„Warum ist der Boden in der Küche eigentlich eiskalt? Ich hab Lukas doch gebeten, gleich beim Umbau eine Fußbodenheizung machen zu lassen! Und überhaupt – diese Aufteilung ist ja völlig unpraktisch. Wer stellt denn ein Waschbecken so hin? Da spritzt doch alles in alle Richtungen!“
Die Stimme gehörte einer Frau. Sie klang selbstsicher, als wäre sie hier daheim, und Anna kannte sie nicht.
Mitten im Vorzimmer blieb Anna stehen, die schwere Kartonschachtel mit den Resten von Steckschwamm und mehreren Rollen Satinband noch in den Armen. Sie war gerade von einem dreitägigen Außeneinsatz zurückgekommen, bei dem sie eine Hochzeit am Land floristisch ausgestattet hatte. Ihr Rücken pochte nach unzähligen Gestecken aus Hortensien und Rittersporn, die Hände waren vom Arbeiten mit der Gartenschere zerkratzt, und sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als heiß zu duschen und danach einfach ins Bett zu fallen.
Stattdessen roch es in ihrer eigenen Wohnung nach gebratenem Fisch und nach einem fremden Parfum.
Vorsichtig stellte Anna die Schachtel auf den kleinen Hocker und ging zur Wohnküche hinüber. An ihrer maßgefertigten Kücheninsel saß auf einem hohen Barhocker eine rundliche Frau mit kurzem, auberginefarben gefärbtem Haar. Sie trug Annas liebsten seidenen Morgenmantel. Geschäftig rührte sie in einem Häferl Tee und musterte dabei missmutig die Arbeitsplatte. Neben ihr stand Lukas, Annas Mann, und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.

„Lukas, warum sagst du denn nichts?“, fuhr die Frau fort. „Ich hab dir doch ganz klar erklärt: Nehmt euch lieber eine Wohnung in einer ruhigeren Gegend, dafür mit ordentlichen, getrennten Zimmern. Aber das da? Ein Taubenschlag für Studenten. Gemütlich ist anders.“
„Mama, wir haben das doch schon besprochen …“, murmelte Lukas und hob den Blick. Als er Anna bemerkte, wurde er schlagartig blass. „Anna? Solltest du nicht erst morgen in der Früh zurückkommen?“
„Die Braut war vernünftig, wir waren mit dem Aufbau früher fertig“, sagte Anna ruhig, obwohl sie spürte, wie in ihr ein dumpfer Zorn hochstieg. „Guten Abend. Ich glaube, wir sind einander noch nicht vorgestellt worden.“
Die Frau auf dem Hocker drehte sich langsam zu ihr um. Ihr scharfer, prüfender Blick wanderte über Annas Gesicht, über ihre erschöpfte Gestalt, die schlichte Jeans und den weiten Pullover.
„Na, grüß dich, Schwiegertochter“, sagte sie in einem Ton, als würde sie Anna eine besondere Gnade erweisen. „Barbara. Ich hab mir gedacht, ich mach euch eine Überraschung. Wenn ihr es schon nie schafft, mich zu besuchen, muss ich eben selbst herkommen und schauen, wie mein Sohn untergebracht ist.“
Anna und Lukas waren seit etwas mehr als einem Jahr verheiratet. Die Hochzeit war klein gewesen: Standesamt, danach ein Abendessen zu zweit in einem Restaurant. Barbara hatte damals hohen Blutdruck vorgeschoben und war nicht aus ihrer Landeshauptstadt angereist. In diesem ganzen Jahr hatten sie nur telefoniert, und auch dabei hatte Anna meistens bloß den Hörer an Lukas weitergereicht. Und nun war ihre Schwiegermutter gekommen, um Annas Wohnung kennenzulernen – noch bevor sie Anna selbst richtig kennengelernt hatte.
„Verstehe“, sagte Anna und bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. „Lukas, warum hast du mir nicht gesagt, dass deine Mutter kommt?“
„Ich hab’s doch selbst erst gestern Abend erfahren!“, versuchte er sich zu rechtfertigen. „Mama hat die Fahrkarte gekauft und dann schon vom Bahnhof aus angerufen. Ich konnte sie ja schlecht wieder heimschicken. Also hab ich sie abgeholt und hergebracht. Die Ersatzschlüssel hab ich ihr gegeben, weil ich in die Arbeit musste.“
„Die Schlüssel“, wiederholte Anna tonlos.
Ihr Blick fiel auf den Morgenmantel, der über Barbaras Schultern hing. Dann auf die Pfanne, in der etwas Fettiges zischte und Öl gegen die helle Küchenrückwand spritzte – genau jene Rückwand, die Anna so sorgfältig ausgesucht hatte.
„Anna, geh dir die Hände waschen, wir essen gleich“, kommandierte Barbara und rutschte vom Hocker. „Ich hab mich bei euch ein bissl nützlich gemacht. Wobei man sagen muss: G’scheite Lebensmittel hab ich kaum gefunden. Nur irgendwelche Kräuter, Schimmelkäse – den hab ich lieber gleich weggeworfen, der war ja sicher schon hinüber. Und diese Mandelmilch ist auch weg. Ich hab normale Extrawurst gekauft und Seelachs gebraten. Einen Mann muss man mit Fleisch und Fisch füttern, nicht mit diesen neumodischen Diäten von euch.“
Anna schloss wortlos die Augen, zählte innerlich bis zehn und ging ins Bad.
Die Lage war eindeutig ungut. Anna führte ein kleines Floristikatelier. Die Arbeit war anstrengend, nervenaufreibend, brachte aber ein gutes Einkommen. Diese großzügige Zweizimmerwohnung in einer angenehmen Gegend hatte sie zwei Jahre gekauft, bevor sie Lukas überhaupt kennengelernt hatte. Die Anzahlung hatte sie allein zusammengespart, den Kredit bediente sie selbst, und auch den Umbau hatte sie aus eigener Kraft gestemmt, mit viel Herzblut für jedes noch so kleine Detail. Lukas war beinahe gleich nach Beginn ihrer Beziehung zu ihr gezogen. Angestellt war er als Manager in einer Logistikfirma.
