— Du …
— Für Gesichter und Adressen hab ich ein ziemlich gutes Gedächtnis, — sie zuckte nur mit den Schultern. — Berufskrankheit, wenn man so will.
— So ist das nicht ganz, — stieß er hervor, viel zu hastig.
— Lukas, — Anna lachte leise, beinahe zärtlich. — Wenn ein Mann genau diesen Satz sagt, heißt er immer exakt das, was ich mir gerade denke. Das ist ein Naturgesetz. Wie die Schwerkraft.
Der Krach ist nicht sofort ausgebrochen. Zuerst ist ein schweigsamer Abend gekommen. Dann einer, an dem die Luft vor Zorn geknistert hat. Und erst am dritten Tag ist die Maske gefallen, wie mürber Verputz von einer alten Zimmerdecke.
— Ja, ich hab Sophie! — brüllte Lukas. — Und? Bist du jetzt zufrieden? Hast du dein Geständnis bekommen?
— Hab ich, — Anna blieb ruhig, ihre Stimme wurde nicht lauter. — Danke für die Offenheit. Wenigstens in einem Punkt bist du heute ehrlich.
— Sie nörgelt nicht jeden Tag wegen der Wohnung und dem Kinderzimmer herum!
— Eh klar, — Anna nickte langsam. — Sie hat ja auch keinen Grund dazu. Eine eigene Wohnung hat sie nicht. Höchstens eine gemietete.
— Du … du bist einfach neidisch!
— Worauf denn, Lukas? — sie legte den Kopf schief. — Dass meine frühere Kollegin meinen rechtmäßigen Platz warm hält? Das ist schon ein sehr eigener Anlass für Neid.
— Weißt du was, — er atmete schwer, seine Nasenflügel bebten. — Ich reiche die Scheidung ein. Hörst du? Mir reicht’s! Deine Sticheleien, deine Bücher, deine Wohnung — alles!
— Wenn du die Scheidung einreichst, wunderbar. Dann nimm bitte auch deine Mutter mit. Für mich ist sie ab jetzt eine Fremde.
— Was?
— Du hast mich schon verstanden, — Anna stand nun endlich auf. — Scheidung heißt Scheidung. Dann machen wir keine halben Sachen. Wenn du gehst, dann geh ganz. Mit deinem gesamten Anhang.
— Wozu soll ich das tun! Das kannst du nicht!
— Und ob ich kann, — sie lächelte fast sanft. — Im Gegensatz zu dir mach ich nämlich, was ich ankündige. Nebenbei bemerkt sind das zwei verschiedene Tätigkeiten: etwas versprechen und etwas tun.
Lukas ist gegangen und hat die Tür hinter sich zugeschlagen, überzeugt davon, dass er in einer Woche wiederkommen und alles irgendwie einrenken würde. Er kam immer zurück. Anna verzieh immer. So war es nun einmal, und für ihn gab es keinen Grund, an dieser vertrauten Ordnung etwas zu ändern.
Er rief seine Schwester an.
— Laura, servus. Hör zu, Mama fährt diesen Monat zu Anna, so wie ausgemacht. Setz sie einfach in den Bus, ich hol sie dann ab.
— Lukas, du lässt dich von Anna scheiden, — sagte seine Schwester vorsichtig. — Welche Anna soll das jetzt noch sein?
— Wir vertragen uns schon wieder. Ist ja nicht das erste Mal. Mach einfach, was ich dir sag.
— Na gut. Du wirst schon wissen, was du tust.
Aber genau das wusste er überhaupt nicht. Denn noch am selben Vormittag hatte Anna bei einer Möbeltransportfirma angerufen und zwei Adressen durchgegeben: die eine zum Abholen, die andere zum Abliefern.
— Sie räumen bitte alles aus dem hinteren Zimmer aus, — sagte sie ins Telefon. — Den Kasten, das Sofa, die Nachtkastln, die Schachteln, die Teppiche. Alles, was mir nicht gehört. Und bringen Sie es in die Seegasse. Die genaue Adresse schick ich Ihnen gleich.
— Ist notiert, — antwortete eine Männerstimme. — Bis zwei sollten wir fertig sein.
— Dann machen Sie das. Und bitte vorsichtig mit dem Kasten, der ist schon recht betagt. So wie sein Besitzer.
Sophie war an diesem Tag daheim. Sie wischte gerade den Spiegel ab und summte irgendeine leichte Melodie vor sich hin, ohne zu ahnen, dass ihre kleine, behagliche Welt im nächsten Augenblick aus den Fugen geraten würde.
Es läutete an der Tür. Draußen standen zwei kräftige Burschen, und hinter ihnen zeichnete sich der dunkle Umriss eines gewaltigen Kastens ab.
— Grüß Gott, — sagte einer von ihnen. — Lieferung. Wohin sollen wir’s tragen?
— Welche Lieferung? — Sophie war völlig verdutzt. — Ich hab nichts bestellt.
— Die Adresse stimmt, die Auftraggeberin hat bezahlt, — der junge Mann warf einen Blick auf seinen Zettel. — Seegasse, alles stimmt.
