Eineinhalb Stunden im Rohr. Kefir seit dem Vorabend. Paprika, die ich extra bestelle — geräuchert, spanisch, sieben Euro das Glas. Und dann kommt einfach die Pfeffermühle drüber. Über alles. Ohne ein einziges Wort vorher.
„Elisabeth“, habe ich leise gesagt, „ich habe das nach Rezept gemacht. Mit Marinade, mit Paprika. Das Gericht war fertig.“
„Fertig ist es erst, wenn es auch schmeckt“, hat sie erwidert, ohne auch nur aufzuschauen. „Vorher war das halt fad.“
Lukas hat geschwiegen. Wie immer. In acht Jahren hat er nicht ein einziges Mal — wirklich kein einziges Mal — zu seiner Mutter gesagt: „Anna kocht gut.“ Nie hat er sich auf meine Seite gestellt. Nie hat er sie gebeten, mein Essen in Ruhe zu lassen.
Ich bin zum Tisch gegangen, habe die Form mit dem Hendl genommen — mit beiden Händen, obwohl ich ein Geschirrtuch dazwischen hatte, war sie noch heiß — und habe sie zurück in die Küche getragen.
„Wenn mein Essen unbedingt verbessert werden muss, dann macht das bitte selber“, habe ich gesagt.
Elisabeth ist die Gabel aus der Hand gefallen. Lukas ist halb aufgestanden.
„Anna, was ist denn jetzt los mit dir?“, hat er sich mit der Serviette den Mund abgetupft. „Mama hat doch gar nichts Schlimmes gesagt.“
Gar nichts Schlimmes. Jeden Samstag vierzig Euro für Lebensmittel. Fünf Stunden am Herd. Und dann fremde Gewürze über meiner Marinade.
Ich habe nicht geantwortet. Die Form habe ich auf den Herd gestellt, einen Deckel darübergelegt und bin ins Zimmer gegangen. Aus der Küche ist Elisabeths Stimme herübergedrungen:
„Siehst du, wie sie ist? Man darf ja kein Wort mehr sagen.“
Zwanzig Minuten später ist Lukas zu mir gekommen. Seine Mutter sei gekränkt, hat er gemeint. Ich solle doch hinausgehen und mich entschuldigen.
Ich bin nicht hinausgegangen.
Am Abend, nachdem Elisabeth gefahren war, habe ich ein Notizheft aus der Lade geholt. Ein ganz gewöhnliches, kariertes Heft mit blauem Umschlag. Ich habe hineingeschrieben: „Samstag, 14. September. Lebensmittel — 42 €. Kochzeit — 4,5 Stunden. Ergebnis — von der Schwiegermutter überpfeffert. Bedankt hat sich niemand.“
Von diesem Tag an habe ich jeden Samstag mitgeschrieben. Ausgaben, Zeitaufwand, Reaktion. Das Heft lag in der Kommode, unter einem Stapel Handtücher.
Zwei Wochen später hat Lukas beiläufig gesagt, seine Mutter wolle öfter vorbeikommen. Vielleicht auch mittwochs. Ich habe gefragt: wozu? Er hat nur geantwortet: „Na ja, sie vermisst uns halt.“ Ich habe ihn angeschaut und nichts gesagt. Das Heft ist weiter voller geworden.
An jenem Samstag war eine Freundin bei mir. Sophie. Wir hatten vor zehn Jahren zusammen gearbeitet, bevor sie weggezogen ist. Sie war übers Wochenende in der Stadt, und ich hatte sie zum Mittagessen eingeladen. Ich wollte ihr zeigen, dass bei uns alles in Ordnung ist. Familie, Zuhause, gedeckter Tisch — so, wie es sich gehört.
Ich habe einen Kraut-Eier-Kuchen gebacken. Den Teig habe ich schon am Freitagabend angesetzt, in der Früh dann ausgerollt. Für die Fülle: Kraut, vierzig Minuten langsam gedünstet, vier hart gekochte Eier, frischer Dill. Der Kuchen ist hoch geworden, goldbraun, mit einer knusprigen Kruste. Ich habe ihn in acht Stücke geschnitten und die Teller auf den Tisch gestellt.
Sophie hat gekostet und die Augen zugemacht.
„Anna, das ist ein Wahnsinn. Du solltest wirklich auf Bestellung backen. Ich mein’s ernst.“
Ich habe gelächelt. Das erste Lob seit zwei Monaten. In meiner eigenen Küche, an meinem eigenen Tisch — das erste Lob.
Elisabeth ist ohne Vorwarnung aufgetaucht. Sie ist hereingekommen, hat Sophie gesehen, knapp genickt und sich gesetzt.
„Kuchen?“, hat sie gefragt, sich ein Stück genommen und hineingebissen. Langsam hat sie gekaut. „Der Teig ist innen roh.“
Der Teig war nicht roh. Ich hatte ihn mit einem Zahnstocher geprüft, und der war trocken herausgekommen. Die Kruste war goldgelb, die Fülle durchgebacken. Aber Elisabeth hat noch einmal abgebissen — und den Teller von sich weggeschoben.
„Das ist kein Kuchen“, hat sie gesagt, jetzt extra laut, damit Sophie es ganz sicher hört. „Das ist eine Schuhsohle. Der Teig ist zäh wie Gummi. Die Fülle ist sauer. Ich verstehe nicht, wie man vierundzwanzig Jahre verheiratet sein kann und noch immer nicht backen gelernt hat.“
Sophie hat aufgehört zu kauen. Erst hat sie mich angeschaut, dann Elisabeth. Es waren vielleicht drei Sekunden Stille, aber mir ist es wie eine ganze Minute vorgekommen.
„Elisabeth“, habe ich gesagt und mein Häferl auf den Tisch gestellt, „in acht Jahren haben Sie noch nie einen Krümel auf Ihrem Teller übrig gelassen. Kein einziges Mal. Weder von der Suppe, noch vom Hendl, noch von den Laibchen. Vielleicht ist die Schuhsohle also gar nicht so schlecht.“
Elisabeth ist dunkelrot angelaufen. Sie hat den Mund geöffnet, ihn wieder zugemacht. Aus dem Zimmer hat Lukas gerufen:
„Anna, jetzt reicht’s aber!“
Sophie hat wortlos ihr Stück weitergegessen. Bis zum letzten Bissen. Dann hat sie sich ein zweites genommen.
„Sehr gut“, hat sie gesagt und dabei Elisabeth direkt angeschaut.
Nach dem Essen ist meine Schwiegermutter gefahren. Ohne sich zu verabschieden. Sophie hat mir geholfen, den Tisch abzuräumen. Dann wurde es in der Küche still.
