„Ich hab Lukas doch gebeten, gleich beim Umbau eine Fußbodenheizung machen zu lassen!“ sagte die fremde Frau selbstsicher, in Annas seidenem Morgenmantel auf der Kücheninsel sitzend, während Anna fassungslos hereintrat

Diese unverschämte Einmischung war zutiefst verletzend.
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„…nämlich, dass man aufeinander achtgibt. Ihr aber seid in meine Wohnung gekommen, habt meine Sachen ruiniert, meine Vorräte weggeschmissen, lebt auf meine Kosten – und jetzt besprecht ihr auch noch, wie ihr mich dazu bringen könnt, mein Eigentum zu verkaufen, damit ihr euch einen gemütlichen Lebensabend in einer neuen Dreizimmerwohnung finanzieren könnt.“

„Du hast das völlig falsch verstanden …“ Lukas griff hastig nach ihrer Hand, doch Anna zog sie angewidert zurück.

„Ich habe alles ganz genau verstanden. Ich bin die letzten zehn Minuten am Balkon gestanden.“

Barbara bekam rote Flecken im Gesicht. Offenbar war ihr klar geworden, dass Leugnen keinen Sinn mehr hatte. Also wechselte sie ohne Umweg in den Angriff.

„Wer bist denn du überhaupt, dass du uns Vorwürfe machst? Du gieriges Weib! Hast dich an meinen Sohn drangehängt! Seine besten Jahre verschwendet er an dich, in diesem Loch von Wohnung! Eine ordentliche Ehefrau hätte längst alles auf ihren Mann überschrieben, damit er sich als Familienoberhaupt fühlen kann. Aber du zitterst ja nur um dein Geld!“

„Mein Loch von Wohnung?“ Anna trat dicht an den Tisch heran. „Wunderbar. Wenn es hier so furchtbar ist, gibt es für euch keinen Grund, noch länger zu bleiben. Packt eure Sachen. Ihr beide.“

„Was?“ Lukas starrte sie entgeistert an. „Anna, spinnst du? Wohin sollen wir denn jetzt? Es ist mitten in der Nacht!“

„Das ist mir egal“, sagte Anna mit eisiger Ruhe. „Nehmt euch ein Hotelzimmer. Setzt euch auf den Bahnhof. Ihr habt eine Stunde. Wenn ihr danach noch hier seid, rufe ich die Polizei und erkläre, dass sich fremde Personen in meiner Wohnung aufhalten.“

„Das darfst du gar nicht!“, kreischte Barbara. „Lukas ist dein rechtmäßiger Ehemann! Er hat ein Recht, hier zu sein! Ihr habt den Wohnkredit doch gemeinsam bezahlt!“

„Der Kredit läuft auf mich und wurde vor der Ehe abgeschlossen. Sämtliche Raten während der Ehe sind von meinem privaten Konto abgegangen, auf das die Einnahmen aus meinem eigenen Geschäft eingehen. Die Kontoauszüge habe ich alle“, sagte Anna und sah auf die beiden hinab. „Du hast in diese Wohnung keinen einzigen Euro hineingesteckt, Lukas. Das lässt sich vor Gericht problemlos nachweisen. Und morgen in der Früh reiche ich die Scheidung ein.“

„Du bist ja verrückt!“, brüllte Lukas und sprang auf. „Wegen einer Wohnung machst du unsere Familie kaputt?“

„Eine Familie hat es nie gegeben, Lukas. Es hat nur mich gegeben – als bequeme Geldquelle. Die Stunde läuft.“

Die folgenden sechzig Minuten waren die lautesten, die diese Wohnung je erlebt hatte. Barbara hetzte von einem Zimmer ins nächste, schleuderte Kleidung und Kleinkram in Koffer, verfluchte Anna, ihre Eltern, ihre Blumen und gleich die ganze Stadt dazu. Lukas schwankte zwischen Drohungen und jämmerlichem Betteln, versprach, alles wieder gutzumachen, und beteuerte, er würde seine Mutter sofort heimschicken. Anna saß im Fauteuil, die Arme vor der Brust verschränkt, und schaute dem Schauspiel schweigend zu. In ihr war es überraschend still.

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ging Anna als Erstes zum Fenster und riss es weit auf. Kühle, frische Luft strömte herein. Der Geruch nach gebratenem Fisch und fremden Ansprüchen musste so rasch wie möglich hinaus.

Ein paar Monate später hatte Annas Leben endgültig eine neue Richtung genommen.

Die Scheidung war erstaunlich rasch über die Bühne gegangen. Nachdem Lukas begriffen hatte, dass er von der Wohnung keinen Anteil bekommen würde, versuchte er, die Hälfte seiner Kreditraten von ihr einzuklagen. Er behauptete, das Geld sei für „familiäre Zwecke“ verwendet worden. Doch weil es keine Rechnungen gab und die Aussagen der Handwerker, die Barbaras Haus hergerichtet hatten, eine klare Sprache sprachen, war die Sache schnell erledigt. Lukas blieb mit seinen Schulden allein zurück.

Anna hatte gleich am Tag nach ihrem Auszug die Schlösser tauschen lassen. Danach stellte sie die Möbel um, kaufte für das Sofa eine neue, noch flauschigere Decke und besorgte sich eine neue Palatschinkenpfanne, besser als die alte. Auch ihr Blumengeschäft entwickelte sich prächtig. Befreit von der ständigen seelischen Anspannung und davon, die finanziellen Launen ihres Mannes mittragen zu müssen, mietete sie den Nebenraum dazu und begann, Floristikkurse anzubieten.

Lukas versuchte noch mehrmals, Kontakt aufzunehmen. Er schrieb lange Nachrichten darüber, wie sehr er sich geirrt habe, wie sehr er sie vermisse, und beklagte sich darüber, dass das Leben mit seiner Mutter in deren winziger Wohnung unerträglich sei. Barbara nörgle wegen jedem Euro herum und zwinge ihn, sein ganzes Gehalt für die Rückzahlung des Kredits abzugeben. Anna las diese Nachrichten nicht einmal zu Ende. Sie verschob sie einfach ins Archiv.

Wenn sie nun nach einem anstrengenden Arbeitstag heimkam, sperrte sie die Tür auf und atmete mit Genuss den Duft von Eukalyptus und frisch aufgebrühtem Kaffee ein. In ihrer Wohnung herrschte vollkommene Ruhe. Und niemand wagte es mehr, ihr vorzuschreiben, wohin ein Waschbecken gehörte oder welche Vorhänge an ihre Fenster sollten.

Hedis Stube