Ihre Finger haben leicht gezittert – ganz anders als vorhin, als sie das Schriftstück noch so überlegen aus ihrer Tasche gezogen hatte.
Ihr Blick huschte über die Zeilen.
Jänner.
Februar.
März.
Rot.
Rot.
Grün.
Rot.
Wieder rot.
Ich habe gesehen, wie es langsam bei ihr ankam.
Nicht auf einmal.
Eher Stück für Stück.
Sie setzte die einzelnen Teile zusammen.
Es waren keine 200 Euro.
Es waren 1.802 Euro.
Er war nicht einfach nur „ein bissl im Rückstand“.
Er schuldete seinem eigenen Kind eine Summe, von der viele Menschen ein halbes Jahr lang leben müssen.
Sie versuchte, 4.000 Euro für eine Wohnungsfinanzierung zusammenzukratzen – und 1.802 Euro, die er seinem Sohn schuldig war, sollten angeblich nur eine Kleinigkeit sein.
Ich schlug die nächste Seite auf.
„Und das hier ist die Kopie meines Exekutionsantrags“, sagte ich. „Da steht die Geschäftszahl, und hier das Datum – der Sechste dieses Monats. Also vor einer Woche. Das Verfahren ist bereits eingeleitet.“
„Was heißt das jetzt?“, fragte Claudia.
Ihre Stimme klang plötzlich anders.
Dünner.
Unsicherer.
Fast klein.
Wo war die Frau geblieben, die vor vierzig Minuten mit lauten Absätzen durch mein Vorzimmer gestöckelt war, als gehöre ihr die ganze Wohnung?
„Das heißt“, erklärte ich ruhig, „dass in den nächsten zwei bis drei Wochen Auskünfte über seine Bankverbindungen eingeholt werden. Danach können seine Konten gesperrt werden, bis die Schuld beglichen ist. Jedes einzelne Konto. Auch jenes, auf das ihr das Geld für die Anzahlung zurücklegt.“
Ich habe mich dabei nicht siegreich gefühlt.
Nicht einmal zufrieden.
Da war kein Triumph.
Nur eine stille Erleichterung.
So, als hätte ich monatelang ein viel zu schweres Sackerl getragen und es endlich abstellen dürfen.
Claudia stand auf.
Das Stockerl scharrte über den Boden.
Sie griff nach ihrem Handy und rief Lukas an.
Ein Freizeichen.
Dann noch eines.
Diesmal hob er nicht sofort ab.
Ein drittes.
Ein viertes.
Beim fünften meldete er sich.
„Du hast mich angelogen“, sagte Claudia hastig, als würde sie über ihre eigenen Worte stolpern. Ihre Stimme bebte. „Zweihundert Euro, ja? Zweihundert? Hier liegen Unterlagen. Eintausendachthundertzwei Euro! Die Exekution läuft schon! Das Konto wird gesperrt! Welche Finanzierung, Lukas? Welche Wohnung sollen wir bitte kaufen, wenn du deinem Kind sechs Monatsbeträge schuldest?“
Ich konnte hören, dass er irgendetwas murmelte.
Leise.
Unverständlich.
Er suchte nach Ausreden.
Claudia ließ ihn nicht fertigreden.
Sie drückte den Anruf weg, warf das Handy in ihre Tasche und versuchte, den Reißverschluss zuzuziehen.
Ihre Hände machten nicht mit.
Der Zipp klemmte.
Sie riss fester daran, stand endgültig auf und ging zur Tür.
Dort blieb sie noch einmal stehen und drehte sich zu mir um.
„Warum haben Sie mir das alles gezeigt?“
Ich stand im Türrahmen, mit der Schulter an den Stock gelehnt.
Auf dem Küchentisch lag die Mappe noch immer offen.
„Weil du in meine Wohnung gekommen bist“, sagte ich. „In mein Zuhause. In die Wohnung, in der mein Kind geschlafen hat. Und du hast von mir verlangt, auf Geld zu verzichten, das ihm rechtlich zusteht. Nicht mir. Ihm. Einem siebenjährigen Buben, der sich eine Schultasche mit einer Rakete wünscht. Ich bin dir nichts schuldig. Und ich werde nichts unterschreiben.“
Claudia öffnete die Tür.
Sie trat hinaus.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Danach war es still.
Ich blieb im Vorzimmer stehen.
In der Luft hing noch immer ihr Parfum – süß, fremd, aufdringlich.
Aus der Küche kam der Geruch von kaltem Buchweizen.
Aus Tobias’ Zimmer war kein Laut zu hören.
Er war eingeschlafen.
Ich ging zum Regal und nahm mein Handy.
Auf dem Display stand, dass die Aufnahme siebenundvierzig Minuten und vierzehn Sekunden gedauert hatte.
Ich tippte auf Stopp.
Dann speicherte ich die Datei.
Zur Sicherheit schickte ich mir selbst noch eine Kopie per E-Mail.
Erst danach setzte ich mich auf das Stockerl, auf dem Claudia gesessen hatte.
Es war noch warm.
Ihr Papier – diese Erklärung, mit der ich angeblich auf den Unterhalt verzichten sollte – lag immer noch auf dem Tisch.
Ich nahm es vorsichtig mit zwei Fingern, faltete es sauber zusammen und legte es in die Mappe.
Auch das konnte noch nützlich werden.
Gegen zehn Uhr am Abend erschien auf meinem Handy eine Benachrichtigung.
Eine Überweisung über 450 Euro.
Von Lukas.
Kein Kommentar.
Keine Nachricht.
Zum ersten Mal seit sechs Monaten hatte er von sich aus Geld geschickt, ohne Anruf, ohne Erinnerung, ohne Diskussion.
Einen Monat später bekam ich eine Mitteilung vom Gerichtsvollzieher.
Lukas’ Konto war gesperrt worden, und 1.352 Euro waren zur Begleichung der restlichen Schuld abgebucht worden.
Offener Betrag: null.
Die Sache war erledigt.
Claudia verschwand.
Ich kenne die Einzelheiten nicht, und ehrlich gesagt will ich sie auch gar nicht wissen.
Vermutlich hat die Vorstellung, mit einem Mann eine Wohnung zu finanzieren, dessen Konto gerade gepfändet wird, deutlich an Reiz verloren, sobald sie die echten Zahlen gesehen hat.
Nachdem das Konto blockiert worden war, hörte Lukas auf, Tobias anzurufen.
Früher hatte er sich alle zwei oder drei Wochen gemeldet.
Kurz.
Pflichtschuldig.
Gerade lange genug, um später sagen zu können, er habe sich ja gekümmert.
Jetzt kam nichts mehr.
Nur Stille.
Einmal fragte Tobias: „Mama, ruft Papa noch an?“
„Ich weiß es nicht, mein Schatz“, antwortete ich. „Aber ich bin da.“
Er nickte nur und wandte sich wieder seinem Baukasten zu.
Sieben Jahre sind ein Alter, in dem Kinder schon mehr begreifen, als Erwachsene wahrhaben wollen.
Im August kaufte ich ihm die Schultasche.
Blau.
Mit einer Rakete darauf.
Genau die, die er sich gewünscht hatte.
Ich stand im Geschäft, hielt sie in den Händen und dachte:
Dieses Geld war keine Wohltätigkeit.
Es war keine Freundlichkeit.
Keine Gefälligkeit.
Es war das, was meinem Sohn zustand – einfach, weil er auf der Welt ist.
Und zum ersten Mal seit zwei Jahren musste ich mich nicht erniedrigen, um es zu bekommen.
An diesem Abend stand ich im Vorzimmer.
Die Wohnungstür war geschlossen.
Eine ganz gewöhnliche weiße Tür mit einem einfachen Schloss.
Einen Monat zuvor hatte ich sie einem fremden Menschen geöffnet, der gekommen war, um etwas zu holen, das meinem Kind gehörte.
Jetzt war sie wieder nur eine Tür.
Die Tür zu einer Wohnung, in der Tobias und ich sicher waren.
In der die Luft nach Buchweizen roch und nicht nach fremdem Parfum.
Und in der mein Handy auf dem Regal lag und nichts mehr aufzeichnete.
Hat dich jemals jemand gebeten, auf deine Rechte zu verzichten, nur damit es für einen anderen bequemer wird?
