— …so eigenartig, beinahe wie ein Fremder — und sagte etwas, womit Anna nicht gerechnet hatte:
— Entscheide dich jetzt gleich: entweder meine Mutter, oder ich gehe und nehme alles mit.
Die Stille danach dauerte nur kurz. Vielleicht drei Sekunden, mehr nicht.
— Gut, — sagte Anna. — Dann nimm es mit.
Lukas schien im ersten Moment gar nicht zu begreifen, was sie gesagt hatte. Er legte den Kopf sogar ein wenig schief, wie ein Hund, der ein ungewohntes Geräusch hört.
— Was?
— Ich habe gesagt: Nimm es mit. Geh. — Anna stellte ihr Häferl in die Abwasch, drehte ihm den Rücken zu und fügte mit vollkommen ruhiger Stimme hinzu: — Sag deinem Anwalt nur vorher, dass die Wohnung auf mich läuft. Schon seit der Zeit vor der Hochzeit. Das weiß er eh.
Hinter der Wand murmelte der Fernseher weiter. Barbara lachte über irgendeinen Sketch.
Lukas blieb mitten in der Küche stehen und sah seine Frau an, als würde er sie zum allerersten Mal vor sich sehen.
In dieser Nacht legte er sich ins Wohnzimmer. Ohne ein Wort, ohne Türenknallen, ohne Szene — und genau das war fast beängstigender als ein lauter Streit. Anna lag im Dunkeln und starrte zur Decke hinauf. Draußen fuhr irgendwo ein Auto vorbei, ein heller Lichtstreifen wanderte über die Wand und war gleich wieder verschwunden.
Sie weinte nicht. Seltsam eigentlich: Sie hatte mit Tränen gerechnet, hatte sich innerlich darauf eingestellt, als wären sie unvermeidlich. Aber in ihr war es still. Nicht leer — wirklich still. So wie nach einer langen Krankheit, wenn das Fieber endlich nachlässt.
Am nächsten Morgen frühstückte Barbara, als wäre überhaupt nichts gewesen. Sie strich Butter aufs Brot, schlürfte ihren Tee und wischte nebenbei auf ihrem Handy herum. Lukas saß neben ihr, zerknittert, unausgeschlafen, die Augen gerötet. Anna sah er nicht an.
— Ich fahr heute in die Innenstadt, — verkündete seine Mutter. — Lukas, du führst mich hin, ja?
— Mama, ich muss in die Arbeit.
— Na und? Liegt doch am Weg.
Lukas nickte nur. Anna schenkte sich Kaffee ein, nahm ihre Tasche und ging, ohne sich zu verabschieden.
In der Arbeit zwang sie sich zur Konzentration — das konnte sie. Klinik, Zimmer, Behandlungen, Menschen. Hier war alles greifbar: Es gab ein Problem, es gab eine Lösung. Ganz anders als daheim.
In der Mittagspause rief sie Katharina an, ihre Freundin aus Studienzeiten.
— Er hat gesagt, er nimmt alles mit, — erzählte Anna. — Und ich habe zugestimmt.
Am anderen Ende blieb es kurz still.
— Meinst du das ernst? — fragte Katharina.
— Vollkommen.
— Und was machst du jetzt?
— Keine Ahnung. Aber die Wohnung gehört mir. Das ist einmal das Wichtigste.
Katharina schwieg noch einen Moment, dann sagte sie vorsichtig:
— Anna, ich wollte dir schon länger etwas erzählen. Aber bitte, werd nicht gleich böse.
Anna spürte, wie sich in ihr etwas verschob — dieses Vorahnen, das einen selten täuscht.
— Sag es.
— Ich habe Lukas im März gesehen. Am Praterstern. Mit irgendeiner Frau. Sie sind in einem Kaffeehaus gesessen, und er hat ihre Hand gehalten. Ich wollte nichts sagen, weil ich dachte, vielleicht ist sie eine Kollegin, vielleicht ist da eh nichts dabei … Aber nach dem, was du mir gerade erzählt hast …
Anna sagte lange kein Wort.
— Wie hat sie ausgeschaut?
— Jung. So um die achtundzwanzig. Helle, lange Haare. Sie hat viel gelacht.
Anna bedankte sich, verabschiedete sich und steckte das Handy in die Tasche. Dann ging sie hinaus auf den Gang und blieb am Fenster stehen. Im Hof der Klinik standen drei Birken — weiß, gerade, ruhig. Sie sah sie so lange an, bis ihr Atem wieder gleichmäßig ging.
Also so war das.
Nach Hause hatte sie es an diesem Abend nicht eilig. Nach der Schicht ging sie zu einer Rechtsberatung auf der Mariahilfer Straße — ein kleines Büro im zweiten Stock, Glastür, der Geruch von Papier und Kaffee in der Luft. Rechtsanwalt Michael, mit dem sie schon beim Wohnungskauf zu tun gehabt hatte, nahm sie ohne Termin dran.
Anna schilderte ihm alles knapp, ohne Ausschmückungen. Er hörte zu und machte sich Notizen.
— Die Wohnung gehört eindeutig Ihnen, — sagte er schließlich. — Vor der Ehe gekauft, auf Ihren Namen eingetragen. Es gab keine gemeinsamen Investitionen in die Immobilie?
— Nein. Renoviert habe ich selbst. Auch noch vor der Hochzeit.
— Gut. Zweite Frage: Wenn Sie einen Seitensprung vermuten — spielt das für Sie bei der Scheidung eine Rolle?
— Menschlich ja. Juristisch?
— Vor Gericht wird das meist nur begrenzt gewichtet. Aber wenn Sie Beweise haben, dokumentieren Sie alles.
Anna trat wieder auf die Straße hinaus. Es war noch hell, warm, die Leute kamen von der Arbeit heim. Ein ganz normaler Juniabend, eine ganz normale Stadt. Nur in ihr war etwas umgestürzt und hatte sich an einer neuen Stelle wieder eingefügt — schmerzhaft, aber eindeutig.
Daheim lag Barbara mit Annas Decke auf dem Sofa und schaute eine Serie. Lukas stand in der Küche und kochte irgendetwas — ein ungewohnter Anblick, denn er kochte fast nie.
— Ich habe Nudeln gemacht, — sagte er, ohne sich umzudrehen. — Isst du was?
— Nein, danke.
Anna ging ins Zimmer und zog sich um. Hinter der Wand kommentierte ihre Schwiegermutter lautstark die Serie für sich allein: „Na, die ist aber blöd“, „Wozu denn das jetzt?“, „Aha, so ist das also.“
Kurz darauf erschien Lukas in der Tür.
— Anna. Wir müssen reden.
— Ja. Müssen wir.
Er kam herein, zog die Tür hinter sich zu und setzte sich auf die Bettkante — nicht zu ihr, sondern ganz an den Rand, wie ein Besucher.
— Ich habe mich gestern hineingesteigert, — begann er.
— Ich weiß.
— Meine Mutter macht Druck, das verstehst du doch. Sie war immer schon so. Ich wollte nicht …
— Lukas. — Anna sah ihm direkt in die Augen. — Warst du im März am Praterstern, in einem Kaffeehaus?
