„Wässrig“, sagte Barbara, schob den Teller von sich weg und klopfte mit dem Löffel an den Rand. „Ich hab dir doch gesagt, die Roten Rüben gehören gerieben, nicht geschnitten. Und vom Lorbeer hast du auch zu viel hineingegeben.“
Der Borschtsch dampfte in dem großen Topf auf dem Herd. Fünf Stunden vorher war ich noch im Dunkeln aufgestanden, nur damit ich am Markt frisches Rindfleisch bekomme. Ich war in der Schlange gestanden, hatte ein Markknochenstück ausgesucht, genau so, wie Lukas es gern hatte. Danach hatte ich geputzt, geschnitten, die Roten Rüben extra in Folie gegart, damit ihr Saft nicht zu früh in die Suppe läuft. Drei Mal hatte ich abgeschmeckt. Salz immer nur in Viertellöffel-Portionen nachgegeben.
Und jetzt hieß es: wässrig.
Ich bin Pharmazeutin. Sechs Tage in der Woche stehe ich hinter der Tara, berate Kundinnen und Kunden, kontrolliere Rezepte und rechne Bestände nach. Der Samstag ist mein einziger freier Tag. Aber seit 2018, seit Barbara in den Nachbarbezirk gezogen ist, haben meine Samstage aufgehört, mir zu gehören.
Jede Woche. Vier Mal im Monat. Ohne Ausnahme, ohne Vorwarnung, ohne die Frage, ob es mir überhaupt passt. Sie kam um zehn Uhr vormittags, setzte sich in die Küche und wartete auf das Mittagessen. Lukas machte ihr die Tür auf, gab ihr ein Bussi auf die Wange und verschwand dann zum Fußballschauen. Und ich kochte.

„Anna, warum sagst du denn nichts? Ich mein’s ja nur gut“, sagte Barbara und rückte den Teller noch weiter weg, als hätte er sie persönlich beleidigt. „Meine Mutter, Gott hab sie selig, hat Borschtsch gekocht, da ist der Löffel drin stehen geblieben. Bei dir ist das eher ein Kompott.“
„Mama, es schmeckt doch“, murmelte Lukas, ohne den Blick von seinem Teller zu heben. Er aß bereits. Schnell, schweigend, mit Brot nachhelfend.
„Dir schmeckt ja alles, du bist nicht heikel“, winkte Barbara ab. „Ich dagegen bin Qualität gewohnt.“
Ich stand beim Herd. Die Schürze war voller Flecken vom Rote-Rüben-Saft, meine Hände waren noch heiß vom Topf. Drei Stunden Arbeit für diesen Borschtsch. Das Markknochenstück hatte 4,80 € gekostet. Den Sauerrahm hatte ich extra am Markt gekauft, hausgemacht.
Dann stand Barbara auf, ging zum Herd und schüttete ihre Portion zurück in den Topf. Nicht in die Abwasch. In den Topf. Direkt vor meinen Augen.
„Nicht fertig gekocht“, stellte sie ruhig fest. „Der soll noch ein bisserl weiterköcheln.“
Der Borschtsch hatte vier Stunden gekocht. Die Roten Rüben waren weich, das Kraut beinahe glasig, die Erdäpfel zerfielen schon. Ich wusste, dass er fertig war. In der Arbeit bitten mich die Kolleginnen um das Rezept für meinen Borschtsch. Drei Mädels aus der Frühschicht haben es sich ins Handy gespeichert.
Aber ich sagte nichts.
Ich nahm Barbaras Teller, trug ihn zur Abwasch und stellte ihn dort ab.
„Wenn es nicht schmeckt, müssen Sie sich nicht quälen“, sagte ich mit möglichst ruhiger Stimme.
Sie sah mich an, als hätte ich ihr eine Ohrfeige gegeben. Lukas hörte auf zu kauen. In der Küche wurde es still.
„Ich sag das ja nicht aus Bosheit“, presste Barbara hervor und zog die Lippen schmal. „Ich bring dir nur was bei.“
Acht Jahre lang. Acht Jahre lang hatte sie mir „etwas beigebracht“. Und an diesem Abend, während ich das Geschirr ins Abtropfgitter stellte, dachte ich zum ersten Mal klar: Vielleicht reicht es jetzt mit diesen Lektionen. Aber der Gedanke verschwand wieder. Lukas meinte, seine Mutter mache sich halt Sorgen, sie sei allein, ihr sei fad. Und ich schwieg wieder.
Eine Woche später verkündete Barbara, dass sie nun jeden Samstag kommen werde. Nicht bloß zu Besuch – sie werde „in der Küche helfen“. Ich nickte. Lukas freute sich.
Am darauffolgenden Samstag brachte Barbara ein Sackerl mit. Schwarze Pfefferkörner, getrockneten Dill, Chmeli-Suneli und Lorbeerblätter, fein säuberlich extra eingewickelt.
„Da“, sagte sie und breitete alles auf dem Tisch aus. „Ordentliche Gewürze. Deine kannst wegschmeißen.“
Ich bereitete Hendl mit Erdäpfeln zu. Das Filet lag seit dem Vorabend in Kefir mit Knoblauch, nach einem Rezept, das mir immer gelungen war. Die Erdäpfel hatte ich in Spalten geschnitten, mit Öl bestrichen und mit Paprika bestreut. Eineinhalb Stunden im Backrohr.
Als ich die Form auf den Tisch stellte, holte Barbara ihren Pfeffer hervor, öffnete die Mühle und begann zu würzen. Direkt über der gemeinsamen Form. Großzügig. Schweigend. Ohne auch nur zu fragen.
„So kann man’s wenigstens essen“, sagte sie, stellte die Mühle weg und nahm die Gabel.
Lukas griff nach einem Stück. Er kostete. Dann hustete er, weil es viel zu viel Pfeffer war.
„Mama, warum denn so viel?“, fragte er und griff nach dem Wasser.
„Aha, ohne Pfeffer wär’s dir also recht gewesen?“ Barbara sah ihn vorwurfsvoll an. „Fade Kost essen und sich auch noch darüber freuen?“
Ich stand am Türrahmen.
