„Ich hab Lukas doch gebeten, gleich beim Umbau eine Fußbodenheizung machen zu lassen!“ sagte die fremde Frau selbstsicher, in Annas seidenem Morgenmantel auf der Kücheninsel sitzend, während Anna fassungslos hereintrat

Diese unverschämte Einmischung war zutiefst verletzend.
Geschichten

Anna runzelte die Stirn. Wofür brauchte Lukas auf einmal so viel Geld? Ein neues Auto hatte er nicht gekauft, größere Anschaffungen waren ihr ebenfalls nicht aufgefallen. Dafür fügten sich plötzlich Kleinigkeiten der letzten Monate zu einem unangenehmen Bild: Er hatte aufgehört, sich an den Lebensmitteln zu beteiligen, angeblich wegen ausstehender Prämien. Auch seinen Anteil für Internet und Garagenplatz hatte er schon länger nicht mehr überwiesen.

Sie blätterte weiter. In der Mappe lag noch ein zweites Papier: eine vorläufige Berechnung für eine Wohnbaufinanzierung. Als Kreditnehmer war Lukas eingetragen. In der Zeile „Eigenmittel“ stand ein Betrag, der auf verdächtige Weise ziemlich genau dem Verkehrswert von Annas Wohnung entsprach – abzüglich der noch offenen Restschuld ihres Kredits.

Ihr wurde eiskalt. Langsam ließ sie sich auf den Sessel sinken und starrte auf die Zahlen, als könnten sie sich gleich in etwas Harmloses verwandeln.

Am selben Abend war Anna auf dem isolierten Balkon mit ihren Pflanzen beschäftigt. Sie setzte ihren großen Ficus um und füllte konzentriert Erde in den neuen Topf nach. Die Tür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen. Lukas und Barbara kamen heim und redeten, ohne zu ahnen, dass Anna bereits da war, laut in der Küche miteinander.

„Hast du endlich mit ihr gesprochen?“, drang Barbaras unzufriedene Stimme zu ihr hinaus.

„Mama, jetzt wart halt“, murmelte Lukas gereizt. „Ich kann doch nicht einfach zu ihr gehen und sagen: ,Anna, verkauf deine Wohnung.‘ Die klammert sich daran, als ginge es um ihr Leben.“

„Dann benimm dich nicht wie ein Waschlappen!“, schnitt Barbara ihm scharf das Wort ab. „Warum glaubst du, bin ich hergekommen? Damit ich dir helfe! Bist du ein Mann oder nicht? Sag ihr, du willst Kinder. Sag ihr, ein Kind braucht eine ordentliche Dreizimmerwohnung in einer grünen Gegend. Wir verkaufen ihre Wohnung, zahlen ihre Restschuld ab, und mit dem, was übrig bleibt, nehmen wir etwas Neues. Und weil ihr verheiratet seid, läuft es dann als gemeinsames Vermögen. Noch besser wäre, wenn ein Teil gleich auf mich geschrieben wird. Ich bring ja schließlich auch meine Ersparnisse und das Geld vom Häuschen am Land ein. Dann wohne ich bei euch und helfe mit dem Enkerl. In meinem Kaff draußen gehe ich ohnehin schon ein.“

„Mama, ich hab doch eh schon 7.000 € für die Sanierung von deinem Wochenendhaus aufgenommen!“, gab Lukas nervös zurück. „Die Rate muss ich jeden Monat zahlen. Anna schaut mich sowieso schon schief an, weil ich kaum noch Geld ins Haus bringe. Wenn sie von dem Kredit erfährt, gibt es einen Riesenkrach.“

„Sie erfährt es nicht, wenn du dich ein bissl gescheiter anstellst!“, konterte Barbara. „Dann sagst du halt, du hast in irgendein Projekt investiert. Sie ist doch gut aufgestellt, diese reiche Dame mit ihren Blümchen verdient ja ordentlich. Soll sie uns einstweilen eben durchfüttern. Davon fällt ihr kein Zacken aus der Krone. Wichtig ist nur, dass du sie wegen der Wohnung weichklopfst. Fang an, ihr ständig einzureden, dass es hier zu eng ist und die Luft schlecht.“

Anna stand reglos auf dem Balkon und umklammerte die kleine Plastikschaufel. Erde rieselte ihr auf den Boden. Vor Empörung und Verletzung blieb ihr für einen Moment die Luft weg. Plötzlich war alles glasklar: diese Unverschämtheit, die herablassenden Bemerkungen, Barbaras Auftreten, als gehöre ihr die Wohnung bereits – all das war kein Zufall gewesen, sondern Teil eines absurden, aber ganz realen Plans, ihr die Wohnung aus der Hand zu nehmen.

Sie legte die Schaufel beiseite und klopfte sich die Hände ab. Ihr Herz schlug so heftig, dass es in den Schläfen pochte. Weinen wollte sie nicht. Stattdessen breitete sich in ihr eine kalte, messerscharfe Wut aus. Genau jene Wut, die ihr früher geholfen hatte, ihr Geschäft aufzubauen und sich in einem gnadenlosen Umfeld zu behaupten.

Anna öffnete die Balkontür und trat ins Wohnzimmer.

In der Küche verstummte das Gespräch augenblicklich. Lukas verschluckte sich an seinem Tee. Barbara erstarrte mit einem Stück Keks in der Hand.

„Ach, Annalein, wir haben gedacht, du bist noch in der Arbeit“, sagte Barbara mit einem aufgesetzten Lächeln. „Wir gönnen uns nur gerade ein bissl was Süßes.“

Ohne ein Wort ging Anna zu ihrem Schreibtisch, nahm die Mappe, kam in die Küche zurück und warf sie vor Lukas auf den Tisch.

„Was soll das sein?“, fragte er, während ihm die Farbe aus dem Gesicht wich.

„Genau das möchte ich von dir wissen, Lukas“, antwortete Anna mit eisiger Ruhe. „Was ist das für ein Kredit über 7.000 €? Und was ist das für eine Wohnbau-Berechnung mit Eigenmitteln, die rein zufällig dem Wert meiner Wohnung entsprechen?“

„Du hast in meinen Sachen herumgeschnüffelt?!“, versuchte Lukas sofort zum Angriff überzugehen und hob die Stimme. „Mit welchem Recht?“

„Ich habe die Belege für Betriebskosten und Strom gesucht, die du seit vier Monaten nicht zahlst!“, fuhr Anna ihn an. „Genauso wenig wie Lebensmittel. Genauso wenig wie irgendetwas anderes in diesem Haushalt.“

„Jetzt reicht’s aber, du schreist meinen Sohn nicht so an!“, mischte sich Barbara ein und stemmte sich schwerfällig vom Sessel hoch. „Na und, dann hat er eben einen Kredit aufgenommen! Er ist mein Sohn, er wollte mir beim Herrichten vom Haus helfen. Was ist daran so schlimm? In einer Familie unterstützt man einander!“

„Familie?“ Anna lachte kurz und hart auf. „Familie, Barbara, heißt für mich etwas ganz anderes.“

Hedis Stube