er brauche schließlich Geld, und sie fange mit irgendwelchen Kursen an. Zwei Wochen später war genau dieses Projekt geplatzt.
Am Abend hielt Katharina ihr wortlos das Handy hin. Lukas hatte in einem sozialen Netzwerk ein Foto veröffentlicht: er im Restaurant, an einem langen Tisch für zwanzig Personen, ein Glas Sekt in der Hand. Darunter stand: „Das Leben meint es gut mit mir. Endlich frei und reich.“
Anna gab ihr das Handy zurück. Sie sagte kein einziges Wort.
Acht Tage später kam ein Schreiben vom Notariat. „Dringende Vorsprache in der Verlassenschaftssache des verstorbenen Josef. Morgen um zehn Uhr.“
Anna erschien in einem schlichten, dunklen Kostüm. Der Notar öffnete die Tür zu seinem Büro. Und dort, direkt beim Fenster, saß Josef. Lebendig.
„Setz dich, Anna.“
Sie blieb wie angewurzelt stehen.
„Aber Sie …“
„Ich bin nirgends hingegangen“, sagte er ruhig. „Ich habe meinen Enkel geprüft. Ich habe das Gerücht über meinen Tod und das Erbe streuen lassen. Ich wollte sehen, was er daraus macht.“
Anna setzte sich langsam. Ihre Knie gaben beinahe nach.
„Er hat sich sofort gezeigt“, fuhr Josef fort, ohne die Stimme zu heben. „Drei Tage davor hat er mich angerufen. Er wollte wissen, wann ich ihm endlich den Weg freimache. Er sagte, seine Frau sei nur Ballast. Er warte auf das Geld, damit er endlich ein richtiges Leben anfangen könne.“
Anna schwieg.
„Ich habe dich nur ein einziges Mal gesehen“, sagte Josef. „Vor neun Jahren, bei einem Fest bei den Nachbarn. Du hast einer fremden alten Frau geholfen, ihre schweren Sackerl bis zum Hauseingang zu tragen. Lukas ist damals dagesessen und hat allen erzählt, was für ein großer Unternehmer er sei. Du hast nichts gesagt. Später hat er zu viel getrunken und zu prahlen begonnen. Du hast ihn leise hinausgebracht, ohne Szene, ohne Streit. Das habe ich mir gemerkt.“
Josef zog eine Lade auf und nahm eine Mappe heraus.
„In meinem Testament steht seit vielen Jahren eine Bedingung. Wenn der Erbe eine besondere moralische Niedertracht zeigt, fällt alles an jene Person, die ich in einem gesonderten Schreiben nenne. Dieses Schreiben habe ich vor neun Jahren erneuert. Ich habe deinen Namen hineingesetzt.“
Er legte die Mappe vor sie hin.
„Alles gehört dir. Wohnungen, Konten, Grundstücke. Lukas bekommt gar nichts.“
Anna sah ihn fassungslos an.
„Warum ich?“
„Weil du nicht auf meinen Tod gewartet hast. Du hast überhaupt nicht an mich gedacht. Lukas schon. Und er hat gezeigt, wer er wirklich ist.“
Um zwei Uhr nachmittags meldete sich beim Lukas das Autohaus. Eine höfliche Männerstimme teilte ihm mit, dass der Kauf nicht abgewickelt werden könne. Die Karte werde nicht akzeptiert.
„Was heißt, sie wird nicht akzeptiert? Da sind fünf Millionen Euro drauf!“
„Herr Lukas, das Konto wurde auf Anordnung des Verfügungsberechtigten gesperrt.“
„Ich bin der Verfügungsberechtigte!“
„Nein“, sagte der Mann. „Jetzt nicht mehr.“
Lukas beendete das Gespräch abrupt. Sofort wählte er Josefs Nummer. Nicht erreichbar. Er bestellte ein Taxi, bezahlte mit dem letzten Geld auf der Bankomatkarte und raste zum Notariat.
Dort erklärte man ihm alles in drei Minuten. Die Bedingung im Testament. Die Prüfung. Sein Scheitern. Anna sei nun die einzige Begünstigte.
„Wollen Sie mich verhöhnen? Diese graue Maus?“
Der Notar hob langsam den Blick.
„Verlassen Sie bitte mein Büro. Sonst rufe ich den Sicherheitsdienst.“
Lukas stürmte auf die Straße hinaus. Alles um ihn herum schien zu schwanken. Der neue Mantel fühlte sich plötzlich fremd an. Die Uhr an seinem Handgelenk war schwer, protzig und vollkommen sinnlos. Ihm fiel das Bankett vom Vorabend ein. Wie viel hatte er dort ausgegeben? Alles auf Pump, alles gegen das Versprechen eines Erbes.
Dann dachte er an den Wagen, den er bestellt hatte. An die Anzüge. An das Restaurant, in dem er bereits ein Kundenkonto eröffnen hatte lassen.
Das Handy läutete. Das Restaurant. Man verlangte die Anzahlung für das Bankett.
„Ich habe im Moment nicht …“
„Dann übergeben wir die Sache unserem Anwalt.“
Die Leitung war tot.
Lukas kehrte in die Wohnung zurück. Sie war leer; Anna hatte nur ihre eigenen Sachen mitgenommen.
