„Das ist meine Wohnung. Sie war es vor dir, und sie wird es nach dir sein“, sagte Anna kühl und griff zum Handy

Diese rücksichtslose Entscheidung ist zutiefst empörend.
Geschichten

Auch die Rucksäcke.

„Wohin damit?“, fragte der Ältere von den Möbelpackern.

Anna nannte die Adresse, ohne auch nur kurz zu überlegen: „Grüngasse 14, Top 41. Vor die Wohnungstür stellen. Falls niemand aufmacht, dann beim Hauseingang.“

Der Installateur hat für den Austausch des Schlosses keine Dreiviertelstunde gebraucht. Danach legte er ihr drei nagelneue Schlüssel in die Hand. Anna bezahlte, sperrte hinter ihm ab und setzte sich im stillen Vorzimmer auf den Boden.

Eineinhalb Stunden später läutete ihr Handy. Lukas.

„Anna! Was hast du bitte angestellt?! Katharina ruft mich an und schreit, dass irgendwelche Säcke bei ihr abgestellt worden sind!“

„Stimmt. Das sind deine Sachen. Und die Sachen deiner Kinder. Ich habe sie an die einzige Adresse bringen lassen, an der du offenbar deine Samstage verbringst.“

„Bist du komplett verrückt geworden? Sie hat einen Mann! Michael kommt am Abend heim — was soll der denken?“

„Michael? Um den brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Dem habe ich bereits geschrieben. Mit Adresse, Uhrzeit deines Besuchs und einer kurzen Zusammenfassung eurer Geschichte mit den angeblich tropfenden Wasserhähnen. Er war erstaunlich verständig. Seine Antwort bestand aus einem einzigen Wort: Danke.“

„Du hast … das hast du nicht getan.“

„Doch, Lukas. Habe ich. Und ich hätte es schon viel früher tun sollen, wenn ich nicht ein ganzes Jahr lang jedes einzelne Wort von dir geglaubt hätte. Weißt du, eigentlich ist es fast komisch. Du warst so überzeugt davon, dass ich nichts merke, dass du aufgehört hast, dich überhaupt noch zu verstecken. Am Mittwoch hast du die Buben gebracht und bist dann schnurstracks zu Katharina gefahren. Durch den Haupteingang. Nicht einmal umgedreht hast du dich. Als könnte deine Frau nicht zufällig um die Ecke stehen.“

„Anna, hör mir bitte zu …“

„Nein. Jetzt hörst du mir zu. Die Buben sind bei Barbara. Es geht ihnen gut, sie haben gegessen und bauen gerade mit ihrem Konstruktionsspielzeug. Das Schloss ist ausgetauscht. Den Scheidungsantrag reiche ich am Montag ein.“

„Das kannst du nicht einfach so machen! Wir haben doch …“

„Was haben wir? Eine Abmachung gehabt? Ja, Lukas, die hatten wir. Die Kinder sind bei Katharina. Die Wochenenden gehören uns. Treue gilt für beide. Du hast innerhalb eines Jahres alle drei Punkte gebrochen. Wäre das ein Vertrag gewesen, hätte man dir längst eine saftige Vertragsstrafe verrechnet.“

„Ich habe dich nicht betrogen!“

„Du hast an einem Samstagvormittag die Wohnung deiner Exfrau aufgesperrt und bist dort in Hausschlapfen herumgestanden. Man kann das natürlich ‚Hilfe wegen eines Wasserhahns‘ nennen. Dann bist du allerdings der schlechteste Installateur der ganzen Stadt, weil der Hahn nämlich noch immer nicht repariert ist.“

Am anderen Ende wurde es still. Anna hörte nur noch sein schweres Atmen.

„Woher weißt du das mit dem Hahn?“

„Ich habe gestern gehört, wie du deine Ausrede geübt hast. Im Bad hast du vor dich hingemurmelt und geglaubt, ich schlafe. ‚Der Hahn tropft, sie hat angerufen, ich bin nur kurz hingefahren.‘ Lukas, nicht einmal lügen kannst du mit Talent. Wenigstens ‚ein Rohrbruch‘ hättest du sagen können. Das hätte seriöser geklungen.“

„Anna, ich komme jetzt. Wir reden in Ruhe.“

„Du kommst nicht. Die Schlüssel passen nicht mehr. Und das Gespräch ist beendet. Eines möchte ich, dass du dir merkst: Ich habe dich geheiratet, obwohl ich von den Kindern wusste. Ich habe sie ins Herz geschlossen. Jedes Wochenende — Park, Zeichnen, Bücher vorlesen — während du angeblich bei einem Freund oder bei deiner Mutter warst. Barbara hat mir übrigens bestätigt, dass du in den letzten vier Monaten kein einziges Mal bei ihr gewesen bist.“

„Das hat sie gesagt?“

„Nicht nur das. Sie hat gesagt: ‚Anna, ich bin dir dankbar, dass du meinen Sohn so lange ausgehalten hast. Verdient hat er es nicht.‘ Und weißt du was? Sie hat recht.“

„Ich habe nirgends, wo ich hin kann.“

„Du hast Katharinas Adresse, wo du dich offensichtlich wie daheim fühlst. Du hast Barbaras Adresse, und die wartet auf Erklärungen. Und wenn dir das nicht reicht, steht dir immer noch der ganze Planet offen — Platz genug ist da. Meine Wohnung gehört jedenfalls nicht mehr zu deinen Möglichkeiten.“

Anna drückte das Gespräch weg und sperrte seine Nummer. Danach blockierte sie auch alle anderen Wege, über die er sie hätte erreichen können. Schließlich setzte sie sich auf den Hocker im Vorzimmer und blieb eine Minute lang einfach nur in der Stille sitzen.

Dann läutete das Handy erneut. Eine unbekannte Nummer. Anna hob ab.

„Anna? Hier ist Michael. Katharinas Mann. Oder, seit heute vermutlich, ihr Exmann.“

„Michael. Es tut mir leid, dass es so gekommen ist.“

„Das muss es nicht. Ich habe schon lange etwas geahnt, mir hat nur der Beweis gefehlt. Diesen Beweis haben Sie mir geliefert.“

Hedis Stube