„Anna, wozu brauchst du diesen Job überhaupt noch?“ fragte er fordernd und verlangte, sie solle zu Hause bleiben

Diese stillschweigende Demütigung ist schmerzhaft und ungerecht.
Geschichten

Trotzdem hat Anna es ausgehalten. Sie hat sich eingeredet, das alles sei nur eine Phase. Eine Krise, die vorübergehen würde. Irgendwann, so hoffte sie, würde Lukas wieder der Mann sein, den sie einmal gekannt hatte.

Dann kam jener Tag.

Anna saß im Büro und arbeitete an einem Konzept für einen wichtigen Kunden. Die Abgabe war für den nächsten Morgen angesetzt, und die Unterlagen der Designerin hatte sie erst vor gut einer Stunde bekommen. Ihr war klar, dass sie an diesem Abend nicht vor spät in der Nacht heimkommen würde.

Um sieben läutete ihr Handy.

— Ja?

Lukas’ Stimme klang gereizt und befehlend zugleich.

— Ich erwarte dich um acht daheim. Paul und Jonas kommen vorbei. Du machst Fleisch und besorgst Bier. Ist das klar?

— Lukas, ich hab eine dringende Abgabe. Ich kann heute nicht einfach…

— Was? — Seine Stimme wurde plötzlich leise, aber gefährlich.

— Es ist ein wichtiges Projekt. Morgen in der Früh muss alles fertig sein. Ich schaffe es nicht bis acht nach Hause.

— Deine Projekte interessieren mich nicht! Du hast daheim zu sein!

Dann legte er auf.

Anna starrte auf das dunkel gewordene Display. Im Büro war längst niemand mehr; alle anderen waren heimgegangen. Nur sie saß noch immer über den Entwürfen, mit verspannten Schultern, und versuchte, jene Arbeit fertigzubringen, die der Agentur einen großen Vertrag einbringen hätte können.

Um halb neun vibrierte das Handy erneut.

— Wo treibst du dich herum?! Ich hab dir gesagt, dass ich heute Gäste habe! — brüllte Lukas durch die Leitung.

Anna sagte kein Wort. Sie hörte nur zu. Den Vorwürfen, dem Geschrei, den Beleidigungen. Sie hörte, wie er sie egoistisch nannte, wie er behauptete, sie hätte keinen Respekt vor ihm, sie sei eine schlechte Ehefrau.

Dann beendete sie das Gespräch.

Ganz ruhig stand sie vom Computer auf, packte ihre Sachen zusammen und fuhr nach Hause.

Die Wohnungstür war nur angelehnt. Die Gäste standen auf dem Balkon und rauchten. Lukas lief im Wohnzimmer hin und her und erklärte seinen Freunden mit ausladenden Gesten irgendetwas. Kaum sah er Anna, stürmte er auf sie zu.

— Wo warst du?! Wir warten seit zwei Stunden! Paul und Jonas sind da, und es gibt nichts zu essen!

Anna ging wortlos an ihm vorbei ins Schlafzimmer. Sie zog aus dem Kasten eine große Reisetasche hervor und begann, seine Sachen hineinzulegen. Hemden, Jeans, Socken, Unterwäsche.

— Was soll das werden? — Lukas blieb im Türrahmen stehen und beobachtete ihre Bewegungen.

Anna schwieg. Ohne Hast, aber mit einer erschreckenden Genauigkeit räumte sie weiter: seine Kleidung, seine Bücher, seinen Rasierer, die Pflegeprodukte aus dem Bad.

— Anna, was machst du da?! — fragte er nun lauter.

Sie antwortete nicht. Sie zog den Reißverschluss der Tasche zu, hob sie hoch und trug sie in den Vorraum. Lukas folgte ihr, redete auf sie ein, doch sie hörte nicht hin.

Sie öffnete die Wohnungstür und stellte die Tasche ins Stiegenhaus. Danach kehrte sie ins Schlafzimmer zurück, um die nächste Ladung zu holen.

— Anna, bist du völlig verrückt geworden?! — schrie Lukas. — Was führst du da auf?!

Auf dem Balkon verstummten die Gäste. Unsicher und neugierig zugleich spähten sie ins Zimmer.

— Burschen — sagte Anna ruhig —, es tut mir leid, aber der Abend ist vorbei. Bitte geht jetzt.

Paul und Jonas griffen hastig nach ihren Jacken und schoben sich verlegen zur Tür hinaus. Dabei murmelten sie etwas von „schlechtem Zeitpunkt“ und „wir reden ein anderes Mal“.

Anna trug währenddessen weiter Lukas’ Besitz hinaus. Seine Schuhe. Seine Aktentasche. Sein Lieblingshäferl mit dem Logo der Firma, bei der er früher gearbeitet hatte.

— Anna! — Lukas packte sie am Arm. — Was ist los mit dir? Sag wenigstens irgendwas!

Sie riss sich los und brachte auch den letzten Schwung Sachen hinaus. Eine der Taschen rutschte ihr aus der Hand und fiel zu Boden.

Hedis Stube