„Anna, wozu brauchst du diesen Job überhaupt noch?“ fragte er fordernd und verlangte, sie solle zu Hause bleiben

Diese stillschweigende Demütigung ist schmerzhaft und ungerecht.
Geschichten

— Wo treibst du dich denn herum?! Ich hab dir doch gesagt, dass heute Gäste zu mir kommen! — brüllte ihr Mann ins Telefon. Anna hörte ihm aber kaum noch zu. Wortlos legte sie auf und begann, ihre Sachen einzupacken.

An jenen Tag, an dem Lukas mit einem breiten Grinsen und einer Flasche Sekt heimgekommen ist, konnte sie sich noch genau erinnern. Das war vor vier Jahren gewesen. Damals haben sie noch gemeinsam in der Küche gelacht, damals hat er sie jeden Morgen geküsst, bevor er zur Arbeit gegangen ist. Damals hat Anna noch geglaubt, sie wären ein Paar — und nicht Herr und Dienstmagd.

— Anna, du glaubst es nicht! — Lukas hatte sie damals mitten im Wohnzimmer herumgewirbelt, und sie hatte sich lachend an seine Schulter geschmiegt. — Ich bin zum Abteilungsleiter gemacht worden! Verstehst du? Leiter! Fixgehalt und zusätzlich Prozente vom Umsatz der Abteilung! Das ist dreimal so viel wie bisher!

Sie hatte sich ehrlich für ihn gefreut. Lukas hatte lange auf diesen Schritt hingearbeitet: Abende im Büro verbracht, gelernt, Seminare besucht. Die Beförderung hatte er sich verdient. Damals hat es so ausgesehen, als würde ihr Leben nun endlich leichter und schöner werden.

In den ersten Monaten war es tatsächlich so. Lukas strahlte vor Glück, brachte ihr Geschenke mit und führte sie in Lokale aus. Sie planten einen Urlaub in Italien, sprachen über Kinder und über eine größere Wohnung. Auch Anna kam beruflich voran: In der Werbeagentur, in der sie arbeitete, wurden ihre Projekte immer wieder ausgezeichnet, und manche Kunden verlangten ausdrücklich nach ihr.

Doch nach und nach hat sich etwas verschoben. Lukas blieb immer öfter länger in der Arbeit und fragte immer seltener nach ihren Dingen. Etwa ein halbes Jahr nach seiner Beförderung sagte er dann plötzlich:

— Anna, wozu brauchst du diesen Job überhaupt noch? Überleg doch: Ich verdiene jetzt gut, ich kann die Familie erhalten. Du könntest dich um unser Zuhause kümmern, um dich selbst … Es ist mir unangenehm, wenn Kollegen fragen, was meine Frau macht, und ich sagen muss, dass sie irgendwas mit Werbung bastelt.

— Wie bitte, „irgendwas mit Werbung“? — Anna hatte zuerst gar nicht begriffen, ob er scherzte. — Lukas, ich bin leitende Spezialistin. Ich hab ein Team mit zwölf Leuten, meine Projekte …

— Und? — Er zuckte nur mit den Schultern. — Geld haben wir jetzt. Wozu brauchst du diese Nerven, diesen Stress? Daheim könntest du Königin sein, statt irgendwo kreativ herumzuspielen.

Anna redete sich ein, er sei nur erschöpft und das werde wieder vorbeigehen. Aber Lukas brachte das Thema immer wieder aufs Tapet. Er behauptete, die Frauen wirklich erfolgreicher Männer würden nicht arbeiten, und ihre Karriere sei im Vergleich zu seiner Verantwortung ohnehin nur ein Spiel.

— Ich erhalte diese Familie! — wiederholte er ständig. — Und was machst du? Du spielst mit Bildern und Sprüchen herum?

Monatelang hielt Anna dagegen. Doch Lukas wurde mit jeder Woche drängender, und zwischen ihnen wurde es immer kälter. Schließlich gab sie nach. Sie kündigte, verabschiedete sich von ihrem Team und von den Projekten, die ihr fast wie eigene Kinder ans Herz gewachsen waren.

— Siehst du, so ist es viel besser — sagte Lukas, als sie ihn zum ersten Mal mit einem fertigen Essen daheim erwartete. — Jetzt bist du eine richtige Ehefrau.

Nur erwies sich dieser Titel als bitterer, als Anna je gedacht hätte. Lukas behandelte sie immer mehr wie Personal. Er bat nicht, er befahl. Dankbarkeit zeigte er keine.

Hedis Stube