„Sie ist meine Mutter! Verstehst du das? Meine Mutter!“ rief Lukas, die Wangen gerötet und die Fäuste verkrampft

Unerträgliche Abhängigkeit erstickt jede würdige Sehnsucht.
Geschichten

— Doch, kann sie, — sagte Lukas. Seine Stimme klang seltsam: nicht wütend, nicht verzweifelt. Eher leer, beinahe tonlos.

Barbara ist noch am selben Abend gefahren. Sie hat ein Taxi bestellt, die Sackerl zusammengesucht, mit denen sie gekommen war, und zwei weitere dazugestopft. In der Tür blieb sie stehen, als müsste sie noch einen letzten Stich setzen.

— Das wirst du bereuen.

— Kann sein, — sagte Anna ruhig.

Es war kein Spott. Nicht einmal Trotz. Sie hielt es tatsächlich für möglich, dass es schwer werden würde. Dass Nächte kommen würden, in denen ihre Hand fast von selbst zum Handy greifen und sie sagen wollen würde: Komm zurück. Dass die leere Wohnung am Anfang zu groß, zu still, zu fremd wirken könnte. Anna machte sich da nichts vor.

Aber sie wusste noch etwas anderes.

Lukas blieb noch eine Woche bei ihr. In dieser Zeit redeten sie kaum miteinander. Sie gingen einander aus dem Weg, verschwanden in verschiedenen Zimmern und machten sich in der Küche höflich Platz, als wären sie zwei fremde Gäste in einem teuren Hotel, die wegen einer abgesagten Verbindung dort festsaßen. Am darauffolgenden Samstag packte er seinen Koffer.

— Ich bleib vorerst bei meiner Mutter, — sagte er.

— In Ordnung.

— Anna. — Im Vorzimmer hielt er inne. — Ich hab das alles nicht so gewollt.

Sie sah ihn an. Diesen Mann, für den sie sich einmal entschieden hatte. Böse war er nicht. Wäre er böse gewesen, wäre vieles einfacher gewesen. Er war nur schwach. So tief und schon so lange, dass er es selbst gar nicht mehr wahrnahm.

— Ich weiß, Lukas, — sagte sie. — Du hast es nicht so gewollt. Es ist einfach so passiert.

Dann fiel die Tür ins Schloss.

Katharina kam eine Stunde später vorbei, mit Pizza und ohne große Fragen. Sie setzten sich in die Küche, aßen aus den Kartons und redeten über alles Mögliche, nur nicht über das, was eigentlich im Raum stand: über die Arbeit, über die neue Staffel irgendeiner Serie, darüber, dass im kleinen Park bei der Parkgasse endlich ordentliche Bänke aufgestellt worden waren. Ein ganz gewöhnliches Gespräch zwischen zwei erwachsenen Frauen an einem Freitagabend.

— Und du? Wie geht’s dir wirklich? — fragte Katharina erst gegen Schluss.

Anna überlegte einen Moment.

— Gut. Wirklich gut.

— Hast du keine Angst, allein zu sein?

— Doch, — gab Anna zu. — Aber es ist eine andere Angst. Nicht die von früher.

Katharina nickte. Mehr fragte sie nicht. Sie konnte schweigen, wenn Schweigen richtiger war als jedes Wort. Genau deshalb schätzte Anna sie.

Als ihre Freundin gegangen war, ging Anna langsam durch die Wohnung. Sie drehte in jedem Zimmer das Licht auf, einfach nur, damit es hell war. Vom Tisch räumte sie die fremden Häferl weg, die Barbara im Kasten vergessen hatte. In der Speis stellte sie ihre Gläser und Vorratsdosen wieder dorthin zurück, wo sie immer gestanden waren.

Kleine Handgriffe. Nichts Mutiges, nichts Großes.

Und doch war es ihre Wohnung. Ihre Regale. Ihre Ordnung. Und jetzt, um elf Uhr abends, in dieser Stille, für die sie sich selbst entschieden hatte, fühlte sich das erstaunlich bedeutsam an.

Was als Nächstes kommen würde, wusste sie nicht. Gericht, Unterlagen, Gespräche. Vielleicht würde Lukas noch einmal auftauchen — nicht zu ihr zurück, sondern mit Forderungen, mit einem Anwalt, mit neuen Formulierungen. Vielleicht würde Barbara sich ebenfalls noch etwas einfallen lassen. Sie war nicht der Mensch, der ohne ein letztes Wort aufgab.

Aber heute gehörte all das dem Morgen.

Anna löschte das große Licht, ließ nur die Stehlampe neben dem Sofa brennen, nahm das Buch zur Hand, das sie seit drei Monaten nicht fertiggebracht hatte zu lesen, und schlug endlich wieder die richtige Seite auf.

Draußen rauschte die Stadt. Leise, vertraut, wie immer.

Sie las.

Die Verhandlung fand im September statt — rasch, unspektakulär, fast nüchtern. Michael hatte recht behalten: Die Wohnung blieb ohne größere Auseinandersetzung bei Anna. Die Papiere waren sauber, der Kauf lückenlos nachvollziehbar. Lukas erschien mit einem Anwalt, doch es gab schlicht nichts aufzuteilen. Nur das, was während der Ehe tatsächlich gemeinsam angeschafft worden war, und das hätte nach fünf Jahren gerade einmal in einen Lastenlift gepasst.

Barbara kam gar nicht erst zum Gericht. Anna wunderte sich nicht einmal darüber.

Nach dem Termin trat sie hinaus, blieb vor dem Gebäude stehen und hob das Gesicht in die Herbstsonne. Der September war warm, unerwartet mild, als könnte sich der Sommer noch immer nicht recht entschließen zu gehen. Irgendwo in der Nähe raschelten die ersten abgefallenen Blätter über den Gehsteig.

Lukas holte sie beim Tor ein.

— Anna.

Sie drehte sich um.

Er sah anders aus als im Sommer. Vielleicht war er schmäler geworden, vielleicht hatte sich nur etwas in seinem Gesicht verschoben. Er wirkte klarer, deutlicher, wie ein Foto, das endlich scharfgestellt worden war.

— Ich wollte dir nur sagen … — Er verstummte kurz. — Du hast recht gehabt. Mit allem.

Anna sah ihn an und dachte, dass diese Worte sie vor fünf Jahren aus der Bahn geworfen hätten. Damals hatte sie darauf gewartet, danach gesucht, sich Situationen ausgemalt, in denen er sie endlich aussprechen würde. Jetzt waren sie da. Und in ihr blieb es still. Einfach still.

— Ich weiß, — antwortete sie.

Nicht hart. Nur ehrlich.

Sie gingen in entgegengesetzte Richtungen auseinander: Anna zur U-Bahn, Lukas zum Parkplatz. Während sie weiterging, dachte sie, dass es wohl genau so endete. Nicht laut, nicht schön, ohne Musik und ohne große Szene. Nur zwei Menschen, die jeder ihren eigenen Weg nahmen.

Am Abend rief sie ihre Mutter an. Schon lange hatte sie es vor sich hergeschoben. Sie redeten lange, über alles Mögliche, über Kleinigkeiten, über Unsinn. Ihre Mutter lachte über irgendeine Geschichte mit der Katze der Nachbarin, und Anna lachte mit — leicht, ohne sich dazu zwingen zu müssen.

Nachdem sie aufgelegt hatte, trat sie ans Fenster. Im Hof brannten die Laternen. Das kleine Schaukelpferd stand noch immer an seinem Platz, genauso rostrot und abgeblättert wie früher.

Anna sah hinunter und lächelte.

Es hielt sich also doch.

Hedis Stube