— Mir reicht’s jetzt! — Lukas schleuderte sein Handy aufs Sofa, so heftig, dass es wieder hochsprang und auf den Boden krachte. — Du erfindest doch dauernd irgendwas! Immer suchst du einen Vorwand, damit meine Mutter nicht herkommen kann!
Anna drehte sich nicht gleich um. Sie stand beim Fenster und schaute in den Hof hinunter. Dort bewegte sich ganz langsam ein einsames Schaukelpferd, das irgendein Kind stehen gelassen haben musste. Rot war es einmal gewesen, jetzt war die Farbe an vielen Stellen abgeblättert. Aus irgendeinem Grund dachte Anna: Genau so bin ich auch. Ich stehe noch da, halte mich irgendwie, aber der Lack ist längst herunten.
— Ich erfinde gar nichts, — sagte sie schließlich und wandte sich zu ihm.
— Jedes Mal! — Lukas stieß mit dem Finger in die Luft. — Wirklich jedes Mal, wenn sie kommen will, hast du entweder Migräne, Arbeit oder du bist „so müde“. Sie ist meine Mutter! Verstehst du das? Meine Mutter!
Anna sah ihren Mann an, seine geröteten Wangen, die verkrampften Fäuste, und dachte nur: Vierunddreißig Jahre alt, aber erwachsen ist er nie geworden. Die Krawatte mit den Bären, die seine Mutter für ihn ausgesucht hatte. Die Socken, die sie ihm schachtelweise mitbrachte. Sogar das Shampoo kam von ihr, „bewährt, gut und nicht teuer“, wie sie immer sagte.

Vor fünf Jahren hatten sie geheiratet. Damals hatte Anna geglaubt, Lukas hänge eben sehr an seiner Familie. Eigentlich doch eine schöne Eigenschaft, oder? Erst später hatte sie begriffen: Das war keine Liebe. Das war Abhängigkeit.
Barbara kam an einem Freitag, Punkt Mittag, ohne jede Vorwarnung. Wie immer.
Als es läutete, schloss Anna für einen Augenblick die Augen. Sie trug noch ihre Dienstkleidung; sie arbeitete in einer Privatklinik als leitende Pflegekraft und war heute wegen Kopfschmerzen schon mittags heimgegangen. Weißer Kittel, die Haare streng zurückgenommen. So machte sie die Tür auf.
Barbara stand mit zwei Sackerln auf der Schwelle und mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der nicht zu Besuch, sondern zur Kontrolle erschienen war. Sechzig Jahre alt, kräftig gebaut, die Haare glatt nach hinten gekämmt, in der Farbe von erkaltetem Asphalt. Über einer Strickjacke trug sie einen bunten Hausmantel. Sie sah immer so aus, als wäre das Einziehen beim Sohn kein Ausnahmezustand, sondern ihr natürlicher Lebensstil.
— Ah, du bist daheim, — sagte die Schwiegermutter und ging an Anna vorbei, als wäre sie ein Kleiderständer. — Wo ist Lukas?
— In der Arbeit.
— Aha. — Barbara stellte die Sackerln mitten im Vorzimmer auf den Boden. — Macht nichts, ich warte.
Sie marschierte in die Küche, musterte alles mit dem Blick einer Gesundheitsinspektorin und hob den Deckel vom Topf, in dem die Suppe war, die Anna am Vormittag gekocht hatte.
— Was ist das?
— Suppe. Hendl.
— Ziemlich dünn, — stellte Barbara fest. — So etwas mag mein Lukaserl nicht. Ich habe ihn von klein auf an eine ordentliche, kräftige Suppe gewöhnt. Du könntest ja manchmal fragen.
Anna schwieg. Das war ihre bewährte Methode: nichts sagen, bis der Gast müde wurde vom Reden. Nur wurde Barbara nie müde.
Die Schwiegermutter ging durch die Zimmer, als gehöre ihr die Wohnung, schaute ins Bad, schüttelte den Kopf über den Duschvorhang („der ist schon ganz dunkel, den muss man tauschen“), drückte auf das Polster am Sofa („viel zu weich, er hat übrigens einen empfindlichen Rücken“). Danach holte sie Gläser mit Eingekochtem aus einem der Sackerln und begann, sie in der Speis auf die Regale zu stellen. Annas Sachen schob sie dabei herum wie Figuren auf einem fremden Brett.
— Barbara, — sagte Anna leise. — Ich habe Sie gebeten, hier nichts umzuräumen.
— Ich weiß besser, wo was hingehört. Ich habe Erfahrung. — Das Wort „Erfahrung“ sprach sie aus, als ginge es um ein Staatsgeheimnis.
Anna ging auf den Balkon hinaus und rief eine Freundin an. Nicht einmal, um viel zu erzählen. Nur, um kurz Luft zu bekommen und mit den Gedanken woandershin zu können.
Lukas kam um sieben heim. Als er seine Mutter sah, strahlte er, umarmte sie und setzte sich gleich neben sie aufs Sofa, so wie früher als Kind. Die beiden redeten halblaut miteinander. Anna deckte den Tisch und fing nebenbei einzelne Bruchstücke auf: „sie ist immer so“, „du verstehst mich ja“, „ich hab’s dir doch gesagt“.
Beim Abendessen aß Barbara kaum etwas, verzog immer wieder das Gesicht und bat zweimal um Brot, obwohl es direkt vor ihr stand. Dann sagte sie:
— Lukas, ich wollte mit dir reden. Du weißt doch, dass die Wohnung in der Lichtentaler Straße frei wird? Die, in der Paul gewohnt hat. Drei Zimmer, zweiter Stock. Für uns würde das reichen.
Anna hörte auf zu kauen.
— Mama, wir wohnen hier, — sagte Lukas vorsichtig.
— Ich weiß schon, wo ihr wohnt. Ich rede vom Übersiedeln. Gemeinsam. Dort wäre mehr Platz, und ich könnte helfen. — Barbara sah Anna mit einem Lächeln an, das ihre Augen nicht erreichte. — Für Anna wäre das doch auch leichter, nicht wahr?
Anna legte die Gabel weg.
— Barbara, diese Wohnung gehört mir. Ich habe sie vor der Hochzeit gekauft. Ich ziehe nirgendwohin.
— Na bitte, — seufzte die Schwiegermutter und lehnte sich demonstrativ zurück. — Genau das habe ich gewusst. Immer nur „meins, meins, meins“. Lukaserl, hörst du, wie sie redet?
— Anna, — begann Lukas leise.
— Nein. — Anna stand auf. — Ich habe es ruhig erklärt. Diese Wohnung ist meine. Das ist eine Tatsache und keine Meinung.
Barbara presste die Lippen zusammen und begann betont, die Teller abzuräumen, obwohl sie niemand darum gebeten hatte. Es ging ihr nur darum zu zeigen, dass sie jetzt beleidigt war und trotzdem „unter größter Anstrengung half“.
In der Nacht, als seine Mutter im Zimmer fernsah, sagte Lukas in der Küche zu Anna:
— Sie ist gekränkt. Du hättest ein bisserl sanfter sein können.
— Ich war fünf Jahre lang sanft, — antwortete Anna.
— Sie ist meine Mutter.
— Ich weiß.
Lukas schwieg eine Weile. Dann hob er den Blick zu ihr.
