Er verdiente ganz ordentlich, aber nicht überragend, und sprach dafür umso lieber von seinen großen Plänen, den baldigen Beförderungen und den Chancen, die angeblich nur darauf warteten, von ihm ergriffen zu werden.
Für Anna war das zunächst in Ordnung gewesen. Sie war es gewohnt, sich auf niemanden außer auf sich selbst zu verlassen. Zwischen ihnen war klar ausgemacht: Betriebskosten und Einkäufe würden sie halbe-halbe zahlen, den Wohnungskredit würde weiterhin sie allein bedienen. In der Wirklichkeit hat sich jedoch nach und nach ein immer größerer Teil der alltäglichen Ausgaben ganz unauffällig auf Annas Schultern verlagert. Bei Lukas musste plötzlich die Bereifung fürs Auto erneuert werden, dann brauchte sein Cousin dringend Unterstützung, dann wollte er wieder Geld für irgendein nebuloses Start-up zur Seite legen. Anna hat geschwiegen. Sie sagte sich, in einer Familie dürfe man nicht wegen jeder Kleinigkeit herumrechnen.
Doch einen fremden Menschen dauerhaft in ihrem persönlichen Rückzugsraum zu dulden, noch dazu mit solchen Gewohnheiten, das hatte sie ganz sicher nicht vor.
Das Abendessen verlief in einer angespannten Stimmung. Barbara fand pausenlos etwas auszusetzen, vor allem an der Einrichtung.
„Die Vorhänge sind ja furchtbar finster. Da gehört ein heller Tüll hin, vielleicht mit kleinen Blümchen, etwas Freundlicheres. Und dieses riesige Sofa frisst ja das halbe Zimmer. Wenn einmal ein Kind da ist, wo soll es denn da herumrennen?“, dozierte die Schwiegermutter und stocherte mit der Gabel in ihrem Fisch. „Lukas, da müsst ihr euch über eine Umgestaltung Gedanken machen. Hier könnte man eine Wand einziehen und ein Kinderzimmer abtrennen.“
„Barbara“, unterbrach Anna sie leise, aber mit fester Stimme. „Diese Wohnung muss nicht umgeplant werden. Für mich passt hier alles genau so, wie es ist.“
Barbara hob erstaunt die Augenbrauen.
„Für dich? Anna, ihr seid doch jetzt eine Familie. Warum stellst du dich denn so egoistisch an? Heute passt es dir, morgen wird es Lukas vielleicht zu eng. In der Ehe gehört alles zusammen, da muss man an die Zukunft denken.“
Anna warf ihrem Mann einen deutlichen Blick zu. Sie wartete darauf, dass er sich einschalten und seiner Mutter erklären würde, wessen Zuhause das hier war. Doch Lukas kaute nur besonders gründlich weiter und starrte beharrlich auf seinen Teller.
Ein paar Tage vergingen. Der Besuch von Barbara, von dem Anna gehofft hatte, er werde höchstens ein Wochenende dauern, verwandelte sich ganz unmerklich in einen längeren Aufenthalt. Die Schwiegermutter erklärte, sie müsse sich in einer Wiener Spezialklinik untersuchen lassen, und das könne gut einen Monat in Anspruch nehmen.
Von da an kam Anna jeden Abend von der Arbeit heim und fand irgendeine neue Überraschung vor. Ihre sorgfältig ausgesuchten Lieblingsgewürze waren in alte Kaffeegläser umgefüllt worden. Die beschichtete Palatschinkenpfanne lag plötzlich blankgescheuert da, mit einem metallenen Schwamm bis auf einen silbrigen Glanz misshandelt.
„Deine Pfanne hab ich kaum sauber gekriegt“, verkündete Barbara an diesem Abend voller Stolz. „Die war ganz schwarz und so schmierig. Wie konntet ihr davon überhaupt essen? Das ist ja direkt unhygienisch!“
Anna ist damals wortlos ins Schlafzimmer gegangen und hat vor Kränkung fast zwanzig Minuten geweint. Die Pfanne hatte so viel gekostet wie ein halber Monatslohn eines durchschnittlichen Menschen, aber darum ging es nicht einmal in erster Linie. Viel schlimmer war diese grobe, selbstverständliche Grenzüberschreitung.
Abends machte es sich Barbara gern auf genau jenem Sofa bequem, das sie kurz zuvor noch am liebsten hinausgeworfen hätte, und schaute fern. Eines Tages zappte sie durch die Programme, blieb bei einem alten Film hängen und sagte, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen, mit gewichtiger Miene:
„Wenn ich dich so anschaue, Anna, wundere ich mich immer wieder. Du bist genau wie diese Frau aus dem alten Streifen: kommandierst überall herum, schleppst alles allein, hast den Griff einer Direktorin. Nur weibliches Glück baut man so nicht auf. Ein Mann braucht daheim Gemütlichkeit, Nachgiebigkeit, nicht dauernd deine Anweisungen und Vorschriften. Ein Mann muss sich als Hausherr fühlen dürfen!“
„Damit man sich als Hausherr fühlen kann, müsste man es vielleicht zuerst einmal sein“, entfuhr es Anna, während sie die schmutzigen Tassen vom Tisch einsammelte, die Barbara grundsätzlich überall stehen ließ.
„Wie meinst du denn das?“, fragte Barbara und kniff die Augen zusammen.
„Gar nicht besonders. Nur laut gedacht.“ Anna drehte das Wasser auf und spülte die Teereste aus.
Am nächsten Tag hatte Anna frei. Lukas war in die Arbeit gefahren, Barbara war zur Ambulanz unterwegs. Anna beschloss, endlich die Unterlagen zu ordnen. Die Frist für die Zahlung der Betriebskosten rückte näher, und Lukas warf die Zahlscheine gewöhnlich in die obere Lade des Schreibtisches im Wohnzimmer.
Sie zog die Lade auf und begann, die Papiere durchzugehen. Rechnung für Strom, Wasserabrechnung … Darunter lag eine feste Kunststoffmappe, die ihr dort bisher noch nie aufgefallen war. Aus der Mappe ragte der Rand eines Bankvertrags heraus.
Anna hatte keine Angewohnheit, in fremden Sachen herumzusuchen. Doch das Logo der Bank zog ihren Blick auf sich: Es war genau jene Bank, bei der Lukas sein Gehaltskonto hatte. Zögernd fasste sie den Papierbogen am Rand und zog ihn heraus.
Es war ein Kreditvertrag. Ausgestellt auf Lukas, vor drei Wochen abgeschlossen. Die Summe betrug 7.000 €. Ein Konsumkredit zu einem hohen Zinssatz.
