„Anna, wozu brauchst du diesen Job überhaupt noch?“ fragte er fordernd und verlangte, sie solle zu Hause bleiben

Diese stillschweigende Demütigung ist schmerzhaft und ungerecht.
Geschichten

Auch das Essen, das sie kochte, war für ihn längst selbstverständlich geworden. Wenn Kollegen oder Freunde vorbeikommen sollten, fragte er Anna nicht einmal mehr, ob sie Zeit oder Kraft hatte, etwas vorzubereiten. Er stellte sie einfach vor vollendete Tatsachen.

— Morgen kommen Tobias und Felix. Mach etwas mit Fleisch. Und besorg eine ordentliche Torte.

Anna nickte jedes Mal gehorsam. Weil sie ihn liebte. Weil sie sich einredete, das alles sei nur eine Phase. Irgendwann würde er wieder der Mann werden, in den sie sich verliebt hatte, und dann würde alles wieder gut werden.

Doch es entwickelte sich genau in die andere Richtung.

Eines Abends kam Lukas mit finsterem Gesicht nach Hause. Seine Haut wirkte fahl, seine Hände zitterten leicht. Er ließ sich auf das Sofa fallen und schwieg lange.

— Was ist passiert? — fragte Anna vorsichtig.

— Sie haben mich hinausgeworfen — sagte er leise. — Einfach so. Von einem Tag auf den anderen.

— Hinausgeworfen? Aber warum denn?

— Angeblich habe ich Schmiergeld angenommen. Sie behaupten, ich hätte Kunden Preisnachlässe zugeschanzt und dafür Provision kassiert. Völliger Schwachsinn! — Lukas schlug mit der Hand auf den Tisch. — Das war Sebastian. Dieser Wurm, den ich bei der Beförderung ausgestochen habe. Er hat Lügen über mich verbreitet, und die haben nicht einmal ordentlich nachgeprüft. Sie haben mich einfach vor die Tür gesetzt!

Anna setzte sich zu ihm, legte die Arme um ihn und strich ihm über das Haar. Sie sagte, dass sich alles klären werde. Dass er mit seiner Erfahrung und seinen Kontakten sicher bald wieder eine gute Stelle finden würde.

Aber Woche um Woche verging, dann Monat um Monat, und es tat sich nichts. Niemand wollte Lukas einstellen. Die Gerüchte über ihn hatten sich in der Branche rasch herumgesprochen. Sobald sein Name in einer Bewerbung auftauchte, landete sein Lebenslauf offenbar ungelesen im Mistkübel.

Schließlich musste Anna selbst wieder Arbeit suchen. Nach zwei Jahren Pause stellte sich das beinahe als unmöglich heraus. Am Ende bekam sie eine Stelle in einer kleinen Agentur, als Junior-Kreative — genau auf jener Stufe, auf der sie acht Jahre zuvor schon einmal gestanden war. Ihr Gehalt betrug nur noch ein Viertel von dem, was sie früher verdient hatte.

Lukas veränderte sich inzwischen immer stärker. Er begann zu trinken. Zuerst nur am Abend, später auch schon untertags. Wegen jeder Kleinigkeit schrie er Anna an. Er warf ihr vor, zu wenig heimzubringen, schlecht zu kochen, die Wohnung nicht sauber zu halten.

— Ich habe dich erhalten! Ich habe dir alles ermöglicht! Und wo bleibt dein Dank? — brüllte er. — Nicht einmal die Familie kannst du ordentlich durchbringen!

Anna arbeitete oft zwölf Stunden am Tag. Sie versuchte, alte Kontakte wieder aufzubauen, fachlich aufzuholen und sich in der Agentur zu beweisen. Zu Hause warteten jedoch nur schmutziges Geschirr, ein leerer Kühlschrank und ein betrunkener Ehemann, der Forderungen stellte, als wäre sie ihm etwas schuldig.

Am schlimmsten war, dass Lukas gar nicht mehr ernsthaft nach Arbeit suchte. Ganze Tage saß er im Internet und dachte darüber nach, wie er sich an Sebastian rächen könnte. Er las Foren, in denen über ihre frühere Firma diskutiert wurde, verfasste anonyme Anzeigen an das Finanzamt und suchte verbissen nach irgendeinem belastenden Material.

— Ich mache ihn fertig — murmelte er, während er auf den Bildschirm seines Laptops starrte. — Alle sollen sehen, was für einer er wirklich ist.

— Lukas — begann Anna behutsam —, vielleicht wäre es besser, wenn du dich zuerst auf die Jobsuche konzentrierst. Ich kenne ein paar Firmen, bei denen…

— Halt den Mund! — fuhr er sie wütend an. — Du verstehst überhaupt nichts! Zuerst rechne ich mit diesem Mistkerl ab, und danach…

Aber dieses „danach“ kam nie.

Nachts weinte Anna im Badezimmer, damit Lukas es nicht hörte. Sie weinte vor Erschöpfung, vor Demütigung und darüber, dass der Mann, den sie geliebt hatte, zu einem grausamen, ungerechten und völlig fremden Menschen geworden war.

Hedis Stube