„Hauptsache, du überweist deine Ersparnisse nicht auf das gemeinsame Konto. Hast du mich verstanden?“ mahnte meine Schwiegermutter aus der Loggia, während ich mit dem Schwamm erstarrte

So kalt und berechnend, das ist unerträglich.
Geschichten

Ich schrubbte mit dem Schwamm beharrlich einen klebrigen Fleck von Kirschensaft von der Arbeitsplatte. Der Geschirrspüler lief, die Dunstabzugshaube brummte gleichmäßig, und in der Küche hing der kräftige Duft von Fleisch, das mit Rosmarin im Rohr gebraten wurde. Ein ganz gewöhnlicher Freitagabend. Die Tür zur Loggia stand einen Spalt offen, weil der Maiabend ungewöhnlich schwül gewesen ist. Gerade wollte ich sie zumachen, da hörte ich vom Balkon meinen Namen.

„Ach, die merkt doch nichts, Lukas“, sagte meine Schwiegermutter Barbara dumpf, aber gut verständlich. „Die schwebt wieder irgendwo in ihren Plänen herum.“

Meine Hand mit dem Schwamm blieb mitten in der Bewegung stehen.

„Mama, red leiser. Anna werkt in der Küche herum“, antwortete mein Mann nervös. Empörung lag keine in seiner Stimme. Nur diese dünne Sorge, dass wir gestört werden könnten.

„Bei ihr lärmt eh die ganze Technik, die hört uns nicht“, tat Barbara es ab. Dann raschelte Folie; vermutlich wickelte sie eines von den Zuckerl aus, die sie zum Tee mitgebracht hatte. „Hauptsache, du überweist deine Ersparnisse nicht auf das gemeinsame Konto. Hast du mich verstanden? Ein bisserl halten wir ihr grantiges Gesicht noch aus.“

Ich stützte beide Hände auf den kühlen Stein der Arbeitsfläche. Für einen Augenblick stockte mir der Atem, doch ich zwang mich, langsam Luft zu holen.

„Sie zahlt den Rest noch ein, und dann kann sie schauen, wo sie bleibt“, fuhr meine Schwiegermutter in diesem ruhigen, belehrenden Ton fort. „Das Mädel ist stolz. Zum Herumschreien ist sie nicht erzogen worden. Sie wird schnaufen, ihren Koffer packen und in ihre alte kleine Bude zurückziehen. Und diese Wohnung tauschen wir dann mit Gewinn weiter.“

„Mama, und wenn ihr dieses Dokument beim Anwalt wieder einfällt?“, fragte Lukas gedehnt, mit einem Anflug von Zweifel.

„Welches Dokument? Dieser Wisch von vor vier Jahren? Wer soll sich denn dafür interessieren, wenn die Wohnung während der Ehe angeschafft worden ist. Du machst gar nichts. Du sitzt da, wartest ab und bist lieb zu ihr, bis sie die letzte Rate zur Bank gebracht hat.“

Langsam legte ich den Schwamm in die Abwasch. In mir war keine Panik. Auch kein Drang, auf den Balkon hinauszustürmen und sie anzuschreien. Stattdessen tauchte vor meinem inneren Auge das Gesicht meines Vaters auf. Ich sah seine von Arbeit rauen Hände wieder, wie er mir damals die Schlüssel zu meiner ersten kleinen Wohnung gegeben hatte und sagte: „Anna, das ist dein Fundament. Lass niemals zu, dass es dir jemand wegschlägt.“ Diese Menschen planten in diesem Moment nicht bloß, mir Quadratmeter wegzunehmen. Sie wollten die ganze Mühe meiner Familie ausradieren.

Ich drehte den Herd ab, trocknete mir die Hände an einem Geschirrtuch und ging in den Vorraum. Es musste so aussehen, als würde ich einfach ins Bad gehen. Keine Gefühle zeigen. Nur ein kühler, glasklarer Plan.

Begonnen hat meine Geschichte vier Jahre davor. Damals arbeitete ich als Architektin in einem kleinen Büro, nahm nebenbei private Aufträge an und wohnte in einer bescheidenen Einzimmerwohnung, die ich von meinen Eltern bekommen hatte. Lukas ist auf einer Messe für Baustoffe in mein Leben getreten. Charmant, redegewandt, sicher im Auftreten – er war Verkaufsmanager in einer großen Firma.

Er hatte ein Talent dafür, aus gewöhnlichen Tagen etwas Besonderes zu machen. Nach langen Projektnächten wartete er mit heißem Kaffee auf mich, führte mich durch alte Gassen und konnte zuhören, als gäbe es in diesem Moment nichts Wichtigeres. Ich glaubte damals, den Menschen gefunden zu haben, mit dem man wirklich Zukunftspläne schmieden kann. Ein Jahr später haben wir geheiratet.

Als dann das Thema einer größeren Wohnung aufgekommen ist, stellte sich heraus, dass Lukas kaum Rücklagen hatte. Er wohnte zur Miete, liebte teure Kleidung und wechselte oft die Autos. Die Wohnung, für die wir uns schließlich entschieden hatten, war hell, großzügig und schien genau das zu sein, wovon ich lange geträumt hatte.

Hedis Stube