„Ich will nur Ehrlichkeit. Eine einzige, winzige Portion davon, klein wie eine Erbse“ forderte Anna und legte das Buch langsam auf den Tisch

So ungerecht, dass Ehrlichkeit immer seltener wird.
Geschichten

— Lukas, ich verlange ja nichts Unmögliches von dir, — Anna legte das Buch langsam auf den Tisch. — Ich will nur Ehrlichkeit. Eine einzige, winzige Portion davon, klein wie eine Erbse.

— Fängst schon wieder damit an, — murmelte er, den Blick in irgendeine Zeitschrift vergraben. — Kaum ist der Vormittag da, läuft bei dir dieselbe Platte.

— Ich fange an? — Sie lächelte kurz. — Zur Erinnerung: Ich habe diese Platte ein ganzes Jahr lang nicht aufgelegt. Du hattest also Urlaub von meinen Fragen.

— Hättest ihn besser nicht beendet.

Anna setzte sich ihm gegenüber hin und stützte das Kinn in die Hand.

— Lukas, reden wir einmal normal miteinander. Deine Schwester hat angerufen. Sie sagt, jetzt sei wieder ich dran.

— Na und? — Erst jetzt ließ er die Zeitschrift sinken. — Dann wohnt sie halt bei uns. Was soll daran so schlimm sein? Sie ist meine Mutter.

— Deine Mutter, meine Wohnung, — sagte Anna ruhig. — Spannend, wie unterschiedlich diese Wege verlaufen, findest du nicht?

— Schon wieder die Wohnung! — Seine Stimme wurde lauter. — Immer dasselbe: meine, meine. Als ob ich bei dir um einen Schlafplatz betteln würde.

— Tust du das etwa nicht?

Er verstummte und schmollte, ganz wie ein Bub, dem man das Zuckerl weggenommen hat. Anna kannte diese Art an ihm: die Backen aufblasen, schwer durch die Nase atmen und dabei die gekränkte Unschuld spielen.

— Lukas, — sagte sie leise. — Weißt du noch, was du versprochen hast, als deine Mutter damals diese Wohnung verkauft hat?

— Was soll ich denn versprochen haben?

— Dass der Großteil vom Geld zu uns kommt. Für etwas Größeres. Ich habe von einer Dreizimmerwohnung geträumt. Stell dir vor, sogar von einem Kinderzimmer.

— Es sind eben Dinge dazwischengekommen, — er wich ihrem Blick aus. — So ist das Leben halt. Man plant das eine, und dann kommt etwas völlig anderes heraus.

— Herausgekommen sind ein Auto und dein großartiger Aufstieg, — sie schnaubte leise. — Erinnerst du dich, wie du durch die Wohnung marschiert bist und verkündet hast, du würdest bald mit Millionen jonglieren?

— Ich habe es wenigstens versucht! — Er schlug mit der flachen Hand auf sein Knie. — Im Gegensatz zu anderen bin ich nicht einfach untätig herumgesessen!

— Versucht hast du es, ja, — gab sie zurück. — Das Geld deiner Mutter hat sich in Luft aufgelöst, das Auto ist um den halben Preis beim nächsten Besitzer gelandet, und aus dem Kinderzimmer ist nie mehr geworden als ein Wunsch.

— Lass meine Mutter da raus!

— Du bist es, der sie immer wieder hereinholt, — bemerkte Anna. — Alle sechs Monate. Pünktlich wie ein Fahrplan.

Maria lebte in einem Kreislauf: ein halbes Jahr bei der Tochter, ein halbes Jahr beim Sohn. So hatte Lukas es irgendwann festgelegt, und seither funktionierte es wie das Pendel einer alten Uhr, das niemand anzuhalten gewagt hat.

— Lukas, ich habe nichts gegen deine Mutter, — sagte Anna, während sie Tee einschenkte; der Dampf stieg gleichmäßig auf. — Ich habe etwas gegen Lügen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, gib es zu.

— Du magst sie einfach nicht.

— Ich respektiere sie, — korrigierte Anna ihn. — Dich dagegen verstehe ich immer weniger. Das sind, nebenbei gesagt, auch zwei verschiedene Verben.

— Bist jetzt gescheit geworden? — Er kniff die Augen zusammen. — Zu viele Bücher gelesen?

— Ein Unglück kommt selten allein, meistens bringt es die ganze Verwandtschaft mit, — sagte sie und lächelte. — Siehst du, ganz ohne Bücher schaffe ich es auch.

— Genau, mach nur deine Witze, — er stand auf und ging unruhig in der Küche auf und ab. — Aber irgendwo müssen wir schließlich leben.

— Wir? — Anna hob eine Augenbraue. — Du sagst dauernd „wir“, als hätte dieses Wort ein Fundament.

— Hat es das etwa nicht?

— Finden wir es heraus, — sie legte die Hände im Schoß zusammen. — Sag mir eine einzige Sache ehrlich, und ich lasse dich einen Monat lang in Ruhe. Wer ist Sophie?

Er erstarrte. Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte sein Gesicht wie festgewordene Sulz.

— Welche Sophie?

— Die, mit der wir früher einmal an Nachbartischen gesessen sind, — sagte Anna gelassen. — Die, die in der Seegasse eine kleine Wohnung mietet. Seit fünf Jahren schon, soweit ich weiß.

Hedis Stube