„Das ist meine Wohnung. Sie war es vor dir, und sie wird es nach dir sein“, sagte Anna kühl und griff zum Handy

Diese rücksichtslose Entscheidung ist zutiefst empörend.
Geschichten

„Wenn jemand nichts zu verbergen hat, Lukas, fängt er nicht an zu brüllen. Dann gibt er einfach die Nummer her und trinkt seelenruhig sein Kompott weiter. Du wirkst gerade wie ein Kater, den man am Tisch erwischt hat, mit dem Fisch noch zwischen den Zähnen. Der Fisch ist schon halb geschluckt, aber ein unschuldiges Gesicht bringst du trotzdem nicht zusammen.“

Lukas verstummte. Anna nickte nur.

„Gut. Es ist spät. Die Buben sind müde. Ich richte ihnen im Wohnzimmer ein Lager her. Und morgen reden wir weiter.“

Die Nacht ist zäh vergangen. Anna lag mit offenen Augen da und dachte an das zurück, was Lena, ihre Freundin, ihr vor einem Jahr gesagt hatte.

„Stell dich auf eine Überraschung ein, und glaub mir, sie wird dir nicht gefallen. Bei meiner Schwester Sophie war es genau dasselbe: geschieden, das Kind offiziell bei ihr, aber sobald sich eine Gelegenheit ergibt, schiebt sie es dem Ex hin. Nicht für einen Tag, sondern gleich für Wochen, manchmal Monate. Die Alimente will sie natürlich trotzdem pünktlich. Ihr Ex ist am Ende in eine andere Stadt gezogen, nur damit er nicht komplett durchdreht.“

Damals hatte Anna nur abgewunken. Lena machte aus allem ein Drama. Jetzt aber klang jedes einzelne Wort wie eine Vorhersage.

Am Morgen begann Lukas, seine Sachen zusammenzusuchen.

„Ich muss weg. Es gibt was zu erledigen.“

„Natürlich. Bei dir gibt es immer etwas zu erledigen. Besonders samstags.“

„Fängst du schon wieder an?“

„Ich habe noch gar nicht angefangen. Fahr nur. Ich kümmere mich um die Buben. Wie immer.“

Er ging. Anna wartete zwanzig Minuten, zog die Zwillinge an und brachte sie zu Barbara.

Die Schwiegermutter öffnete, sah ihre Enkel und verstand sofort.

„Kommt herein, meine Lieben. Die Oma macht euch Palatschinken.“

Die Buben liefen in die Wohnung. Barbara hielt Anna am Arm zurück.

„Anna, verzeih ihm. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist. Er lügt sogar mich an.“

„Barbara, ich brauche Katharinas genaue Adresse. Die Straße haben Sie mir genannt, aber welche Hausnummer und welche Tür?“

„Grünbergstraße 14, Tür 41. Anna, bitte mach jetzt nichts Unüberlegtes.“

„Ich mache nichts Unüberlegtes. Ich lege nur sauber frei. Wie eine Chirurgin.“

Anna fuhr zu der Adresse. Hauseingang, vierter Stock, Tür 41. Sie läutete. Schritte näherten sich. Das Schloss klickte.

Lukas machte auf.

Eine Sekunde verging. Dann noch eine. Und noch eine. Sein Gesicht wurde lang, sein Mund blieb halb offen stehen, seine Augen huschten hin und her wie bei jemandem, der bei der offensichtlichsten Lüge ertappt worden war.

Anna sah ihn schweigend an. Dann blickte sie an ihm vorbei in den Vorraum: ein Damenmantel auf dem Haken, Hausschuhe am Boden. Danach schaute sie wieder ihren Mann an.

Sie sagte kein Wort. Sie drehte sich um und ging die Stiege hinunter.

„Anna! Warte! Das ist nicht so … Ich habe nur geholfen! Der Hahn hat getropft, sie hat angerufen, ich bin hergekommen!“

Seine Stimme lief ihr nach und hallte im Stiegenhaus wider. Anna drehte sich nicht um. Draußen im Hof holte sie tief Luft und nahm ihr Handy heraus.

Der erste Anruf ging an den Schlüsseldienst.

„Grüß Gott. Ich müsste das Schloss an meiner Wohnungstür tauschen lassen. Die Adresse gebe ich Ihnen gleich durch. In einer Stunde? Ausgezeichnet.“

Der zweite Anruf ging an ein Transportunternehmen.

„Grüß Gott. Ich brauche zwei Möbelpacker zum Zerlegen und Abtransport von Sachen. Es ist nicht viel: ein paar Säcke Kleidung, ein Schreibtisch, ein Sessel. Geliefert wird an eine andere Adresse. Ja, alles in einer Fahrt.“

Anna ging mit schnellen Schritten die Straße entlang. Für sie war nun alles klar. Katharina hatte die Kinder Lukas überlassen — genauer gesagt Anna —, damit ihre Wohnung für Treffen mit dem Exmann frei war. Ein ganz klassisches Muster: die Kinder dorthin, der Liebhaber wieder hierher.

Nur hatte Katharina einen rechtmäßigen Ehemann: Michael. Barbara hatte seinen Namen erwähnt. Und Anna wusste bereits, was zu tun war.

Als sie bei ihrem Haus ankam, stand der Monteur schon mit seinem Werkzeugkoffer vor dem Eingang. Die Möbelpacker trafen fünfzehn Minuten später ein. Anna sperrte die Wohnung auf und begann ruhig, geordnet und ohne jede Hektik, Lukas’ Sachen zusammenzupacken.

Seine Winterjacke. Seine Schuhe. Drei Regalbretter voller Bücher. Den Schreibtisch aus dem Arbeitszimmer, den ausklappbaren Fauteuil, zwei Säcke Kleidung. Die Kindersachen sortierte sie sorgfältig in Sackerln. Die Spielsachen.

Hedis Stube