Die Stille, die danach entstanden ist, hatte plötzlich ein Gewicht.
Lukas ist nicht rot geworden, ist nicht aufgesprungen, hat auch nicht sofort alles abgestritten. Er hat nur den Blick gesenkt. Und genau das hat mehr gesagt als jede Antwort.
— Wer hat dir das erzählt?
— Das spielt keine Rolle.
— Das ist … das ist nicht so, wie du glaubst.
— Gut, — sagte Anna ruhig. — Dann erklär mir, wie es war.
Er erklärte es nicht. Stattdessen redete er lange. Von einer „schwierigen Phase“. Davon, dass „eh nichts Ernstes“ gewesen sei. Davon, dass sie ja ständig beschäftigt sei, immer müde, immer irgendwo mit den Gedanken. Anna hörte ihm zu und dachte, wie merkwürdig Menschen doch gebaut sind: Selbst in einem Moment, in dem sie über einen anderen Menschen sprechen müssten, reden sie nur über sich.
— Sie heißt Sophie, — brachte er schließlich hervor, als würde dieser Name irgendetwas besser machen. — Wir haben uns über Bekannte kennengelernt. Da war nichts. Also … fast nichts.
„Fast.“ Genau dieses Wort war der Schlüssel.
— Verstehe, — sagte Anna.
Hinter der Wand lachte Barbara über irgendetwas im Fernsehen, laut und zufrieden. In diesem Lachen lag etwas, das Anna plötzlich aufhorchen ließ. Hatte ihre Schwiegermutter davon gewusst? Sie war immer zu gelassen gewesen. Zu sicher. Dieses Gerede vom Einziehen, dieses Ultimatum von Lukas — war das alles nicht ein bisschen zu passend gewesen?
Anna stand auf.
— Wo gehst du hin? — fragte Lukas.
— Bin gleich wieder da.
Sie ging ins Wohnzimmer. Barbara hob den Blick vom Bildschirm, und für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas Scharfes in ihren Augen auf. Keine Überraschung. Eher Erwartung.
— Barbara, — sagte Anna. — Haben Sie von Sophie gewusst?
Die Schwiegermutter blinzelte. Dann zuckte sie mit den Schultern, viel zu leicht, viel zu rasch.
— Ich weiß nicht, wovon du redest.
Doch Annas Puls wurde schneller — nicht aus Angst, sondern weil sie begriff. In diesem „ich weiß nicht“ lag genau das, was dort nicht hätte sein dürfen: Gleichgültigkeit, wo Entsetzen sein hätte müssen.
Anna ging zurück ins Schlafzimmer, machte die Tür zu und setzte sich auf den Stuhl beim Fenster. Draußen wurde es dunkel; Wien glitt vom Abend in die Nacht, in den Häusern gegenüber gingen nach und nach die Lichter an. Fremdes Leben. Fremder Schein.
Lukas saß noch immer ganz am Rand des Bettes.
— Sie hat es gewusst, — sagte Anna. Es war keine Frage.
— Anna …
— Lukas. Ich bitte dich nur um eines. Sag mir die Wahrheit. Ein einziges Mal in deinem Leben einfach die Wahrheit.
Lange starrte er auf seine Hände. Dann sagte er, ohne den Kopf zu heben:
— Sie hat uns miteinander bekannt gemacht. Selbst. Im Feber. Sie meinte, Sophie sei ein gutes Mädel. Mit ihr wäre alles einfacher.
Anna nickte langsam.
— Einfacher als mit mir.
— Das habe ich nicht gesagt.
— Aber gedacht.
Er schwieg. Schweigen ist auch eine Antwort, und das wussten sie beide.
Also so hatte diese Geschichte von innen ausgesehen. Barbara, die ihre Schwiegertochter nie wirklich angenommen hatte, die fünf Jahre lang durch diese Wohnung gegangen war, als wäre sie fremdes Gebiet — sie hatte schlicht Ersatz gesucht. Leise, beharrlich, mit einem Lächeln. Sie hatte ihrem Sohn ein „gutes Mädel“ vorgestellt, ihn in die Richtung geschoben und abgewartet. Und dann war sie mit Gläsern und Sackerln gekommen, um den Rest zu erledigen.
Das Ultimatum von gestern war kein Zufall gewesen. Es war der letzte Akt eines Stücks, von dem Anna nicht einmal gewusst hatte, dass sie darin saß.
Am nächsten Morgen ist sie früh aufgestanden. Während alle anderen noch geschlafen haben, hat sie Kaffee gekocht, ihn im Stehen neben dem Herd getrunken und drei Nachrichten geschrieben — an den Anwalt, an die Arbeit und an Katharina. Danach hat sie sich angezogen, ihre Tasche genommen und die Wohnung verlassen.
Um sieben in der Früh war die Stadt eine andere. Still, ein wenig verschlafen, mit dem Geruch von nassem Asphalt und frischem Gebäck aus der Bäckerei an der Ecke. Anna ging bis zu dem kleinen Park bei der Parkgasse und setzte sich auf eine Bank. Neben ihr führte ein alter Mann einen Dackel spazieren; der Hund beschnüffelte geschäftig jeden Strauch, ernsthaft und ganz bei der Sache. Anna sah ihm zu und dachte, dass man es vielleicht genau so machen musste: weitergehen und tun, was zu tun war. Ohne viele Worte.
Um halb neun rief sie Michael an.
— Wir fangen an, — sagte sie.
— Sind Sie sicher?
— Vollkommen.
Lukas fand die Unterlagen am Freitagabend. Der Umschlag lag auf dem Küchentisch, mit dem Salzstreuer beschwert. Er riss ihn auf, las, las noch einmal. Dann kam er mit einem Blatt in der Hand in den Vorraum.
— Was soll das sein?
— Die Verständigung über die Einleitung der Scheidung, — sagte Anna. — Es steht alles drinnen. Lies es aufmerksam.
— Du hättest mich doch vorwarnen können.
— Hast du mich vor deinem Ultimatum vorgewarnt?
Barbara erschien aus dem Wohnzimmer, im Morgenmantel, ein Glas Tee in der Hand. Sie schaute auf das Papier in Lukas’ Hand, dann auf Anna. Und zum ersten Mal seit fünf Jahren fiel ihr nichts ein.
— Barbara, — wandte Anna sich an sie, — ich ersuche Sie, Ihre Sachen zu packen. Heute.
— Das ist das Zuhause meines Sohnes, — setzte die Schwiegermutter an.
— Nein. Das ist meine Wohnung. Laut Grundbuch. Ihr Sohn weiß das.
— Lukas! — Barbara drehte sich mit genau jenem Gesichtsausdruck zu ihrem Sohn, der sonst immer gewirkt hatte: gekränkte Mutter, himmelschreiende Ungerechtigkeit, steh mir bei. Doch Lukas stand nur da und starrte auf das Blatt. Es schien, als würde er erst jetzt wirklich begreifen, was dort schwarz auf weiß stand. Zahlen, Formulierungen, Stempel. Kein gemeinsam erworbenes Vermögen, die Wohnung voreheliches Eigentum, keine Aufteilung vorgesehen.
— Sie kann uns nicht einfach hinauswerfen, — sagte Barbara, nun schon deutlich leiser.
