich die Hochzeit abgesagt. Im Lokal habe ich angerufen; die Anzahlung war weg, aber das war mir wurscht. Den Gästen habe ich eine knappe, gleiche Nachricht geschickt: Die Hochzeit findet nicht statt, bitte keine Fragen zu den Gründen. Den Ring habe ich in seinem Schächtelchen auf Lukas’ Fensterbrett liegen lassen. Ich bin hingefahren, als er nicht daheim war, und habe den Schlüssel bei seiner Nachbarin abgegeben.

Lukas hat angerufen. Zuerst hat er gebettelt, dann mir Vorwürfe gemacht, dann wieder gebettelt. Später ist eine endlose Sprachnachricht gekommen: Er habe diesen Vertrag zerrissen, ich hätte alles falsch verstanden, seine Mutter sei „eine Sache für sich, aber wir zwei seien ja wir zwei“. Bis zur Hälfte habe ich zugehört. So lange hat seine Reue gereicht. Danach ist es nur noch darum gegangen, wie viel ihn die Hochzeit gekostet habe und wie peinlich das jetzt vor seiner Verwandtschaft ausschauen würde.

Peinlich ausschauen. Genau das hat ihn wirklich getroffen. Nicht, dass ich gegangen bin. Sondern dass er nun seinen Onkeln und Tanten erklären muss, warum die Braut drei Wochen vorher davongelaufen ist.

Als ich meiner Mama alles erzählt habe, ist sie am Telefon lange still gewesen.

„Vielleicht“, hat sie schließlich vorsichtig gemeint, „hättest du diese Punkte einfach streichen sollen? Den Vertrag ordentlich umschreiben lassen und bleiben? Papier ist halt Papier. Das Leben führen am Ende die Menschen.“

Ich habe darüber nachgedacht. Wirklich. Diese Absätze hätte man tatsächlich durchstreichen können. Ein Jurist hätte das in einer Stunde sauber neu formuliert.

Aber Zeilen kann man entfernen. Nicht jedoch die Tatsache, dass er mir so etwas hingelegt hat, in der festen Überzeugung, ich würde es schon schlucken. Und auch nicht, dass er geschwiegen hat, während seine Mutter mich Satz für Satz zerlegt hat. Dieser Vertrag hat nur laut ausgesprochen, was die beiden längst über mich gedacht haben. Ich hätte ein paar Klauseln gestrichen und dann Menschen geheiratet, die überhaupt erst auf solche Klauseln gekommen sind.

„Mama“, habe ich gesagt, „er hat nicht die falschen Punkte über mich geschrieben. Er hat alles genau so hingeschrieben, wie er mich sieht. Nur bin ich halt nicht die, für die er mich gehalten hat.“

Wieder war eine Pause.

„Na gut“, hat sie gesagt. „Du musst es wissen. Bereu es nur später nicht.“

Ich bereue es nicht. Fast nicht.

Manchmal, spät am Abend, erwische ich mich dabei, dass ich an die guten Dinge denke. Er hat Kaffee genau so machen können, wie ich ihn mag. Er hat sich gemerkt, dass ich Koriander nicht ausstehen kann. Zu meinem Dreißiger hat er mich an den Wörthersee gebracht und sich nicht beschwert, obwohl ich fast die ganze Fahrt verschlafen habe.

Dann sehe ich wieder diesen blauen Kugelschreiber mit dem goldenen Rand vor mir, den er schon vorab auf den Tisch gelegt hatte. Den muss er extra gekauft oder vom Juristen mitgenommen haben; so einen hatten wir daheim nie. Er hat an alles gedacht. Sogar an den Stift. Nur nicht daran, dass ich lesen kann.

In der Arbeit ist es seitdem so: Wenn ein Autor mit einem Vertrag kommt und sagt, „das ist eh Standard, da müssen Sie nicht genau reinschauen“, dann schaue ich erst recht genau hin. Und jedes Mal finde ich irgendeinen Punkt sechs. Fast überall gibt es ihn. Die meisten lesen nur nie bis dorthin.

Ich schon. Jetzt immer.

Maria hat mir einen Monat später geschrieben. Eine einzige Nachricht, ohne Begrüßung. „Du hast meinem Buben wegen einer Formalität das Leben ruiniert. Ich hoffe, du schämst dich.“

Ich habe den Satz mehrmals gelesen. Nicht, weil ich ihn nicht verstanden hätte. Ich habe ihn sofort verstanden.

Geschämt habe ich mich nicht. Nur eine Frage ist mir geblieben. Ich habe sie ihr sogar schon eingetippt, dann aber wieder gelöscht, bevor ich sie abgeschickt habe.

Die Frage war ganz einfach: Wenn das wirklich bloß eine Formalität gewesen ist – warum haben Sie sich dann so angestrengt, damit ich sie nicht lese?

Hedis Stube