„Das ist meine Wohnung. Sie war es vor dir, und sie wird es nach dir sein“, sagte Anna kühl und griff zum Handy

Diese rücksichtslose Entscheidung ist zutiefst empörend.
Geschichten

„Die Säcke mit seinem Krempel vor meiner Tür sind, wissen Sie, überzeugender als jedes Foto.“

„Er ist in Ihren Patschen dagestanden.“

„In den grünen? Mit den Dinosauriern?“

„Nein. In grauen. Kariert.“

„Das sind meine guten. Unglaublich. Nicht einmal bei fremden Hausschuhen macht er halt.“

Für ein paar Sekunden sagte keiner von beiden etwas. Dann lachte Michael leise, beinahe ungläubig.

„Wissen Sie, Anna, ich steh gerade am Balkon, schau hinunter auf zwei Säcke voller Zeug beim Hauseingang — und mir ist auf einmal leicht. Als hätte mir jemand einen Zahn amputiert, der seit drei Jahren wehgetan hat.“

„Zähne amputiert man nicht. Man zieht sie.“

„Meiner war offenbar so einer, da hilft nur Amputation.“

„Alles Gute, Michael.“

„Ihnen auch. Wir sitzen jetzt wohl im selben Boot. Nur rudern Sie schneller. Ich hätte wahrscheinlich noch einen Monat lang gezweifelt.“

Anna beendete das Gespräch. In der Wohnung war es still, fast hohl. Am Boden zeichnete sich noch die Stelle ab, an der Lukas’ Tisch gestanden war. Auf dem Regal blieb ein staubfreies Rechteck zurück, dort, wo seine Bücher gewesen waren. Im Bad hing nur noch ein leerer Haken, an dem früher sein Bademantel gebaumelt hatte.

Kurz darauf meldete sich Lena.

„Anna, wie geht’s dir? Ich hab gesehen, dass du online bist, aber du schreibst nix.“

„Lena, du hast recht gehabt.“

„Wegen der Überraschung?“

„Genau wegen der. Sie ist nicht besonders gut angekommen.“

„Erzähl.“

„Er hat die Kinder samt Sachen bei mir abgeladen und ist selber zu seiner Ex gefahren. Ich bin zur Adresse hin — und er hat mir aufgemacht. In Patschen. Da war sie, die Überraschung.“

„Und du?“

„Ich hab die Schlösser tauschen lassen, seine Sachen von Möbelpackern zu ihr bringen lassen, ihrem Mann geschrieben und reiche die Scheidung ein.“

„In wie vielen Stunden hast du das alles geschafft?“

„In vier. Vielleicht in dreieinhalb.“

„Anna, du bist ein Roboter. Ich hätte eine Woche lang ins Kissen geheult.“

„Heulen kann ich später. Jetzt hab ich keine Zeit dafür. Jetzt muss ich Barbara anrufen und schauen, ob die Buben zu Abend gegessen haben.“

Zur selben Zeit stand Lukas mitten auf dem Gehsteig und hielt sein Handy in der Hand, das ohne Pause vibrierte. Katharina rief zum sechsten Mal an. Von Michael war eine Nachricht gekommen, drei Worte nur: „Hol dein Zeug. Widerling.“ Seine Mutter hatte geschrieben: „Komm her. Wir reden.“

Er ging an keinen Anruf. Er starrte bloß auf den Bildschirm, und jedes Aufleuchten fühlte sich an wie ein Urteilsspruch.

Noch vor einem Jahr hatte alles tadellos gewirkt. Die Ehefrau liebte ihn, die Kinder waren versorgt, die Ex war verfügbar, und deren Mann ahnte nichts. Ein perfektes System. Wie ein Kartenhaus.

Dieses Kartenhaus war innerhalb von vier Stunden zusammengekracht. Eine einzige Fahrt von Anna zu dieser Adresse — und alles war zerbröselt. Die Frau hatte die Schlösser tauschen lassen. Michael kannte die Wahrheit. Die Mutter wartete auf Erklärungen. Katharina war außer sich vor Panik.

Das Handy läutete wieder. Katharina.

Lukas drückte sie weg. Dann schob er das Telefon in die Jackentasche und ging los, die Straße entlang, ohne Ziel, ohne Plan, ohne die geringste Ahnung, was jetzt aus ihm werden sollte.

Anna rief unterdessen ihre Schwiegermutter an.

„Barbara, haben die Buben gegessen?“

„Ja, Anna. Jeder hat vier Palatschinken verdrückt. Jetzt schlafen sie schon.“

„Danke Ihnen.“

„Anna … hast du die Scheidung schon eingereicht?“

„Am Montag mache ich es.“

„Ich werd dir das nicht ausreden. Er hat es sich selber zuzuschreiben. Aber die Buben … Du hängst doch an ihnen, oder?“

„Ja. Felix malt mir jeden Sonntag Karten. Und Jonas hat lesen gelernt — mir hat er als Erster das Wort ‚Sonne‘ vorgelesen.“

„Du hast im letzten Jahr mehr für sie getan als ihr eigener Vater.“

„Die Buben können nichts dafür. Wenn Sie Hilfe brauchen, bin ich da. Aber mit Lukas ist es vorbei.“

„Ich weiß, Anna. Ich weiß.“

Anna legte das Handy auf das Nachtkastl. Die Wohnung war ruhig, leer und — zum ersten Mal seit Langem — wirklich ihre. Keine fremden Taschen mehr im Vorzimmer. Keine fremden Lügen in der Luft. Keine fremden Patschen neben der Tür.

Sie trat vor den Spiegel und sah sich an. Die Augen waren trocken. Das Kinn blieb oben. Achtundzwanzig Jahre alt — und an einem einzigen Tag zugleich älter und jünger geworden.

Von Lena kam eine Nachricht: „Ich bin stolz auf dich.“

Anna lächelte und schrieb zurück: „Danke. Ab jetzt leb ich weiter.“

Hedis Stube