Das Handy begann zu vibrieren, gerade als Anna einem jungen Paar die Kreditkonditionen erklärte. Auf dem Display stand: „Daheim“. Sie entschuldigte sich kurz und ging zum Fenster hinüber.
„Hör mir genau zu“, sagte Lukas. Seine Stimme klang so fremd, dass sie ihn im ersten Moment kaum erkannte. „Opa Josef ist gestorben. Er hat mir ein Erbe hinterlassen. Ich habe soeben fünf Millionen Euro geerbt. Pack deine Sachen. Bis heute Abend bist du aus der Wohnung draußen.“
Anna umklammerte das Handy fester.
„Was redest du da?“
„Ich rede davon, dass du ab jetzt nicht mehr meine Frau bist. Vor zwei Stunden habe ich die Scheidung eingereicht. Du passt nicht mehr zu meinem Niveau. Verstanden?“

„Lukas, wir sind seit zwanzig Jahren…“
„Eben. Zwanzig Jahre lang hast du mich mit deiner Anständigkeit und deinen Regeln hinuntergezogen. Damit ist Schluss. Ich bin frei.“
Dann war nur noch das Tuten zu hören. Anna blieb stehen und sah auf den grauen Innenhof unter dem Fenster. Danach kehrte sie zu dem Paar zurück, setzte ein Lächeln auf und unterschrieb die Unterlagen. Erst als sie später aus der Bank trat, begannen ihre Hände zu zittern.
Lukas stand mitten im Zimmer, in einem neuen Mantel. An seinem Handgelenk glänzte eine Uhr, die er am Morgen noch nicht getragen hatte. Sogar seine Haltung war anders: die Schultern breit, das Kinn angehoben, als gehöre ihm plötzlich die ganze Welt.
„Was machst du noch hier? Ich habe doch gesagt, du sollst deine Sachen zusammenpacken.“
Anna stellte ihre Tasche auf den Boden.
„Woher hast du das Geld für all das?“
„Die Bank hat mir einen Vorschuss auf das Erbe gegeben. Ab jetzt kann ich mir alles leisten.“
Er schleuderte eine Mappe auf den Tisch. Die Blätter rutschten heraus und verteilten sich über die Platte.
„Das ist die Aufteilung unseres Vermögens. Du unterschreibst sofort. Für irgendein Zimmer wird es schon reichen. Verhungern wirst du nicht.“
Anna nahm das oberste Blatt. Die Wohnung sollte an ihn gehen. Die Ersparnisse wurden zwar geteilt, doch ihr Anteil war lächerlich gering. Weniger, als sie damals in sein letztes Geschäft gesteckt hatte, das schon nach einem Monat wieder zugesperrt worden war.
„Ich habe dich aus jedem Loch herausgezogen“, sagte sie leise.
„Darum hat dich niemand gebeten. Du hast dich immer mit deinen Ratschlägen und Rechnereien eingemischt. Weißt du, was meine Freunde über dich gesagt haben? Dass ich eine Frau habe wie eine Buchhalterin. Langweilig. Farblos.“
„Ich habe gearbeitet, damit wir überhaupt über die Runden kommen.“
„Genau das war ja das Problem. Wir sind über die Runden gekommen. Aber leben hätten wir sollen. Nur du kannst das nicht. Du kannst nur jeden Cent umdrehen und anderen die Laune verderben.“
Lukas ging zur Tür und riss sie auf.
„Verschwinde. Ich brauche eine andere Frau. Eine schöne. Eine interessante. Eine, für die ich mich nicht schämen muss.“
Anna nahm den Koffer, den sie schon vorbereitet hatte. Sie ging an ihm vorbei und blieb in der Tür noch einmal stehen.
„Und wenn das Geld doch nicht kommt?“
„Es kommt. Fünf Millionen Euro, du Närrin. Das reicht für immer.“
Sie trat hinaus. Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss.
Ihre Schwester Katharina öffnete, sah nur den Koffer an und zog Anna sofort in die Wohnung. Sie setzte sie aufs Sofa und brachte ihr ein Glas Wasser.
„Hat er dich hinausgeworfen?“
„Ja. Er sagt, er hat von seinem Großvater ein Vermögen geerbt. Und dass ich nicht mehr zu ihm passe.“
Katharina zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch beim gekippten Fenster hinaus.
„Und was machst du jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“
Anna legte sich auf das Sofa. Die Decke war weiß, mitten durch zog sich ein feiner Riss. Sie starrte hinauf und dachte, dass zwanzig Jahre einfach vorbei sein konnten. So wie Milch im Packerl: Man macht es auf, und drinnen ist nichts mehr.
In der Nacht schlief sie keine Minute. Sie lag mit offenen Augen da. Am Morgen stand sie auf, wusch sich das Gesicht und ging zur Arbeit. Die Kolleginnen und Kollegen sahen sie mitleidig an; irgendwer wusste bereits Bescheid. In einer kleinen Stadt verbreiten sich Neuigkeiten schnell.
In der Mittagspause meldete sie sich für den Auditorenkurs an. Genau jenen Kurs, den sie schon vor vier Jahren machen hatte wollen. Damals hatte Lukas nur abgewunken und gesagt, bei ihm brenne gerade ein Projekt.
