„Zu dünn“, sagte Elisabeth und schob den Teller von sich weg, den Löffel an den Rand klopfend

Diese selbstgerechte Kritik zerstört meine kostbaren Samstage.
Geschichten

Ich habe mich auf den Hocker gesetzt. Meine Hände haben von allein die Schürze gesucht. Ich habe sie gefaltet, glattgestrichen, wieder auseinandergelegt und noch einmal gefaltet.

„Ist sie immer so?“, hat Sophie leise gefragt.

„Seit acht Jahren“, habe ich geantwortet. „Jeden Samstag.“

Sophie hat nur den Kopf geschüttelt. Gesagt hat sie nichts. Manchmal sagt das Schweigen einer Freundin mehr als jedes Mitleid.

Am Abend hat Lukas seine Mutter angerufen. Zwanzig Minuten lang hat er mit ihr gesprochen. Dann ist er wieder in die Küche gekommen und hat erklärt:

„Sie ist beleidigt. Du hast sie vor einer fremden Person bloßgestellt.“

Vor einer fremden Person. Sophie. Meine Freundin. Seit fünfzehn Jahren. Aber dass Elisabeth mich vor ihr erniedrigt hat, war offenbar ganz normal.

Ich habe mein Heft aufgeschlagen. Samstag, zwölfter Oktober. Lebensmittel – achtunddreißig Euro. Zeitaufwand – sechs Stunden, Teig eingerechnet. Ergebnis – „Schuhsohle“, ausgesprochen vor meiner Freundin.

Lukas ist schlafen gegangen. Ich bin in der Küche sitzen geblieben und habe gerechnet. Vier Samstage im Monat. Acht Jahre. Dreihundertvierundachtzig Samstage. Jeweils vierzig bis fünfzig Euro fürs Essen. Am Ende waren es mehr als fünfzehntausend Euro. Ich habe die Summe noch einmal nachgerechnet. Dann ein drittes Mal.

Am nächsten Samstag ist Elisabeth wieder gekommen, als wäre nichts gewesen. Mit derselben Pfeffermühle in der Handtasche.

Der dritte Samstag im November. Ich bin um sechs Uhr wach geworden. Draußen war alles grau und nass, und ich hätte mich am liebsten wieder unter die Decke verkrochen. Aber ich bin aufgestanden, weil Lukas am Vorabend gesagt hatte: „Mama kommt diesmal nicht allein. Katharina und Lena kommen mit.“

Katharina ist seine Schwester. Lena ist seine Nichte, neunzehn Jahre alt. Ich hatte die beiden in meinem Leben vielleicht dreimal gesehen. Das letzte Mal bei Elisabeths Jubiläum, vier Jahre zuvor. Damals hatte Katharina von meinem Salat gekostet und gemeint: „Na ja, für daheim geht’s eh.“

Ich bin auf den Markt gegangen. Rindfleisch, Schweinefleisch für faschierte Laibchen, Gemüse für den Salat, Sauerrahm, Kräuter. Danach noch ins Geschäft – Brot, Butter, Käse zum Aufschneiden. Dann heim und direkt zum Herd.

Suppe mit frischem Weißkraut. Hausgemachte faschierte Laibchen – das Faschierte habe ich zweimal durchgedreht, eingeweichtes Brot und geriebenen Zwiebel dazugegeben. Gebraten habe ich sie in der schweren gusseisernen Pfanne, die mir meine Mutter geschenkt hatte. Jedes Laibchen fünf Minuten auf jeder Seite. Vierundzwanzig Stück. Zwei Stunden.

Der Salat war schlicht: Gurken, Paradeiser, Radieschen, Kräuter, Öl. Einfach, aber alles frisch vom Markt.

Um zwölf war der Tisch fertig gedeckt. Fünf Teller, fünf Bestecke, Servietten. Das Brot war aufgeschnitten, die Butter in der Butterdose. Ich habe die Schürze abgenommen, mir das Gesicht gewaschen und eine saubere Bluse angezogen.

Sie sind um Viertel nach zwölf gekommen. Elisabeth, Katharina und Lena. Lukas hat die Tür aufgemacht, seine Mutter geküsst, seine Schwester umarmt. Ich bin im Vorzimmer gestanden und habe gewartet.

„Ah“, hat Katharina gesagt, während sie ihre Jacke aufgehängt und die Luft eingezogen hat. „Riecht nach Laibchen. Mama, du hast doch gesagt, sie kann nicht kochen?“

Elisabeth hat nicht geantwortet. Sie hat nur die Lippen zusammengepresst – genau mit dieser Bewegung, die ich schon über dreihundert Mal gesehen hatte.

Wir haben uns an den Tisch gesetzt. Ich habe die Suppe ausgeteilt, die Laibchen hingestellt und den Salat nähergeschoben.

Elisabeth hat einen Löffel Suppe probiert. Dann hat sie den Löffel abgelegt.

„Das Kraut ist zäh.“

Das Kraut war lang genug gekocht. Ich hatte es kontrolliert.

Katharina hat ein Stück von einem Laibchen abgeschnitten, gekaut und die Gabel beiseitegelegt.

„Ein bissl trocken. Hast du überhaupt Brot ins Faschierte gegeben?“

Hatte ich. In Milch eingeweicht. Wie immer.

Lena stocherte im Salat herum.

„Warum ist da kein Käse drin? Mit Käse schmeckt Salat doch besser.“

Es war ein Gemüsesalat. Mit Öl. Ohne Käse. Weil es eben ein Gemüsesalat war.

Lukas hat schweigend gegessen. Den Kopf gesenkt, den Löffel in den Teller und wieder zum Mund. Er hat sich nicht eingemischt. Er mischte sich nie ein.

Elisabeth hat zu Katharina hinübergeschaut. Katharina hat Elisabeth angesehen. Und dann hat meine Schwiegermutter laut gesagt, so laut, dass es in der ganzen Küche zu hören war:

„Siehst du, Katharina. Genau das hab ich dir erzählt. Vierundzwanzig Jahre verheiratet und bringt noch immer nichts Ordentliches zusammen. Keine Suppe, keine Laibchen. In ihrem Alter hab ich für dreißig Leute aufgetischt, und alle haben Nachschlag verlangt.“

Katharina hat genickt.

„Mama hat recht. Du kannst nicht kochen. Nimm’s mir nicht übel, aber das ist eine Tatsache.“

Eine Tatsache. Vierundzwanzig Laibchen. Zwei Stunden an der Pfanne. Vierundfünfzig Euro für Lebensmittel – ich hatte mir den Betrag vom Kassabon gemerkt. Dreihundertvierundachtzig Samstage. Und jetzt hieß das alles: eine Tatsache.

In diesem Moment habe ich etwas in mir gespürt.

Hedis Stube