„Ich habe soeben fünf Millionen Euro geerbt. Pack deine Sachen. Bis heute Abend bist du aus der Wohnung draußen.“ sagte Lukas kalt, während Anna fassungslos das Handy umklammerte

So skrupellos und gemein, schlichtweg unerträglich.
Geschichten

Er hat sich mitten im Zimmer auf den Boden sinken lassen. Das Handy hörte nicht auf zu läuten. Zuerst das Autohaus. Dann das Bekleidungsgeschäft. Danach wieder das Restaurant.

Drei Tage später lag die erste Ladung vom Gericht im Postkastl. Kurz darauf ist die nächste gekommen.

Die Bekannten, die ihm noch vor Kurzem auf die Schulter geklopft und auf sein Wohl angestoßen hatten, verschwanden plötzlich. Keiner hob mehr ab. Einer schrieb nur knapp: „Tut mir leid, ich hab gerade viel um die Ohren.“ Ein anderer blockierte seine Nummer gleich ganz.

Lukas verkaufte seine Uhr. Danach den Mantel. Die Anzüge wollte er ins Geschäft zurückbringen, doch dort winkte man ab: getragen sei getragen. Zwei Wochen später war auch die Wohnung weg. Anna hatte den Verkauf über eine Agentur abgewickelt, sauber, korrekt, rechtlich einwandfrei.

Er mietete sich ein Zimmer draußen am Rand der Stadt. Die Tapeten lösten sich von den Wänden, aus der Leitung kam rostbraunes Wasser, und hinter der dünnen Wand stritten die Nachbarn Nacht für Nacht, als gäbe es sonst nichts mehr auf der Welt.

Einmal begegnete er auf der Straße einem alten Spezl — ausgerechnet jenem, der beim Bankett am lautesten Trinksprüche gebrüllt hatte. Der Mann sah Lukas an, wandte sofort den Blick ab und wechselte die Straßenseite. Als hätte er ihn nie gekannt.

Anna eröffnete ihren Beratungsraum einen Monat später. Es war ein kleines Lokal in einem Ort am Neusiedler See, dort, wo auch Josef lebte. Zu ihr kamen Frauen, die verlassen worden waren, denen man eingeredet hatte, sie seien nicht gut genug, zu schwer, zu mühsam, eine Last.

Sie stellte einen Juristen ein und eine Psychologin. Die Gespräche führte sie oft selbst. Sie erklärte, wie man sein Geld schützt, wie man sich nicht ausnutzen lässt, wie man Verträge liest, Zahlen versteht und keine Angst mehr vor Gesetzen hat.

Josef kam jeden Donnerstag vorbei. Er setzte sich still in eine Ecke und hörte zu. Nach einer Beratung trat er einmal zu Anna.

„Bereust du es nicht, dass du ihm keine letzte Chance gegeben hast?“

Anna sah ihn ruhig an.

„Zwanzig Jahre lang hat er von mir Chancen bekommen. Jetzt soll er sich selbst welche geben.“

Josef nickte nur.

„So ist es recht.“

Vier Monate später fand Lukas sie. Er war extra in den Ort am See gefahren und wartete vor dem Eingang des Zentrums.

„Anna.“

Sie trat heraus, erkannte ihn sofort und blieb stehen. Er war abgemagert, unrasiert, in einer alten Jacke, die an ihm hing. Zwischen ihnen lagen kaum drei Schritte.

„Was willst du?“

„Mit dir reden. Ich muss…“

„Geld?“

Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Ich bin ganz unten. Wegen der Schulden laufen Verfahren gegen mich. Ich hab alles verloren.“

„Und was genau soll ich jetzt tun?“

„Mir helfen. Du hast mir doch immer geholfen.“

Anna sah ihn lange an. Früher hätte sie den Blick gesenkt. Früher wäre sie einfach gegangen oder hätte geschwiegen. Früher hätte sie sich sogar noch geschämt, weil sie hart blieb.

Jetzt nicht mehr.

„Du hast selbst gesagt, ich sei Ballast. Dass ich dich hinunterziehe. Also, Lukas: Jetzt bist du unten. Ganz allein. Und das ist nicht mein Problem.“

„Anna, bitte, versteh doch. Ich war ein Trottel…“

„Warst du? Nein. Du bist es geblieben. Der einzige Unterschied ist: Früher hattest du mich. Jetzt hast du niemanden mehr.“

Sie ging in Richtung Auto. Lukas griff nach ihrer Hand.

„Bitte. Nur ein bisserl. Ich bin doch kein Fremder.“

Anna zog ihre Hand langsam zurück und sah ihm direkt in die Augen.

„Doch. Du bist ein Fremder geworden, als du gesagt hast, ich passe nicht mehr zu dir. Als du mich mit meinem Koffer vor die Tür gesetzt hast. Als du im Restaurant gesessen bist und dich gefreut hast, endlich frei zu sein. Erinnerst du dich? Du hast es sogar in die sozialen Medien geschrieben.“

Lukas sagte nichts.

„Zwanzig Jahre lang hab ich dich aus jedem Loch herausgezogen. Nicht ein einziges Mal hast du Danke gesagt. Stattdessen war ich für dich die Langweilige, die Nörglerin, die, wegen der du angeblich nicht groß rauskommen konntest. Und kaum war Geld im Spiel — oder besser gesagt: kaum hast du geglaubt, es sei Geld da — war ich das Erste, was du aus deinem Leben gestrichen hast.“

„Ich hab einen Fehler gemacht.“

„Nein. Du hast gezeigt, wer du wirklich bist. Und Josef hat es gesehen.“

Anna stieg ins Auto. Lukas blieb auf dem Gehsteig stehen, die Zähne fest zusammengebissen.

„Heißt das, es ist endgültig?“

„Ja. Alles war in dem Moment vorbei, in dem du mir gesagt hast, ich soll meine Sachen packen.“

Hedis Stube