Der Schlüsseldienst ist eine halbe Stunde später gekommen. Anna stand im Vorzimmer, den Rücken an die Wand gelehnt, und sah zu, wie der Handwerker das Schloss an der Eingangstür zerlegte. Als der alte Mechanismus plötzlich in seiner Hand lag, hat in ihr etwas leise geklickt. Vielleicht war genau das diese Befreiung, von der alle nach einer Scheidung reden.
„Ein gutes Schloss haben Sie sich da ausgesucht“, meinte der Mann, während er den neuen Zylinder einpasste. „Stabil. Wollen Sie zusätzlich noch ein Sicherheitsschloss?“
„Ja“, sagte Anna ohne jedes Zögern. „Ich möchte zwei Schlösser. Damit ganz sicher ist, dass niemand einfach so hereinkommt.“
Der Handwerker nickte und machte sich wieder an die Arbeit. Anna ging ins Zimmer hinüber. Auf dem Tisch lagen die Scheidungspapiere. Der Stempel im Pass fehlte zwar noch, aber die Unterlagen vom Gericht hatte sie bereits in der Hand. Alles war sauber geregelt, alles rechtmäßig. Keine gemeinsamen Kredite, kein gemeinsames Eigentum. Die Wohnung hatte Anna zwei Jahre vor der Hochzeit von ihrer Großmutter geerbt, also gab es auch nichts aufzuteilen.
Lukas hatte damals über diese Einzimmerwohnung in dem alten Haus noch gelacht.

„Du solltest sie lieber verkaufen, dann kaufen wir uns etwas Ordentliches“, hatte ihr Mann immer wieder gesagt. „In einer neuen Gegend, mit einer vernünftigen Raumaufteilung.“
Und nun war ausgerechnet diese Wohnung Annas Rettung geworden. Achtunddreißig Quadratmeter, die nur ihr gehörten. Ein eigener Platz, an dem niemand Befehle erteilte, niemand ihre Fernsehsendungen schlechtmachte und niemand schmutzige Teller in der Abwasch stehen ließ.
„Fertig“, verkündete der Schlosser. „Probieren Sie es bitte aus.“
Anna nahm die neuen Schlüssel und drehte sie mehrmals in beiden Schlössern. Die Tür fiel mit einem weichen Klicken ins Schloss. Von jetzt an würde niemand mehr diese Wohnung betreten, wenn die Hausherrin es nicht erlaubte.
„Danke“, sagte Anna und bezahlte den Mann.
Nachdem sich die Tür hinter dem Handwerker geschlossen hatte, blieb Anna mit dem Rücken dagegen stehen und machte die Augen zu. Stille. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr war es wirklich still. Kein Lukas, der ununterbrochen telefonierte. Kein Fernseher, den er früh am Morgen einschaltete und erst spät in der Nacht wieder abstellte.
Anna ging zum Fenster und riss es weit auf. Die Juliluft strömte ins Zimmer und brachte den Duft blühender Linden vom Nachbarhof herein. Irgendwo unten spielten Kinder, ihre Stimmen vermischten sich mit dem dumpfen Rauschen der Autos von der weiter entfernten Straße. Gewöhnliche Sommergeräusche, die früher im familiären Durcheinander völlig untergegangen waren.
In der Küche standen im Eiskasten nur ein Joghurt und eine Packung Topfen. Anna öffnete die Tür, blieb einen Moment davor stehen, betrachtete die bescheidenen Vorräte und musste schmunzeln. Lukas hatte sich ständig beschwert, im Haus gebe es nichts „Gescheites“ zu essen. Ab jetzt würde sie nur noch kaufen, worauf sie selbst Lust hatte. Keine Wurst, die er jeden Morgen zum Frühstück verlangte. Keine fertigen Teigtascherl dreimal in der Woche zum Abendessen.
Anna nahm das Joghurt heraus, zog den Deckel ab und begann, direkt aus dem Becher zu essen, während sie am Fenster stand. Früher hatte Lukas bei diesem Anblick das Gesicht verzogen.
„Wie im Studentenheim“, hatte er gemurrt. „Kann man sich nicht normal an den Tisch setzen?“
Jetzt durfte sie essen, wo sie wollte und wie sie wollte. Freiheit schmeckte überraschend gut – süß, mit Erdbeerjoghurt auf der Zunge.
Das Telefon läutete, als Anna gerade den Becher ausspülte. Eine unbekannte Nummer. Sie runzelte die Stirn. Solche Anrufe bedeuteten meistens nichts Angenehmes.
„Ja?“, meldete sie sich vorsichtig.
„Anna?“ Aus dem Hörer kam eine vertraute Stimme. „Ich bin’s. Lukas.“
Anna erstarrte, den nassen Becher noch in der Hand. Ihr Exmann. Woher hatte er diese neue Nummer? Und warum rief er überhaupt an?
„Was willst du?“, fragte sie kühl.
„Wir müssen reden. Können wir uns treffen?“
„Nein“, schnitt Anna ihm das Wort ab. „Wir haben alles vor Gericht besprochen.“
„Anna, bitte, hör mir doch kurz zu …“ Lukas sprach weicher als sonst, beinahe einschmeichelnd. „Ich verstehe ja, dass du wütend bist. Aber es gibt ein Problem, das gelöst werden muss.“
„Was denn für ein Problem?“
„Mama. Sie muss vorübergehend irgendwo wohnen. Wirklich nur für ein paar Monate.“
Anna stellte den Becher auf den Tisch und umklammerte das Telefon fester. Die Schwiegermutter. Maria. Genau diese Maria, die ihr während der ganzen Ehe erklärt hatte, wie man Suppe richtig kocht, Wäsche ordentlich zusammenlegt und den Mann nach der Arbeit zu empfangen hat.
„Und was habe ich damit zu tun?“, fragte Anna.
„Na ja, wie meinst du das? Du kennst sie doch. Sie hat dich immer gerngehabt.“
„Hat sie“, gab Anna zurück. „Aber wir sind geschieden, Lukas. Ich gehöre nicht mehr zu deiner Familie.“
„Anna, bitte …“ Lukas schwieg kurz, dann seufzte er. „Ich weiß, ich verlange viel. Aber ich habe sonst niemanden, an den ich mich wenden kann.“
„Und deine neue Frau?“, fragte Anna geradeheraus.
Wieder entstand eine Pause. Lukas räusperte sich.
„Lena … sie kann nicht. Zwischen ihr und meiner Mutter funktioniert es nicht. Überhaupt nicht.“
„Verstehe“, sagte Anna.
