Anna startete den Motor. Dann fuhr sie weg, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Lukas ist noch gut zehn Minuten auf der Straße stehen geblieben. Die Leute machten einen Bogen um ihn. Schließlich ging er zur Haltestelle. Für ein Taxi hatte er kein Geld mehr, und der Bus zurück in die Stadt brauchte fast zwei Stunden.
Er saß am Fenster und starrte hinaus. In seinem Kopf lief alles noch einmal ab: die Wohnung, Anna, die die Ausgaben im Blick behalten, Rechnungen bezahlt und geschwiegen hatte, wenn er wieder einmal die Nerven verloren hatte. Dieses ganz normale, graue Leben, das ihn so wahnsinnig gemacht hatte.
Und jetzt fuhr er in ein gemietetes Zimmer zurück, in dem der Nachbar sich jeden Abend mit billigem Schnaps zuschüttete und seine Frau anschrie. In dem rostbraunes Wasser aus der Leitung kam. In dem der Kühlschrank so laut brummte, dass an Schlaf kaum zu denken war.
Sein Handy vibrierte. Wieder eine Zahlungsaufforderung, wieder eine Mahnung wegen Schulden. Lukas drückte es aus.
Josef saß auf einer Bank am See, als Anna zu ihm kam. Sein Blick lag ruhig auf dem Wasser.
„Du hast Lukas gesehen?“
„Ja.“
„Hast du ihm Geld gegeben?“
„Nein.“
Josef nickte langsam.
„Gut so. Da muss er allein herausfinden. Wenn er es schafft, ist vielleicht doch noch etwas Anständiges in ihm übrig. Wenn nicht, dann war da nie etwas.“
„Es ist mir schwergefallen, Nein zu sagen.“
„Das weiß ich“, sagte Josef. „Aber du hast es geschafft.“
Anna setzte sich neben ihn. Über dem Wasser schrien die Möwen. Der Wind war kühl, fast scharf, aber sie fror nicht.
„Haben Sie gewusst, dass er so ist?“
„Geahnt“, antwortete Josef. „Darum habe ich ihn geprüft. Menschen zeigen ihr wahres Gesicht, sobald Geld ins Spiel kommt. Manche wachsen daran. Andere werden kleiner, gieriger, hässlicher. Lukas ist nur zu dem geworden, was er immer schon war. Früher hat er es bloß besser versteckt.“
Anna schwieg einen Moment.
„Und ich?“
Josef drehte den Kopf zu ihr.
„Du bist endlich du selbst geworden.“
Ein halbes Jahr später kam eine junge Frau ins Zentrum. Sie wirkte verängstigt, beinahe verloren. Zögernd setzte sie sich Anna gegenüber und verschränkte die Finger so fest ineinander, dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Mein Mann hat gesagt, ich sei Ballast“, brachte sie hervor. „Er hat eine andere. Und bis morgen soll ich ausgezogen sein.“
Anna stellte ihr ein Glas Wasser hin.
„Sind Sie ganz allein?“
„Ich habe eine Schwester. Sie hat gemeint, ich soll zu Ihnen kommen.“
„Gut. Dann holen wir gleich unsere Juristin dazu. Wir schauen uns Schritt für Schritt an, was zu tun ist. Gibt es gemeinsames Eigentum?“
Die Frau nickte. Dann brach sie in Tränen aus.
„Ich habe fünf Jahre lang seine Schulden mitgetragen. Fünf Jahre habe ich ihn immer wieder herausgezogen. Und jetzt sagt er…“
„Ich weiß“, sagte Anna leise und legte ihre Hand auf die der Frau. „Ich weiß genau, wie sich das anfühlt. Aber ab jetzt ziehen Sie nicht mehr ihn heraus. Ab jetzt holen Sie sich selbst zurück. Und das werden Sie schaffen.“
Die junge Frau hob den Blick. In ihren Augen flackerte etwas auf — noch schwach, aber lebendig.
„Wirklich?“
„Wirklich. Ich bin da durchgegangen. Sie kommen auch da durch.“
Am Abend sperrte Anna das Zentrum zu. Sie löschte das Licht, zog die Tür ins Schloss und kontrollierte den Schlüssel. Dann nahm sie ihr Handy heraus. Eine Nachricht von Katharina wartete auf sie: „Lukas steht morgen vor Gericht. Erste Verhandlung. Kommst du?“
Anna sah einen Augenblick auf das Display. Dann tippte sie: „Nein.“ Danach löschte sie den Chat.
Sie ging die leere Straße entlang zu ihrem Auto. Die Laternen warfen fahles Licht auf den Asphalt. Irgendwo in der Ferne rauschte der See. An Lukas dachte sie nicht mehr. Nicht daran, wie er vor Gericht Ausreden suchen würde. Nicht daran, wo er jetzt wohnte, wovon er lebte oder wem er die Schuld gab.
Sie dachte an die Frau, die heute gekommen war. An die nächste, die morgen kommen würde. An all jene, die noch nicht wussten, dass man nicht der Ballast in einem fremden Leben sein muss. Dass man selbst ein ganzes Leben sein kann.
Anna startete den Wagen. Sie fuhr heim — in die Wohnung, die sie sich selbst gekauft hatte. Klein war sie, mit Blick aufs Wasser. Dort wartete niemand auf sie.
Und genau das war in Ordnung.
Denn Einsamkeit ohne Demütigung ist besser als zwanzig Jahre an der Seite eines Menschen, der einen für einen Anker hält.
