„Zu dünn“, hat Elisabeth gesagt, den Teller von sich weggeschoben und mit dem Löffel an den Rand geklopft. „Ich hab dir doch erklärt: Die Roten Rüben gehören gerieben, nicht in Stücke geschnitten. Und Lorbeer ist auch wieder zu viel drinnen.“
Der Borschtsch hat in dem großen Topf am Herd gedampft. Fünf Stunden vorher bin ich noch im Dunkeln aufgestanden, nur damit ich am Markt frisches Rindfleisch erwische. Ich bin in der Schlange gestanden, hab mir genau den Markknochen ausgesucht, den Lukas so gern mag. Danach hab ich geputzt, geschnitten, die Roten Rüben extra in Folie gebacken, damit der Saft nicht zu früh in die Suppe rinnt. Drei Mal hab ich abgeschmeckt. Salz immer nur messerspitzenweise nachgegeben.
Und dann das: „zu dünn“.
Ich arbeite als Pharmazeutin. Sechs Tage die Woche steh ich in der Apotheke hinter der Tara, berate Leute, kontrolliere Rezepte, zähle Bestände nach. Der Samstag ist mein einziger freier Tag. Aber seit 2018, seit Elisabeth in den Nachbarbezirk gezogen ist, haben meine Samstage aufgehört, mir zu gehören.
Jede Woche. Vier Mal im Monat. Ohne Ausnahme, ohne Vorwarnung, ohne die Frage, ob es mir überhaupt recht ist. Um zehn Uhr in der Früh ist sie gekommen, hat sich in die Küche gesetzt und aufs Mittagessen gewartet. Lukas hat ihr die Tür aufgemacht, sie auf die Wange geküsst und ist dann Fußball schauen gegangen. Und ich hab gekocht.

„Anna, warum sagst du jetzt nichts? Ich mein’s ja nur gut“, hat Elisabeth nachgesetzt und den Teller noch weiter weggeschoben, als hätte er sie persönlich beleidigt. „Meine Mutter, Gott hab sie selig, die hat Borschtsch gekocht, da ist der Löffel drinnen stehen geblieben. Bei dir ist das irgendein Kompott.“
„Mama, es schmeckt doch“, hat Lukas leise gemurmelt, ohne vom Teller aufzuschauen. Er hat bereits gegessen. Schnell, schweigend, mit Brot den Saft auftunkend.
„Dir schmeckt alles, du bist ja nicht heikel“, hat Elisabeth abgewinkt. „Ich bin halt anderes gewohnt. Bei mir zählt Qualität.“
Ich bin neben dem Herd gestanden. Die Schürze war voller Flecken vom Rübensaft, die Hände noch heiß vom Topf. Drei Stunden Arbeit nur für diese Suppe. Der Knochen hat fast fünf Euro gekostet. Den Sauerrahm hab ich extra am Markt gekauft, hausgemacht.
Dann ist Elisabeth aufgestanden, zum Herd gegangen und hat ihre Portion zurück in den Topf geschüttet. Nicht ins Abwaschbecken. In den Topf. Direkt vor meinen Augen.
„Ist noch nicht fertig“, hat sie ganz ruhig gesagt. „Soll noch ein bissl weiterkochen.“
Der Borschtsch hatte vier Stunden geköchelt. Die Roten Rüben waren weich, das Kraut durchsichtig, die Erdäpfel sind schon fast zerfallen. Ich wusste, dass er fertig war. In der Arbeit bitten mich Kolleginnen um das Rezept. Drei Mädchen aus der Frühschicht haben es sich ins Handy eingespeichert.
Aber ich hab geschwiegen.
Ich hab Elisabeths Teller genommen und ihn zum Abwaschbecken getragen.
„Wenn es Ihnen nicht schmeckt, müssen Sie sich nicht quälen“, hab ich mit möglichst ruhiger Stimme gesagt.
Sie hat mich angeschaut, als hätte ich ihr eine Ohrfeige gegeben. Lukas hat mitten im Kauen aufgehört. In der Küche ist es plötzlich still geworden.
„Ich sag das ja nicht aus Bosheit“, hat Elisabeth die Lippen zusammengepresst. „Ich bring dir nur was bei.“
Acht Jahre lang. Acht Jahre lang hat sie mir „etwas beigebracht“. Und an diesem Abend, als ich das Geschirr in den Abtropfer gestellt hab, ist mir zum ersten Mal der Gedanke gekommen: Vielleicht reicht es jetzt mit diesen Lektionen. Aber der Gedanke ist wieder verschwunden. Lukas hat gesagt, seine Mutter mache sich Sorgen, sie sei allein, ihr sei fad. Und ich hab wieder nichts gesagt.
Eine Woche später hat Elisabeth verkündet, sie werde nun jeden Samstag kommen. Nicht einfach nur zum Essen, nein — sie wolle „in der Küche helfen“. Ich hab genickt. Lukas war erleichtert, fast erfreut.
Am darauffolgenden Samstag ist Elisabeth mit einem Sackerl aufgetaucht. Darin waren schwarze Pfefferkörner, getrockneter Dille, Chmeli-Suneli und Lorbeerblätter, extra in Papier eingewickelt.
„Da“, hat sie alles auf dem Tisch ausgebreitet. „Gescheite Gewürze. Deine kannst wegwerfen.“
Ich hatte Hendl mit Erdäpfeln vorbereitet. Das Filet lag seit dem Vorabend in Kefir mit Knoblauch, nach meinem bewährten Rezept. Die Erdäpfel hatte ich in Spalten geschnitten, mit Öl bestrichen und mit Paprika bestreut. Eineinhalb Stunden sollte alles ins Rohr.
Als ich die Form auf den Tisch gestellt hab, hat Elisabeth ihre Pfeffermühle hervorgeholt, sie geöffnet und begonnen, darüberzumahlen. Direkt in die gemeinsame Form. Reichlich. Wortlos. Ohne zu fragen.
„So kann man’s wenigstens essen“, hat sie gemeint, die Mühle weggelegt und zur Gabel gegriffen.
Lukas hat nach einem Stück gegriffen. Er hat gekostet und sich sofort verschluckt — es war viel zu viel Pfeffer.
„Mama, warum denn so viel?“, hat er gehustet und nach dem Wasser gegriffen.
„Ach, ohne Pfeffer wär’s dir also recht gewesen?“, hat Elisabeth ihn vorwurfsvoll angesehen. „Fade Kost essen und auch noch zufrieden sein?“
Ich bin im Türrahmen stehen geblieben.
